Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 140 (März 2015)

Des Pharaos neue Diagnose

Von Dr. Sahar N. Saleem und Dr. Zahi Hawass, Universität Kairo, Ägypten

Die Untersuchung der Relikte früherer Menschen kann uns helfen, die historische Entwicklung einer Krankheit zu verstehen und ihre Weiterentwicklung in der Zukunft vorauszusagen. Die Mumien der Alten Ägypter sind eine unschätzbare Wissensquelle für alte Krankheiten. Die gut erhaltenen königlichen Mumien aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. im Ägyptischen Museum in Kairo sind wiederholt medizinisch und radiologisch untersucht worden. Die Röntgenaufnahmen wurden 1980 in einem umfangreichen Atlas veröffentlicht. Aus den Röntgenaufnahmen wurde geschlossen, dass mindestens 3 Pharaonen an einer ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew) litten: AMENHOTEP II, RAMSES II „der Große“ und sein Sohn MERENPTAH.1 2004 unterzogen CHHEM u.a. die vorhandenen Röntgenaufnahmen einer nochmaligen Analyse und äußerten Zweifel an der Diagnose Morbus Bechterew. Es könnte sich auch um eine Diffuse Idiopathische Skelett-Hyperostose (DISH) handeln, einer auch als Morbus Forestier bezeichneten nichtentzündlichen (verschleißbedingten) Wirbelsäulenerkrankung, die häufig im Alter auftritt und ebenfalls zur Wirbelsäulenversteifung führen kann.2 Sie schlugen eine Überprüfung ihrer Vermutung mittels Computertomographie vor. Im Rahmen eines Großprojekts werteten wir Computertomogramme von 13 altägyptischen Pharaonenmumien aus und verglichen die Befunde mit der archäologischen Literatur. Wir suchten dabei auch nach Hinweisen auf Morbus Bechterew oder Morbus Forestier. Als Nachweis für einen Morbus Bechterew suchten wir nach Erosionen oder knöchernen Überbrückungen der Kreuzdarmbeingelenke, nach Überbrückungen kleiner Wirbelgelenke und nach Veränderungen der Wirbelkörperform (Kastenwirbelbildung und Syndesmophyten). Als Nachweis für einen Morbus Forestier suchten wir nach einer durchgehenden Überbrückung von mindestens 4 benachbarten Wirbeln mit oder ohne Osteophyten mit unveränderter Bandscheibenhöhe. Außerdem achteten wir auf Veränderungen der Schulterund Hüftgelenke und Sehnenansätze und achteten besonders darauf, ob irgendwelche Befunde durch Folgen des Mumifizierungsprozesses vorgetäuscht sein könnten.

Untersuchungsergebnisse

Der Erhaltungszustand der 13 Mumien war im allgemeinen gut. Wirbelbrüche bei einigen Mumien, die offensichtlich nach dem Tod verursacht wurden, störten die Auswertung der Computertomogramme nicht. In 11 Mumien sind die Kreuzdarmbeingelenke gut erhalten und zeigen keine Erosionen oder Überbrückungen. Bei der Mumie von AMENHOTEP III. sind die Darmbeine vom Kreuzbein getrennt und die freiliegenden Knochen zeigen ebenfalls keine Erosionen oder Überbrückungen. Die Trennung mag als indirektes Zeichen dafür angesehen werden, dass diese Gelenke nicht überbrückt waren. Bei der Mumie von TUTANCHAMUN fehlt die linke Hälfte des Kreuzbeins, aber das rechte Kreuzdarmbeingelenk ist normal. Weder bei RAMSES II. „dem Großen“ (Bild 1) noch bei den anderen 12 Mumien gibt es einen Hinweis auf eine ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew).

Bild 1: Computertomographie-Bilder der Kreuzdarmbeingelenke und der Wirbelsäule von Ramses II. „dem Großen“ (1279–1213 n. Chr.). A. Die Kreuzdarmbeingelenke zeigen geringe verschleißbedingte Knochenveränderungen (Pfeile). Die Abwesenheit von Ero
Bild 1: Computertomographie-Bilder der Kreuzdarmbeingelenke und der Wirbelsäule von Ramses II. „dem Großen“ (1279–1213 n. Chr.). A. Die Kreuzdarmbeingelenke zeigen geringe verschleißbedingte Knochenveränderungen (Pfeile). Die Abwesenheit von Erosionen und knöchernen Überbrückungen spricht gegen die Diagnose einer ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew). B. Seitliche Ansicht der Brustwirbelsäule mit Verknöcherung des vorderen Längsbands vom 6. bis zum 9. Brustwirbel (Pfeile), mit normaler Bandscheibenhöhe und ohne Überbrückung der kleinen Wirbelgelenke. Diese Befunde sprechen für eine DISH Morbis Forestier).

