Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 140 (März 2015)

Nahrungsmittel-Steckbrief „Schnittlauch“

Von Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, RHIO Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redakion

Zu den ersten frischen Kräutern, die wir im Frühling aus dem Garten oder vom Balkon ernten können, gehört der Schnittlauch. Frisch geschnittene Schnittlauchröllchen sehen nicht nur sehr dekorativ aus auf Salaten, Eierspeisen oder schlicht auf einer Scheibe Brot, sie sind auch sehr gesund. 
Schnittlauch gehört zur Gattung der Lauchgewächse, ist also verwandt mit Porree/Lauch, mit Zwiebeln und Schalotten, mit Knoblauch und mit Bärlauch.
Der botanische Name für Schnittlauch „Allium schoenoprasum“ spielt auf die Blattform an: schoinos aus dem Griechischen bedeutet Binse, prason steht für Lauch. Tatsächlich sind die Blätter des Schnittlauchs kleine Röhren, die 20 bis 40 cm hoch werden können und innen hohl sind. Sie sprießen nach Ende der Winterruhe – während der sich alles Grün des Schnittlauchs in die Wurzel bzw. kleine Zwiebel zurückzieht – bereits zeitig im Frühling aus dem Boden. Seine rosa bis zartvioletten Blüten treibt er etwa ab Mai aus.
Sowohl dem Schnittlauchgrün als auch den Blüten wurden im Mittelalter magische Kräfte zugesprochen. Im ganzen Haus und vor allem am Fenster verteilte Schnittlauch-Stängel und -Blüten sollten Unglück abwehren und vor „dem bösen Blick“ schützen.

Herkunft und Verbreitung
Frisch geschnittene Schnittlauch-Stängel sehen nicht nur sehr dekorativ aus.
Frisch geschnittene Schnittlauch-Stängel sehen nicht nur sehr dekorativ aus.

Ob die ursprüngliche Heimat des Schnittlauchs nun in Zentralasien oder im Mittelmeerraum liegt, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Überliefert ist, dass er schon früh (um 3000 v. Chr.) in der chinesischen Küche und Heilkunde auftaucht: den Namen „Juwel der Gemüsepflanzen“ haben die Chinesen dem Lauch und/oder dem Schnittlauch verliehen. Aber auch bei den alten Römern war der Schnittlauch schon beliebt.
Sein heutiges Verbreitungsgebiet sind die gemäßigten Klimazonen in Europa, Asien und Nordamerika. Hier wächst der Schnittlauch vom Flachland bis in die alpinen Höhenlagen. Er benötigt einen einigermaßen lockeren und nährstoffhaltigen Boden, gleichmäßige Feuchtigkeit und ist ansonsten eher anspruchslos und schnell wachsend; die Ernte der Blätter kann mehrmals im Jahr erfolgen. Die Blüten sind übrigens nicht nur dekorativ, sondern ebenfalls essbar.
Schnittlauch ist einer der 7 Bestandteile der berühmten Frankfurter Grünen Soße, deren Erfindung zwar laut mancher Quellen der Mutter von Johann Wolfgang von GOETHE zugeschrieben wird, die aber wohl eher im 17. Jahrhundert von den Hugenotten nach Hessen gebracht worden war. Vorläufer dieser Soße existierten aber bereits etwa 2000 Jahre zuvor im Orient und auch im alten Rom.

