Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 140 (März 2015)

Über die Steine, die einem eine derartige Krankheit in den Weg legt

von Prof. Dr. rer. nat. Hanskarl Treiber, Rückersdorf bei Nürnberg

Ich stamme noch aus der Zeit, in der die Ärzte die Basisregel „Einen Bechterew bewegt man nicht“ vertraten. Schon als damals Fünfzehnjähriger hörte ich lieber auf meinen Körper, und der sagte genau das Gegenteil. Ich richtete mich danach, zu Recht, wie man heute weiß. Leider gab es in den 1950er Jahren noch keine wirksamen entzündungshemmenden Arzneimittel. Trotz aller Mühe erkannte ich schließlich meine Kollegen nur noch an den mehr oder weniger geputzten Schuhen. Die Krankheit hat die Wirbelsäule im Laufe der Jahre nach vorne gewölbt. Sie ist steif geworden.

Nun kann man mit fast jeder Krankheit gut leben, wenn man sich darauf einstellt. Mit meinem Beruf ist mir das recht gut gelungen. Als Hochschullehrer sind keine athletischen Fähigkeiten gefordert, man kann während der Arbeit stehen, sitzen und sogar den geplagten Rücken beim Studium der Fachliteratur in die Waagrechte bringen. Als Installateur wäre ich wohl schon bei der Lehre gescheitert.

Was die Freizeit angeht, da ist mir das friedliche Zusammenleben mit der Krankheit nicht so gut gelungen. Könnte ich doch Phlegmatiker sein, einer, der mit Wonne in der Sonne am Strand liegt oder abends in die Glotze schaut – Aber nein, Aktivität und Dynamik sind angesagt!

Mit Konzerten oder dem Theater geht es noch ganz gut; schließlich kämpfen auch Gesunde nach vier Stunden Wagner mit ihren Knochen. Museen machen schon mehr Probleme. Mir scheint, die Ausstellungsmanager arbeiten nach dem eisernen Gesetz, die schönsten Exponate am höchsten zu hängen. Und Sitzgelegenheiten, wenn überhaupt vorhanden, stehen da, wo nichts zu sehen ist. Nur gut, dass es nette Museumswächter gibt, die mir kurz ihren Stuhl ausleihen.

Auf der Schöntalspitze in den Stubaier Alpen mit dem Gipfelbuch in der Hand
Auf der Schöntalspitze in den Stubaier Alpen mit dem Gipfelbuch in der Hand
Auf der Sonnenspitze in der Mieminger Kette südlich von Erwald
Auf der Sonnenspitze in der Mieminger Kette südlich von Erwald
2012 auf einem unbenannten Viertausender im Gebiet des Pik Pobedi (Tien Tschan) in Kirgistan
2012 auf einem unbenannten Viertausender im Gebiet des Pik Pobedi (Tien Tschan) in Kirgistan

Wandern geht auch ganz gut; mein Freund hat sich schon daran gewöhnt, dass ich immer wieder stehen bleibe und mit einem 360°-Schwenk das erhasche, was normale Menschen mit einem kurzen Blick zur Seite mitbekommen. Auch das Bergsteigen macht viel Spaß. Beim Aufstieg sehe ich zwar meist nur die Steine auf dem Weg, dafür entlohnt mich der Weg bergab mit einem Blick fast so, wie ihn ein „normaler“ Wanderer hat. Klettern ist eine Sache für sich und nur mit meinem Sohn Martin zu machen, der vorsteigt und mich zuverlässig sichert. Die Kletterer in der Nachbarroute wundern sich allerdings über die seltsamen Kletterkommandos „Vater, rechte Hand zwei Zentimeter höher, drei rechts“. Da ist dann ein Griff.
Der Applaus am Gipfel eines Viertausenders tut aber weh. Hat es doch so ein verkrüppelter Kerl tatsächlich da rauf geschafft. Naja, die meinen’s ja nicht böse.
Schlimm wird es in Kirchen und Schlössern, die Künstler haben ihre besten Ideen an den Decken verewigt, und nicht immer kann man, wie in der Würzburger Residenz, die berühmten vier Erdteile auf der Treppe sitzend betrachten. Ohne Sitzgelegenheit bleibt nur eine Chance für den Blick nach oben: ich muss in die Knie gehen und die Hände nach hinten auf den Boden stützen. Das sieht zugegebenermaßen nicht sehr schön aus, deshalb suche ich für meine Deckenbetrachtungen nach Möglichkeit eine abgelegene Ecke.
Gruppenreisen scheiden leider aus. Bis ich meinen gut einstudierten 360°-Panoramablick geschafft habe, ist die Gruppe schon längst bei der nächsten Sehenswürdigkeit. Und mit meiner Scheuklappensicht finde ich die lieben Reisebegleiter arg schwer wieder.