Bei 5 Mumien (AMENHOTEP III, YUYA, RAMSES II, MERENPTAH und RAMSES III) fanden wir Verknöcherungen an der Vorderseite von Wirbeln. Bei Yuya, der 60 Jahre alt wurde, fanden wir kleine nicht überbrückende Osteophyten (stierhornförmig aussehende Knochenneubildungen an einer Wirbelkörperkante), die für eine Spondylose sprechen. Die Mumien von Amenhotep III (50 Jahre alt geworden), Ramses II (87 Jahre), seinem Sohn Merenptah (55 Jahre), and Ramses III (60 Jahre) zeigen durchgehende Verknöcherungen an der rechten Seite des vorderen Längsbands über mindestens 4 Wirbel ohne Verlust der Bandscheibenhöhe. Dies und das Fehlen von Überbrückungen kleiner Wirbelgelenke erfüllen die Kriterien für DISH (Morbus Forestier). Die Rekonstruktionen 2- und 3-dimensionaler Ansichten aus vielen Computertomographie-Schnittbildern (Bild 2) zeigen deutlich den Zusammenhang verknöcherten Gewebes, wie es für einen Morbus Forestier typisch ist.

Bild 2: Aus Computertomographie-Schnittbildern rekonstruierte Ansichten der Brustwirbelsäule von Amenhotep III (1390–1352 n. Chr.), bei dem die Diagnose Morbus Forestier lautet. A. Zweidimensionale Seitenansicht der zusammenhängenden Verknöcherung vo
Bild 2: Aus Computertomographie-Schnittbildern rekonstruierte Ansichten der Brustwirbelsäule von Amenhotep III (1390–1352 n. Chr.), bei dem die Diagnose Morbus Forestier lautet. A. Zweidimensionale Seitenansicht der zusammenhängenden Verknöcherung von 4. bis zum 9. Brustwirbel (Pfeile) mit normaler Höhe der Bandscheiben. B. Dreidimensionale Seitenansicht mit der für Morbus Forestier typischen Ähnlichkeit zu „fließendem Kerzenwachs“.

Die vier Mumien, bei denen ein Morbus Forestier diagnostiziert wurde, zeigen verknöcherte Bänder und Sehnenansatzveränderungen an vielen Stellen der Arme und Beine. Die anderen 9 Mumien, welche die Kriterien für einen Morbus Forestier nicht erfüllen, zeigen keine Sehnenansatzveränderungen außerhalb der Wirbelsäule.

Bild 3: Schnittbild eines Brustwirbels von Amenhotep III (1390–1352 n. Chr.), in dem man sieht, dass die charakteristische Verknöcherung an der rechten Seite des vorderen Längsbands (Pfeilspitze) vom Wirbelkörper getrennt ist. Die kleinen Wirbelgelen
Bild 3: Schnittbild eines Brustwirbels von Amenhotep III (1390–1352 n. Chr.), in dem man sieht, dass die charakteristische Verknöcherung an der rechten Seite des vorderen Längsbands (Pfeilspitze) vom Wirbelkörper getrennt ist. Die kleinen Wirbelgelenke (langer Pfeil) und auch das rechte Brustwirbelgelenk (kurzer Pfeil) sind nicht überbrückt.
Schlussfolgerungen

Die ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew) wurde lange Zeit als eine im Alten Ägypten verbreitete Krankheit angesehen. RUFFER and RIETTI untersuchten 1912 viele alt-ägyptische Skelette und diagnostizierten in mehreren Fällen einen Morbus Bechterew. Die Kreuzdarmbeingelenke fehlten jedoch häufig oder wurden ignoriert. Unsere Computertomographie- Studie widerlegt diese Diagnose für 13 Pharaonen- Mumien einschließlich der Mumie von Ramses dem Großen. Die Ergebnisse unserer Studie lassen Zweifel daran aufkommen, dass die ankylosierende Spondylitis wirklich eine alte Krankheit ist. Auch der Morbus Forestier kann zu Steifigkeit, zu Schmerzen und weiteren Morbus-Bechterew-ähnlichen Beschwerden führen.3 Am deutlichsten zu sehen ist dies bei der Mumie von Ramses dem Großen, dessen Kopf auf Grund seiner Kyphose (Rundrücken) in Rückenlage über den Körper hinaufragte (Bild 4).

Bild 4: Die Mumie Ramses II. auf dem Laken des Sarkophags. Mit eingezeichnet ist die Kopfhaltung, die sich ergeben würde, wenn man den nach seinem Tod eingetretenen Wirbelbruch wieder korrekt zusammenfügen würde. Anscheinend mussten die Priester den Ko
Bild 4: Die Mumie Ramses II. auf dem Laken des Sarkophags. Mit eingezeichnet ist die Kopfhaltung, die sich ergeben würde, wenn man den nach seinem Tod eingetretenen Wirbelbruch wieder korrekt zusammenfügen würde. Anscheinend mussten die Priester den Kopf nach unten drücken, um den Sarkophag schließen zu können. (Bild aus Bechterew-Brief Nr. 85 von der Redaktion eingefügt)

1) Wir berichteten darüber ausführlich im Bechterew-Brief Nr. 85 S. 10–16, siehe auch MBJ Nr. 119 S. 16.
2) Bechterew-Brief Nr. 63 S. 3–8, Nr. 87 S. 8–16, MBJ Nr. 112 S. 19
3) Wir werden den berühmten und bis ins hohe Alter aktiven Ramses II. deshalb auch weiterhin als unseren Leidensgenossen in Ehren halten. Anmerkung der Redaktion.

APA BANE, der Heilige mit der „Palmenkrankheit“