Medizinische Verwendung
Schnittlauch, fertig geschnitten in kleinen „Röllchen“
Schnittlauch, fertig geschnitten in kleinen „Röllchen“

Der Schnittlauch war – ursprünglich laut Anordnung von Karl dem Großen – schon früh ein Pflichtbestandteil der Klostergärten. Im 16. Jahrhundert wurde er bevorzugt zur Wundbehandlung (kombiniert mit Essig und Weihrauch) und gegen Wurmkrankheiten eingesetzt. Quellen aus dem Jahr 1590 (Kräuterbuch von MATTHIOLI) beschreiben Lauch und Schnittlauch in Verbindung mit Honig sogar als wirksam gegen Schlangenbisse. Zur Schleimlösung bei Husten wurde er ebenfalls gerne eingesetzt. Im Volksmund wurde Schnittlauch im Mittelalter als heilsam gegen Melancholie, Trunksucht und Gicht (weil harntreibend) angesehen. Darüber hinaus wurde er gegen Magenbeschwerden, gegen Mundgeruch, gegen Darmentzündungen, gegen Hämorrhoiden, gegen „Blutarmut“ und vor allem gegen Frühjahrsmüdigkeit empfohlen. Press-Saft aus chinesischem Schnittlauch wurde bereits vor 2500 Jahren in der dortigen traditionellen Heilkunde gegen Rückenschmerzen und Blockaden im Brustkorb eingesetzt.

Weitere Verwendungen

Es heißt, dass Kaiser Nero seine Stimme / seine Stimmbänder durch regelmäßigen Genuss einer Mischung aus Olivenöl und Schnittlauch pflegte.
Hierzulande wurde der Schnittlauch im Mittelalter nicht nur zur Abwehr von (schwarzer) Magie und allem Bösen, sondern auch als Mittel für den Erhalt von Jugend und Schönheit gepriesen. Und zusammen mit Zucker eingenommen, wurde er als Aphrodisiakum gerühmt („Lauch mit Zucker gegessen macht unkeusch“).

Was macht nun den Schnittlauch für Morbus-Bechterew- bzw. Spondyloarthritis-Betroffene so wertvoll?
  1. Schnittlauch ist reich an antioxidativ wirkenden Vitaminen: In 100 Gramm der frischen und rohen Schnittlauchblätter sind etwa 50–60mg Vitamin C und etwa 200 µg Vitamin A sowie weitere Carotinoide enthalten. Vitamin C ist wichtig für eine gesunde Infektabwehr und für die sogenannte Redoxkette, die für die Neutralisierung freier Radikale sorgt und damit der Begrenzung von Entzündungsprozessen dient. Auch Vitamin A sowie die Carotinoide insgesamt wirken als Radikalenfänger.
  2. Schnittlauch enthält – wie alle Lauchgewächse – verschiedene schwefelhaltige ätherische Öle: Senföle und Lauchöle. Vor allem eine Gruppe dieser Öle, die Diallylsulfide, wirkt antibakteriell. Studien haben gezeigt, dass diese Stoffe aus dem Schnittlauch sogar sehr gefährliche (Darm)-Keime – wie Salmonellen, Clostridien und Listerien – abtöten können. Da aber gerade Darminfektionen als entzündliche Trigger bei Morbus Bechterew wirken können, ist ihre Vermeidung von besonderem Interesse. Außerdem ist eine gesunde Zusammensetzung der Keime im Darm bei allen Autoimmunerkrankungen und gerade bei Morbus Bechterew und allen Spondyloarthritiden sehr wichtig. Denn eine ausgewogene Keimbesiedlung (besser: Mikrobiom) im Darm ist wichtig für ein ausgewogenes Immunsystem.
  3. Schnittlauch ist reich an Mineralstoffen, vor allem an Kalium. In 100 Gramm Schnittlauchblättern sind 300mg Kalium enthalten. Kalium ist wichtig für die Muskulatur, das Nervensystem und das Herz-Kreislauf-System. Unsere moderne Nahrung enthält meist zu wenig davon.
  4. Schnittlauch enthält recht viel Folsäure und Vitamin K: in 100 Gramm der Blätter ist mit 100µg Folsäure die Hälfte des Tagesbedarfs enthalten und mit bis zu 380 µg Vitamin K sogar mehr als das 4-fache des Tagesbedarfs. Folsäure und Vitamin K sind (neben Vitamin D und Calcium sowie Magnesium) wichtig für den gesunden Knochenaufbau, also zur Vorbeugung gegen Osteoporose, und dies ist gerade bei Morbus Bechterew von Bedeutung. Achtung: Menschen, welche bestimmte Gerinnungshemmer einnehmen, die als Gegenspieler des Vitamin K funktionieren (wie z.B. MarcumarR), müssen genau deshalb leider etwas sparsamer sein mit der Verwendung von Schnittlauch.
  5. Den schwefelhaltigen ätherischen Ölen und dem Allicin im Schnittlauch ist offenbar eine regulierende Wirkung auf den Cholesterin-Haushalt zu verdanken. Allicin vermindert offenbar die (eher gefäßschädigende) LDL-Fraktion des Cholesterins und erhöht die (eher gefäßschützende) HDL-Fraktion. Zugleich hat Schnittlauch über diese Inhaltsstoffe (und den hohen Kaliumgehalt) auch eine leicht senkende Wirkung auf den Blutdruck. Da das Herz-Kreislauf-Risiko bei Morbus Bechterew bekanntermaßen erhöht ist, kann es sehr hilfreich sein, bestimmte Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Cholesterin-Erhöhung zu bekämpfen. (In diesen Bereichen ist Schnittlauch allerdings nicht so effektiv wie seine „stärksten“ Verwandten, nämlich Knoblauch und Bärlauch).
  6. Die Senföle im Schnittlauch helfen übrigens offenbar auch beim Schutz gegen Krebs, vor allem hinsichtlich Magen und Prostata.
Einkauf, Lagerung, Zubereitung
Geben Sie auf eine Schnitte Brot, mit Quark bestrichen, einen Besatz aus frisch geschnittenen Schnittlauch-Röllchen
Geben Sie auf eine Schnitte Brot, mit Quark bestrichen, einen Besatz aus frisch geschnittenen Schnittlauch-Röllchen

