Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 138 (September 2014)

Es hilft nur Leben

Es hilft nur Leben

Von Markus Korn, Landesstelle Tirol, Österreichische Vereinigung Morbus Bechterew

Lebensqualität mit gezielten Strategien zurückgewinnen

Der Druck und die Anforderungen der Gesellschaft nehmen ständig zu. Die Auswirkungen sind oft extrem und gipfeln darin, dass gesunde Menschen zu Arzneimitteln greifen, in der Hoffnung, sich damit zu „optimieren“. Andere lassen sich von Chirurgen ihren Körper den neuen Moden entsprechend gestalten. Es geht unaufhörlich darum, Herausforderungen und Probleme in noch kürzerer Zeit zu meistern, mehr Leistung zu erbringen, sich ständig zu verbessern und dabei noch gesund und glücklich zu sein. Es setzt sich eine gesellschaftliche Norm durch, die vorgibt: „Man hat gepflegt zu altern, niemandem zur Last zu fallen, und so aussehen darf man schon gar nicht“.

Dann kommt vielleicht für manchen die Diagnose „chronisch erkrankt“. Was nun?

Wer erfährt, dass er an einer chronischen Krankheit leidet, die den Rest seines Lebens beeinträchtigen kann oder wird, empfindet erst einmal Angst und Hilflosigkeit. Ein tiefes Loch tut sich auf, das Leben scheint plötzlich an Qualität verloren zu haben, nicht mehr lebenswert zu sein. Je nach persönlicher Lebenssituation stellen sich die Fragen:

  • Was bin ich mir, was bin ich anderen  als „Kranker“ noch wert?
  • Wie sieht die familiäre, berufliche und finanzielle Zukunft aus?
  • Wie gehe ich mit meinen Ängsten und meinen Schmerzen um?
  • Werde ich einmal dauerhaft auf die Hilfe anderer angewiesen sein?

Betroffene mit einer chronischen Krankheit müssen sich aus einem seelischen Tief herausarbeiten und brauchen unser aller Unterstützung, um die neue Lebenssituation meistern zu können. Viele chronisch Erkrankte schaffen es jedoch, ihre Freude am Leben wiederzufinden. Gezielte Lebensumstellungen zur Bewältigung der alltäglichen Probleme helfen, neue Perspektiven zu entwickeln und Lebensqualität zurückzugewinnen.
Jeder Tag ist eine neue anstrengende, aber auch spannende Herausforderung.

Ein erster Schritt ist wohl oder übel, sich zur Krankheit zu bekennen

Die meisten Menschen, die erfahren, chronisch krank zu sein, wollen dies verheimlichen und auch sich selbst gegenüber nicht eingestehen. Chronisch krank zu sein bedeutet aber, damit leben zu lernen, die eigene Lebensplanung dem ständigen Auf und Ab der Krankheit und den damit verbundenen Gefühlen anzupassen. Es kostet langfristig viel mehr Kraft, sie zu verbergen, als sich ihr zu stellen.

Die chronische Krankheit im Bauchladen vor sich herzutragen, bringt das was?

Andere Betroffene stehen zu ihrer Krankheit, aber ihre Gedanken kreisen fast nur noch darum. Sie erzählen jedem davon, ob er es hören will oder nicht. Sie tragen ihre Krankheit wie in einem „Bauchladen“ vor sich her und die Mitmenschen reagieren darauf verständlicherweise nach einiger Zeit oft ablehnend. Im Laufe der Zeit finden die Patienten meist jedoch einen guten Mittelweg. Sie lernen, den Mitmenschen und sich selbst gegenüber offen, aber nicht aufdringlich zu sein.

Man ist selbst der beste Experte für die Krankheit und deren Bewältigung

Patienten gelangen zur Erkenntnis: „Ich selbst bin der beste Experte für meine Situation“. Dieses Bewusstsein hilft, wenn es darum geht, sein Leben mit der Krankheit neu einzurichten. Wenn Patienten an dieser Einstellung arbeiten, können sie damit auch Ärzte und Therapeuten in der Behandlung wesentlich unterstützen. Es ist keine Schande, eventuell auch die Hilfe von Profis anzunehmen. Im Gegenteil, es ist Stärke.

Die Sichtweise verändern, um die Situation zu bewältigen

Es ist sinnvoll, den Blick davon wegzulenken, was wegen der Erkrankung nicht mehr geht, und darauf zu richten, was noch gut geht – statt eines halbleeren wieder ein halbvolles Glas zu sehen, das eigene Leben aktiv zu verändern, um besser mit der Krankheit umgehen zu können.
Der Wert eines Menschen ist nicht geringer, weil er chronisch krank ist.

Anschrift des Verfassers: Sonnenhoffeld 26, 6370 Kitzbühel, ÖSTERREICH
Quelle:     AKTIV, Mitgliederzeitschrift der Österreichischen Vereinigung Morbus Bechterew, Heft 121 (Juni 2014)