Der kleine Eingang im zugemauerten Portal der Geburtskirche in Bethlehem	(Photo: A. Feldtkeller)
Der kleine Eingang im zugemauerten Portal der Geburtskirche in Bethlehem (Photo: A. Feldtkeller)

Alleine geht’s aber auch und, arrogant wie die Individualreisenden nun mal sind, bilden sie sich ein, sie würden intensiver. Alleine geht’s aber auch und, arrogant wie die Individualreisenden nun mal sind, bilden sie sich ein, sie würden intensiver Englisch und Latein auch nicht, und mehr Sprachen kann ich leider nicht. Auch so bekam ich aber schnell mit, dass ich mich unmöglich benommen hatte. Verlegen folgte ich der ausgestreckten Hand, ein perfekter Hinauswurf. Die Geburtskirche bietet Vertretern nahezu aller christlichen Religionen ein Dach. Jede behauptet von sich, allein selig machend zu sein; sicher auch mein Cerberus. Zu welcher Gruppe er gehörte, weiß ich nicht, will ich auch gar nicht wissen.
Die nächsten Tage waren für Jerusalem reserviert. Ein herrlicher Überblick über die Stadt lohnt den Aufstieg zum Tempelberg. Der Felsendom, Qubbet es-Sakhra, dort oben ist eines der schönsten Gebäude, die ich je sehen durfte, aus hellem Marmor in edlen Proportionen, einmalig. Innen gibt es zwar keine Bilder, der Prophet sieht das nicht gerne, dafür wundervolle Kalligraphien, kreisförmig angeordnete Säulen, eine riesige Kuppel. Schon hatte ich das Unheil von gestern vergessen, keine Spur von Lernfähigkeit, und schaute, diesmal von einer Säule gedeckt, gen Himmel. Der „Schauer vor der Erhabenheit“ ist sicher ein Gemeinplatz, aber irgendetwas in dieser Richtung hatte mich ergriffen. Ich war weit weg, in einer Welt voll von Kunst und Harmonie. Das Diesseits holte mich diesmal in Gestalt eines Mullahs ein, ein Gottesmann, wie er im Buche steht, mit langem Bart und gemessenem Schritt. Wieder war ich zu langsam und duckte mich in Erwartung des neuen Unheils. Unheil? Ich fühlte einen Hocker unter mir, der Gottesmann entfernte sich, ohne meinen Dank abzuwarten.

Irgendwann aber verkraften die Nerven die schiefen Blicke der Mitmenschen nicht mehr. Trotz der Warnung gestandener Orthopäden – „lebensgefährlich, würde ich nie machen lassen“ – entschloss ich mich zu zwei Aufrichtoperationen. Lendenwirbelsäule mit Titantechnik, vier Wochen Krankenhaus, und Halswirbelsäule, anschließend vier Monate Halo1.
Ich kann wieder gerade in die Welt sehen. Das ist nun mehr als zehn Jahre her. Heute allerdings kann es trotzdem passieren, dass mir die Leute auf einem Viertausender zum „Gipfelsieg“ gratulieren: Dass der das mit achtzig Jahren schafft!

Bei meiner offiziellen Verabschiedung an der Technischen Hochschule Nürnberg 2001, noch vor der HWS-Operation
Bei meiner offiziellen Verabschiedung an der Technischen Hochschule Nürnberg 2001, noch vor der HWS-Operation
HWS-Aufrichtungsoperation 2002 mit Anbringung eines „Halo“ zur Ruhigstellung der Halswirbelsäule für 4 Monate1. Die Enkelkinder Toni und Paul fanden diesen Heiligenschein viel zu schmucklos.
HWS-Aufrichtungsoperation 2002 mit Anbringung eines „Halo“ zur Ruhigstellung der Halswirbelsäule für 4 Monate1. Die Enkelkinder Toni und Paul fanden diesen Heiligenschein viel zu schmucklos.

1) Als es noch keine guten Metall-Implantate zur Fixierung der aufgerichteten Halswirbelsäule gab, wurde den Patienten ein Korsett angelegt, an dem der Aufbau mit dem Halo zur Fixierung der chirurgisch gelockerten Halswirbelsäule befestigt wurde. Dieser Aufbau musste solange Tag und Nacht getragen werden, bis die Korrekturstelle knöchern verheilt war. Heute gibt es unterschiedliche Expertenmeinungen zur HWS-Fixierung durch Titan-Einbau oder Halo, Anmerkung der Redaktion.


Anschrift des Verfassers:
Bergwiesenweg 19a, 90607 Rückersdorf