Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 138 (September 2014)

Mein persönlicher Umgang mit Regenbogenhautentzündungen

von Erhard Och, Fotograf und Journalist, Uttenreuth (Fränkische Schweiz)

Mein früherer Augenarzt, ein alter Kämpfer in einer Landpraxis, regte mich Journalisten an, etwas über das Krankheitsbild der Uveitis zu schreiben. Diese das Innere des Auges betreffende Krankheitsgruppe, zu der die Iritis (Regenbogenhautentzündung) dazugehört, sei in der Öffentlichkeit unterbelichtet, sie „hätten kaum eine Lobby“. Hier wage ich nun einen Versuch, meine eigenen Erfahrungen mit Regenbogenhautentzündungen aufzuschreiben, und zwar mit dem Fokus auf soziale, seelische und religiöse Aspekte. Immerhin sind ca. 40 % der Bechtis von Iritis-Episoden betroffen, wie man im Morbus-Bechterew-Journal lesen konnte1. Schulmedizinisch war erst vor kurzem der augenärztliche Stand im Morbus-Bechterew-Journal beschrieben2. Wohl korrekt, was Verlauf und Medikation betrifft, aber Tipps über den geistigen Umgang mit diesem chronischen Geschehen bekam ich da nicht.

Der Verfasser beim Augenarzt
Der Verfasser beim Augenarzt

Meine ersten Iritiden überfielen mich (Jahrgang 1960) Ende der 1980er Jahre mit einer einschneidenden Wucht. Die ganze Leier begann: starke Rötung eines Auges, Licht schmerzt, nötige Pupillenweitstellung, schmerzhafte „Augenschübe“ meist nachts, zutiefste Verunsicherung, Hineingeschmissenwerden ins Dunkel. Ich erinnere mich an einen besonders „krallenden dramatischen Verlauf“, wo es auch zu einer Schwellungskomplikation des betroffenen Auges kam. Die typische Zeitdauer war immer vier bis sechs Wochen.

Zur Ausheilung gehörte/gehört immer das „radikale Nehmen einer Auszeit“: Abdunkeln der Wohnung, Schonung, nur das Nötigste machen. Alles, was mit Sehen zu tun hat, stresst. PC-Arbeit, TV, Lesen. Tageslicht stresst, auch mit Sonnenbrille, oder Sonnenbrille und Augenklappe auf dem betroffenen Auge. Die erholsame nötige Bewegung an der frischen Luft holte/hole ich mir dann immer in den Dämmerungszeiten oder nachts, bloß nicht in der gnadenlosen Helligkeit des Tageslichts. Manche Spaziergänger wundern sich wohl über mich „lichtscheues Gesindel“, der selbst in der Dämmerung seine Augen hinter dunklen Gläsern verbirgt. Von meinen 53 Lebensjahren  habe ich schon locker mehr als ein Jahr in Iritis-Auszeiten verbracht, Tag um Tag, Nacht um Nacht, Tropfpläne einhalten, Bangen um günstige Verläufe, Leben im Halbdunkel, im Dunkel, ein „Dunkelgänger“...
Der Startpunkt der Iritis wird bei mir oft begünstigt durch ein Zusammenkommen mehrerer Faktoren: Eine windige, zugige Übergangsjahreszeit in Kombination mit viel Stress und Funktionieren-müssen im Außen. Der „Ausschleichvorgang“, die Heilung war/ist immer eine Gnade, eine Gunst. Wenn meine Lebenskräfte durch Schonung und gute Lebensführung wiederkehren, „schwächt sich“ der Augenentzündungsprozess (die Iritis tritt an EINEM Auge auf, aber immer sind BEIDE Augen betroffen!) ab und klingt überraschend ab. Es braucht oft ca. einen Monat, nach meinen Erfahrungen unabhängig von dem Einnehmen  der üblichen Cortisontropfen.

Die Iritiszeiten, besonders manche in den 90iger Jahren, waren mit die schwersten meines Lebens, insbesondere weil ich in früheren Jahren als wenig vernetzter Single in solchen Phasen allein damit fertig werden musste. Kaum den Alltag bewältigen könnend, risikoreiche Fahrten, augenbeklappt und bechtisteif, mit eigenem Pkw zu Augenärzten, wo ich mir eigentlich dringend einen Fahrer hätte organisieren müssen. Überhaupt „überleben können“, das blanke Überleben stand im Raum. Noch dazu konnte/kann ich in Iritis-Zeiten als Journalist, der mit Fotografie auch seinen Lebensunterhalt verdient, keine müde Mark machen. Verdammt? ein Verdammter? … Nein!!! Verdammt nochmal: Nein!!!
Ich hegte/hege eine gewisse Hoffnung auf immer sanftere Verläufe. Gewissermaßen ein Ausschleichen der Iritiden. Besonders durch meine intensive Praxis von Qigong-Übungen, die mich seit dem Jahr meiner Morbus-Bechterew-Diagnose 1995 begleiten. Viele sanftere Verläufe der Iritiden der letzten Jahre stimmen mich zuversichtlich. Spannend verlief meine letzte Iritis. Sie ließ sich erstaunlich lang Zeit, einen guten Monat, fuhr in der zweiten Woche zu einer mittleren Heftigkeit auf und hielt sich dann noch gute zwei zähe Wochen. Seit einigen Tagen ist es gefühlt überwunden, hinter mir. Diesmal gelang mir der Rückzug kraftvoller, freudiger. Ich stimmte der Iritis zu, ich begrüßte sie, ich wusste zu Beginn: das Dunkel der nächsten Wochen wird mich beschenken, und so war es auch: im seelischen Bereich durchschritt ich geordnet eine seelische Krise und wuchs daran, und spannende Erkenntnisse, deren Darstellung hier zu weit führen würde, lassen mich zuversichtlicher in die Zukunft schauen denn je.

Eine Idee werde ich ab sofort ernsthafter verfolgen: in kritischen Zeiten schon vor dem Ausbruch einer Iritis mich freiwillig einer „Wellness-Dunkel-Rückzugszeit“ unterziehen. Da kann in einer knappen Woche schon viel gewonnen sein. All die Instrumentarien, Hausmittel, die ich jetzt in meiner Iritis-Zeit angewendet habe, dann – schon bevor sie sich wieder meldet – zelebrieren. Auf Ablenkung verzichten, Außenreize wie TV oder PC radikal einschränken. Kraftvoll in die Nacht der eigenen Seele schreiten. Im mich dem „Großen schattigen Yin“ anvertrauen, dem Dunkeln, liegt für mich eine große Heilkraft. Wenn es mir mehr und mehr gelingt, Schattenanteile zu integrieren und mich mutig auch an schmerzhafte, aber reife Veränderungsprozesse zu wagen, dann werden auch die Iritis-Zeiten ihre „fremde Dramatik“ verlieren. Und mich mehr und mehr bereichern. Und – wie diesmal – auch beschenken. Lebensnotwendig.

1) MBJ Nr. 107 S. 18, Nr. 120 S. 15
2) MBJ Nr. 134 S. 12–16

Anschrift des Verfassers:
Karl-Bröger-Straße 22, 91080 Uttenreuth