Schnittlauch sollte frisch verwendet werden – also in den ersten 1–2 Tagen nach dem Einkauf (bei Lagerung im Kühlschrank-Gemüsefach) bzw. besser noch unmittelbar nach der Ernte im Garten oder vom Balkon. Beim Einkaufen sollte man auf Bio-Ware zurückgreifen, um nicht Gefahr zu laufen, diverse Spritzmittel mit eingekauft zu haben…
Schnittlauch sollte niemals mit den Speisen zusammen erhitzt werden, sondern immer erst unmittelbar vor dem Servieren / Verspeisen zur Mahlzeit dazu kommen.
Bei größeren Erntemengen kann Schnittlauch, schon fertig geschnitten in kleinen „Röllchen“, sehr gut eingefroren werden. Analog zum Pesto Genovese kann man sich auch ein Schnittlauch-Pesto zubereiten und dies – kühl und dunkel aufbewahrt – etwas länger genießen.
Getrockneter Schnittlauch ist als Gewürz und vom Gesundheitswert her weitgehend nutzlos.
Verwenden Sie Schnittlauch regelmäßig zu Salaten, zu Eierspeisen und zu Suppen. Oder geben Sie ganz einfach auf eine Schnitte Brot, welche mit Quark oder Frischkäse bestrichen ist, einen dichten Besatz aus (mit einer Küchenschere) frisch geschnittenen Schnittlauch-Röllchen, garnieren dies ggf. noch mit einigen Scheiben von frischen Radieschen oder etwas Peperoncino oder pfeffern das Ganze noch ein wenig – eine wunderbar erfrischende (Zwischen-)Mahlzeit.  
Wenn Sie mehr Anregungen brauchen: Viele der Rezepte aus unserem „Kleinen Kochbuch der gesunden Genüsse“ enthalten Schnittlauch, z.B. mehrere unserer Suppen und auch unser Kräuter-Dip, siehe Besprechung im MBJ 133 Seite 26 und unter www.bechterew.de.