Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 140 (März 2015)

Selbstheilung als Teil der Medizin

Ein medizinisch-kultureller Blick auf die moderne Autoregulationsforschung

von Prof. Dr. med. Tobias Esch, Bereich Integrative Gesundheitsförderung, Hochschule Coburg

Die New York Times berichtete im Jahr 1982 – zu einer Zeit, als Begriffe wie „Selbstheilung“ oder gar „Meditation“ keinesfalls allfälliger Jargon des gehobenen Feuilletons oder der medizinisch-wissenschaftlichen Fachpresse waren – erstmalig über atemberaubende Studien einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Harvard-Kardiologen Herbert BENSON: Auf Grund vager Schilderungen von wundersamen Ritualen tibetischer Mönche in den entlegenen Höhen des Himalaya und einer eher wirren Beschreibung von im Westen bis dato kaum bekanntem „g Tummo“ (Hitze-Yoga), hatte man sich auf den steinigen Weg gemacht, um dem vermeintlichen Geheimnis mit moderner Wissenschaft auf die Schliche zu kommen. Es ging um die Behauptung, jene Mönche seien in der Lage, ihre Körpertemperatur absichtlich um ein solches Maß zu erhöhen, dass sie damit eiskalte feuchte Leinentücher, die man ihnen umgelegt hatte, dampftrocknen können.

Vom Willen beeinflussbar

Zwar handelte es sich um ein religiöses Ritual, doch erkannten die Mediziner die Bedeutung solcher Fähigkeiten, wenn sie wahr sein sollten, denn das autonome Nervensystem und andere Regulatoren, die für die Steuerung von Blutdruck, Herzfrequenz oder Körpertemperatur zuständig sind, galten bis dahin als nicht durch den Willen beeinflussbar. Wenn dieses Dogma wankte, müssten bestimmte Annahmen auch der Herz-Kreislauf-Medizin überdacht werden.
Die Forscher machten auf ihrer Expedition interessante Beobachtungen. Unter anderem registrierten sie eine Temperaturerhöhung um fast 10°C während des geschilderten Rituals, allerdings nur in Fingern und Zehen. Der Unterschied stellte sich schon innerhalb weniger Minuten ein. Und die Tücher waren nach circa einer Stunde trocken. Dreimal nacheinander musste jeder Mönch dieses Ritual wiederholen – mit dem immer gleichen Ergebnis und ohne sichtbares Zeichen von Unterkühlung oder Erschöpfung.
BENSON war klar, dass seine Berichte zu Hause zu kritischen Nachfragen führen würden. Er machte die Untersuchung solcher Phänomene und deren Bedeutung für die Medizin unter dem Begriff der „Geist-Körper-Medizin“ zur Chefsache. An der Medizinischen Fakultät der Harvard-Universität gründete er das Mind/Body Medical Institute (heute: Benson-Henry Institute for Mind Body Medicine), dem er noch bis vor kurzem als Professor selbst vorstand.

Test unter Laborbedingungen

Es dauerte bis zum Jahr 2001, bis man die Bedingungen geschaffen hatte, um in einem „Kloster auf Zeit“ in Frankreich diese Untersuchungen durchzuführen oder zu wiederholen (Bild 1).
Fast zeitgleich zu den ersten Big-Brother-Staffeln im deutschen Fernsehen meditierten jetzt tibetische Mönche in Europa über Monate in einer Art „gläsernem Labor“, führten „obskure Riten“ durch, die schließlich – auf Mess-Tafeln erfasst – zu bisher kaum gesehenen Zeugnissen jener „Geist-Körper-Verbindung“ wurden. Wie in einer Art Winterschlaf senkten die Mönche beispielsweise durch die Kraft ihrer Gedanken ihren Sauerstoffverbrauch um über 60% oder atmeten nur noch einmal in 90 Sekunden.
Derartiges blieb nicht ohne Widerhall. Plötzlich begann man sich allerorten, wie es schien, für solche Phänomene (und auch generell für die Meditationsforschung) zu interessieren, nicht nur in Medizin und Physiologie. Und stellte Fragen: Wie ist die Evidenz (Offensichtlichkeit, meist im Sinne von Nachweis der Wirksamkeit)? Was sind die Wirkmechanismen? Welche Bedeutung haben sie für uns, was steckt dahinter? Kann man sie nutzen? Wann, für wen, warum? Es begann eine neue Ära der Selbstregulations-Forschung.

Lebensstil als Voraussetzung für Heilung

Die moderne Medizin beginnt mit HIPPOKRATES VON KOS (460–371 v. Chr.) und den Asklepiaden. Schon damals findet sich eine Betonung von Lebensstil bzw. „Lebenskunst“ als wichtige Voraussetzung für Gesundheit und Heilung. So war Hippokrates‘ „Diaita“ weit mehr als eine Ernährungslehre. Es war auch eine Anleitung zur Selbstfürsorge. Auch wird schon mit der Dreiteilung gearbeitet, die von da an lange bestimmend in der Medizin sein sollte: Neben der Chirurgie (beziehungsweise dem ärztlichen Eingriff) und der Pharmakologie waren Lebensführung und Eigenverantwortung essenzielle Bestandteile der Gesundheitsversorgung. Interessanterweise spielte, neben Tugendhaftigkeit, Kunst und Wissenschaft, auch die Religion eine wichtige Rolle. Lebensziel war unter anderem der Erhalt von Ordnung, Ausgleich und Gesundheit. Dies war eine Frage des systematischen Vorgehens (Wissenschaft), der gemäßigten, geordneten und ausdrucksvollen Lebensweise (Tugend, Kunst) sowie eines frommen oder religiösen Lebens. Selbstverantwortung war ein zentrales Element. In der Philosophie dieser Zeit spiegelten sich jene Auffassungen wider – unter anderem bei ARISTOTELES.
In den folgenden Jahrhunderten tauchte immer wieder die Betonung der Selbstfürsorge im medizinischtherapeutischen Kontext auf, aber auch im religiösen, denn nach wie vor waren beide Bereiche eng miteinander verbunden.

Bild 1: Wissenschaftliche Versuchsanordnung: Ein tibetischer Mönch produziert während der Meditation ausreichend Hitze, um nasskalte Tücher, die man in einem Kälteraum um seine Schultern gelegt hat, zu trocknen. Foto: Herbert Benson
Bild 1: Wissenschaftliche Versuchsanordnung: Ein tibetischer Mönch produziert während der Meditation ausreichend Hitze, um nasskalte Tücher, die man in einem Kälteraum um seine Schultern gelegt hat, zu trocknen. Foto: Herbert Benson

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