Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 139 (Dezember 2014)

Morbus Bechterew – Teil eines verzweigten Fluss-Systems

von Prof. Dr. Atul Deodhar, Oregon Health & Science University in Portland, USA


Bei der ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew) wurde durch die modifizierten New-York-Kriterien1  festgelegt, dass die Diagnose dieser Krankheit erst gestellt wird, wenn deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke zu sehen sind. Solche Veränderungen entwickeln sich aber oft erst Jahre nach den ersten Beschwerden.
Als Sammelbegriff für Krankheiten, bei denen Entzündungen in der Wirbelsäule und/oder in den Kreuzdarmbeingelenken im Vordergrund stehen, wurde von der Assessment of SpondyloArthritis international Society (ASAS) der Begriff axiale Spondyloarthritis (ax-SpA) eingeführt.2 Er umfasst die ankylosierende Spondylitis und die nicht-röntgenologische axiale SpA (ohne deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke).3
Ein Überblick über die möglichen Krankheitsverläufe im Rahmen einer axialen Spondyloarthritis ist im Bild 1 zusammengestellt.

Das Krankheitsspektrum

Die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis ist nicht einfach das Frühstadium des Morbus Bechterew. Der Begriff umfasst das ganze Krankheitsspektrum mit Entzündungen in den Kreuzdarmbeingelenken und/ oder der Wirbelsäule, bei der später knöcherne Veränderungen im Sinne eines Morbus Bechterew entstehen können oder auch nicht.
Das häufigste Frühsymptom sind mehr als drei Monate andauernde Kreuzschmerzen, meist in Form entzündlicher Kreuzschmerzen4. Weitere Beschwerden wie unsymmetrische Entzündung weniger Gelenke (Oligoarthritis), Schuppenflechte (Psoriasis), Regenbogenhautentzündung (Iritis, Uveitis) oder Sehnenansatzentzündung (Enthesitis) können im Frühstadium ebenfalls vorliegen und verstärken den Verdacht auf eine Spondyloarthritis.
Beobachtungsstudien über einen längeren Zeitraum ergaben, dass innerhalb von 2 Jahren 12% der Patienten in einen Morbus Bechterew übergehen. Auf lange Sicht sind es 70% der Patienten mit einer nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis. Risikofaktoren dafür sind:

  • ein hoher Entzündungs-Laborwert (CRP),
  • umfangreiche Entzündungszeichen im Magnetresonanzbild der Kreuzdarmbeingelenke (MRT),
  • männliches Geschlecht und
  • Rauchen.

Vorteil der ASAS-Kriterien für die axiale Spondyloarthritis ist die Einbeziehung der nicht-röntgenologischen Krankheitsform, die es dem Rheumatologen ermöglicht, frühzeitig mit einer sachgerechten Therapie zu beginnen.

Krankheitslast

Studien haben gezeigt, dass die Krankheitslast der nicht-röntgenologischen axialen SpA (gemessen mit erprobten Methoden wie dem BASDAI) derjenigen einer ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew) durchaus vergleichbar sein kann. In begründeten Fällen ist deshalb auch eine Behandlung mit vergleichbaren Methoden gerechtfertigt.     

Anschrift des Verfassers: Division of Arthritis & Rheumatic Diseases, Oregon Health & Science University 3181 SW Sam Jackson Park Road, Portland, OR 97239, USA
Quelle: Auszugsweisee Übersetzung eines in The Rheumatologist vom Mai 2014 erschienenen Artikels (dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)

1) MBJ Nr. 100 S. 5, Nr. 106 S. 6, Nr. 123 S. 7, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
2) MBJ Nr. 123 S. 5, Nr. 129 S. 36–37, Nr. 132 S. 5–6
3) MBJ Nr. 131 S. 4–6, Nr. 132 S. 5–6, Nr. 137 S. 22–23
4) MBJ Nr. 122 S. 13 und DVMB-Schriftenreihe Heft 13

Bild 1: Der mögliche Verlauf einer axialen Spondyloarthritis (SpA) wird hier mit einem Fluss verglichen. Manche Patienten haben die erbliche Veranlagung zu einer axialen SpA, haben aber lebenslang keine Anzeichen für die Krankheit (A). Nach einer neuen
Bild 1: Der mögliche Verlauf einer axialen Spondyloarthritis (SpA) wird hier mit einem Fluss verglichen. Manche Patienten haben die erbliche Veranlagung zu einer axialen SpA, haben aber lebenslang keine Anzeichen für die Krankheit (A). Nach einer neuen Studie haben 6% der US-Bürger entzündliche Rückenschmerzen (B), aber nur ein kleiner Teil von ihnen bekommt eine nicht-röntgenologische axiale SpA (C). Bei einigen davon verschwindet die Krankheit wieder von selbst (D), andere haben einen beschwerdearmen Verlauf (E). Studien ergaben, dass 12% der Patienten mit einer nicht-röntgenologischen axialen SpA innerhalb von 2 Jahren eine ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew, mit deutlichen Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke) entwickeln (F), während andere weiterhin eine nicht-röntgenologische axiale SpA haben (G). Einige der Morbus-Bechterew-Patienten haben einen relativ gutartigen Verlauf (H), andere einen Krankheitsverlauf mit schweren Spätfolgen (I).