Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 140 (März 2015)

Physiotherapie und Rehabilitation im Zeitalter der Anti-TNF-Therapie

von Prof. Dr. Özgür Akgül, Dr. Erkan Kiliç, Dr. Gamze Kiliç und Prof. Dr. Salih Özgöçmen, Rheumatologen in der Abteilung Physikalische Medizin und Rehabilitation der Erciyes-Universität in Kayseri, Türkei

Dramatische Fortschritte in der Diagnose und Behandlung des Morbus Bechterew

In den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebten wir dramatische Fortschritte in der Ursachenforschung, in der Diagnose, in den Untersuchungsmethoden und in der Behandlung der ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew). Magnetresonanzbilder der Kreuzdarmbeingelenke und der Wirbelsäule erwiesen sich als nützliche Methoden zur Entdeckung von Entzündungszeichen mit oder ohne knöcherne Veränderungen. Diese Fortschritte erleichtern die Diagnose in der Frühphase der Erkrankung. Nach den ASAS/EULAR-Empfehlungen1 zur Behandlung des Morbus Bechterew umfasst die medikamentöse Behandlung nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), TNF-alpha-Blocker, örtliche Corticosteroid-Injektionen und (bei einer Beteiligung peripherer Gelenke) krankheitsmodifizierenden Antirheumatika wie Sulfasalazin oder Methotrexat.
In Anbetracht all dieser Fortschritte stellt sich die Frage, ob Bewegungsübungen, Krankengymnastik und Rehabilitationsmaßnahmen im Zeitalter der TNF-alpha-Blocker für Morbus-Bechterew-Patienten überhaupt noch notwendig sind. Nach einer Cochrane-Untersuchung2 wirken sich Bewegungsübungen positiv auf die Wirbelsäulenbeweglichkeit, die Schmerzen und die Behinderung aus. Nach den ASAS/EULAR-Empfehlungen sind Patientenschulung und regelmäßige Bewegungsübungen die vorrangigen nicht-medikamentösen Therapiemethoden beim Morbus Bechterew und die Bedeutung fachlich angeleiteter Krankengymnastik wird besonders hervorgehoben.
Die Ankylosing Spondylitis International Federation (ASIF) veröffentlichte kürzlich Empfehlungen  für Morbus-Bechterew-Patienten zum eigenen Verhalten und zu Anpassungen der Wohn- und Arbeitsumgebung und bezeichnete tägliche krankheitsspezifische Bewegungsübungen ebenfalls als wesentlichen Teil der Morbus-Bechterew-Therapie.
Nichtmedikamentöse Behandlungen sind auch im Zeitalter der TNF-alpha-Blocker weiterhin ein integraler Bestandteil der Morbus-Bechterew-Therapie.

Bewegungsübungen

Bewegungsübungen dienen beim Morbus Bechterew der Erhaltung oder Verbesserung der körperlichen Fitness. Sie umfassen Übungen zur Muskelstärkung, zur Verbesserung der Beweglichkeit und Atemübungen. Obwohl ihre positiven Auswirkungen auf die Beschwerden und Funktionseinschränkungen allseits bekannt sind, fehlen Studienergebnisse zur Langzeit-Auswirkung auf die knöcherne Versteifung. Auch wurde noch nicht untersucht, ob Übungen im Turnsaal, im warmen Wasser, zuhause oder unter fachlicher Anleitung wirksamer sind. In dem Cochrane-Bericht2 wurde lediglich festgestellt, dass Übungen zuhause oder unter fachlicher Anleitung wirksamer sind als gar nichts, dass Übungen unter fachlicher Anleitung wirksamer sind als Übungen zuhause, und dass eine 3-wöchige Kombinationstherapie in einer spezialisierten Rehabilitationsklinik mit anschließender fachlich angeleiteter wöchentlicher Gruppentherapie besser ist als Gruppentherapie allein.
Bewegungsübungen zuhause sind praktisch und zeitsparend. Bei regelmäßiger Ausführung lindern sie bei Morbus-Bechterew-Patienten nicht nur die Schmerzen, sondern verbessern auch die Wirbelsäulenbeweglichkeit und erhöhen die Atembreite und die Lebensqualität4. Die Patienten stellen zwar die positive Wirkung fest, trotzdem führt nur ein Bruchteil von ihnen die Übungen regelmäßig aus.
Die Anti-TNF-alpha-Therapie ist kein Ersatz für regelmäßige Bewegungsübungen. Nach Yigit u.a.5 verbessert eine Kombination aus Anti-TNF-alpha-Therapie und regelmäßigen Bewegungsübungen die Beweglichkeit und damit die Lebensqualität viel wirksamer als die Anti-TNF-alpha-Therapie allein. Auch eine intensive Gruppentherapie im Rahmen eines Rehabilitationsverfahrens ist nach Stabilisation durch die Anti-TNF-alpha-Therapie besonders wirksam. Die Anti-TNF-alpha-Therapie erleichtert durch ihre schmerzlindernde und müdigkeitsvermindernde Wirkung die Bewegungsübungen und erhöht somit die Motivation dafür.

Anschrift der Verfasser: Division of Rheumatology, Department of Physical Medicine & Rehabilitation Erciyes University,
                                              Faculty of Medicine Gevher Nesibe Hospitall 38039 Kayseri, Turkei

Quelle: Gekürzte patientengemäße Überarbeitung eines im International Journal of Clinical. Rheumatology Band 8 (2013)
              Seite 579–584  erschienenen Artikels (dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)

1) MBJ Nr. 130 S. 10
2) MBJ Nr. 117 S. 16–17
3) MBJ Nr. 129 S. 4–5
4) MBJ Nr. 129 S. 10–12, Nr. 130 S. 11
5) MBJ Nr. 133 S. 6–8

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