Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 139 (Dezember 2014)

Bild 1: Rekonstruktion eines Phytosaurier-Skeletts, nach F. von Huene (1913)
Bild 1: Rekonstruktion eines Phytosaurier-Skeletts, nach F. von Huene (1913)

Spondyloarthritis vor 220 Millionen Jahren

von Dr. Gesine Steiner, Museum für Naturkunde Berlin

Bild 2: Überbrücktes Brustwirbelseg-ment eines Phytosauriers aus der späten Trias aus Halberstadt. AB von der Körperseite gesehen, CD von der Bauchseite gesehen, EF vom Rücken her gesehen.
Bild 2: Überbrücktes Brustwirbelseg-ment eines Phytosauriers aus der späten Trias aus Halberstadt. AB von der Körperseite gesehen, CD von der Bauchseite gesehen, EF vom Rücken her gesehen.

Paläontologen des Berliner Museums für Naturkunde berichteten zusammen mit einem Radiologen der Charité und einem Tiermediziner des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung im Wissenschaftsmagazin PLoS One von einem außergewöhnlichen Fund einer entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung bei einem fossilen Reptil. Die Forscher entdeckten deformierte Wirbelknochen des Sauriers „Angistorhinopsis ruetimeyeri“ in der Sammlung des Museums, die auf eine Spondyloarthritis zurückzuführen sind.
Die etwa 220 Millionen Jahre alten Überreste stammen aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt (an einer Stelle, an der heute ein Supermarkt steht) und gehörten zu einem amphibisch lebenden und Fisch fressenden Tier, das Ähnlichkeit mit einem Krokodil hat und mit Dinosauriern nahe verwandt ist (Bild 1). Obwohl die – auch Krokodilsaurier genannten – Phytosaurier nicht selten auftreten, sind Knochenkrankheiten bei ihnen nur spärlich und ausschließlich für den Bereich des Schädels dokumentiert. Die Funde in den Sammlungen des Museums für Naturkunde Berlin zeigen deutliche Spuren einer entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung (Bild 2), die an mehreren Stellen der Wirbelsäule zu sehen ist und den Phytosaurier scheinbar sein ganzes Leben lang schmerzhaft begleitet hatte.

Eine Bestimmung der Ursache für die Wirbelsäulenveränderungen und sogar eine Abschätzung ihres zeitlichen Verlaufs wurde vor allem durch die Untersuchung der Knochen mit der Computertomographie möglich (Bild 3). Am Skelett finden sich insgesamt drei verschiedene krankhafte Veränderungen:

  1. Zwei verwachsene Brustwirbel, bei denen das Zwischenwirbelgelenk verknöchert ist,
  2. die Verwachsung und starke Verkürzung des letzten Rückenwirbels mit dem ersten Beckenwirbel und
  3. eine Zerstörung und extreme Abtragung der vorderen Gelenkfläche am letzten Rückenwirbel.

Diese Veränderungen können mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Spondyloarthritis zurückgeführt werden, eine nicht durch Krankheitserreger verursachte entzündliche Wirbelsäulenkrankheit, bei der sich typischerweise Knochenbrücken zwischen den Wirbelkörpern bilden und unterlagernder Knochen mit Knorpel häufig stark erodiert wird. Der bereits stark abgetragene letzte Rückenwirbel zeigt eindrucksvoll, dass diese Krankheit schon im frühen Leben des Phytosauriers ausgebrochen sein muss und ihn über seinen Lebenszyklus hinweg begleitete, ohne direkt zum Tode zu führen.

Ein fossiler Nachweis von entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen bei fossilen Reptilien ist immer noch außergewöhnlich1 und daher ein wichtiger Befund. Im Gegensatz dazu sind Spondyloarthritiden bei Menschen nicht selten (eine Variante ist z.B. als Morbus Bechterew bekannt), wo sie aber durch Physiotherapie und Medikamente meist gut therapiert werden können.

Anschrift der Verfasserin: Museum für Naturkunde Invalidenstr. 43, 10115 Berlin
Quelle der Abbildungen: Witzmann F, Schwarz-Wings D, Hampe O, Fritsch G, Asbach P: Evidence of Spondyloarthropathy in the Spine of a Phytosaur (Reptilia: Archosauriformes) from the Late Triassic of Halberstadt, Germany PLoS One Band 9 (2014) Artikel e85511

1) Über derartige Befunde an Dinosaurier-Fossilien berichteten wir im MBJ Nr. 105 S. 28–29, Anmerkung der Redaktion.

Bild 3: Computertomogramme eines Wirbelsäulensegments. A B von der Körperseite gesehen, C D in Richtung der Körperachse gesehen. nc ist der Rückenmarkkanal.
Bild 3: Computertomogramme eines Wirbelsäulensegments. A B von der Körperseite gesehen, C D in Richtung der Körperachse gesehen. nc ist der Rückenmarkkanal.