Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 140 (März 2015)

Vorhersage schwerer Verlaufsformen bei entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen

von DVMB-Forschungspreisträgerin Dr. Uta Kiltz, Dr. Frank Heldmann und den DVMB-Forschungspreisträgern Dr. Xenofon Baraliakos und Prof. Dr. Jürgen Braun, Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne

Was versteht man unter einem schweren Krankheitsverlauf?

Bis jetzt gibt es unter den Experten, die sich mit den Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen, z.B. Morbus Bechterew) befassen, keine Einigung darüber, was man unter dem Schweregrad bei diesen Erkrankungen genau versteht und wie man ihn bestimmen kann. Ist dafür das Ausmaß der Entzündungsprozesse maßgeblich? Oder die Krankheitsaktivität, wie sie mit dem BASDAI1 gemessen wird? Oder die Behinderung bei Alltagsverrichtungen, wie sie mit dem BASFI1 gemessen wird? Oder die im Röntgenbild sichtbaren knöchernen Veränderungen?
Wir beschränken uns hier auf die axiale Spondyloarthritis2 (mit vorherrschendem Wirbelsäulenbefall, insbesondere Morbus Bechterew), weil hier das meiste Wissen vorliegt.
Nach unserer Erfahrung können viele Beschwerden zur Einschätzung eines schweren Krankheitsverlaufs führen: Unvermindert hohe Krankheitsaktivität, erhebliche Versteifung, Einsteifung in ungünstiger Haltung, starke auf Behandlungen nicht ansprechende Schmerzen, Medikamentenunverträglichkeit, anhaltende Morgensteifigkeit, Gelenkbeteiligung außerhalb der Wirbelsäule schon in jungem Alter (mehr als ein Drittel der Morbus-Bechterew-Patienten leidet an einer Hüftgelenkbeteiligung und 5–10% benötigen im Lauf der Erkrankung ein künstliches Hüftgelenk), Sehnenansatzentzündungen, häufig wiederkehrende Iritis (Regenbogenhaut-Entzündung im Auge)3  mit drohender Erblindung, starker Hautbefall durch Psoriasis4, mit Komplikationen (z. B. Fistelbildung) einhergehende chronisch-entzündliche Darmerkrankung5, Osteoporose mit Wirbelkörperfrakturen, Erkrankung der Herzkranzgefäße, operationspflichtige Aorta-Erkrankung6, Cauda-equina-Syndrom7 und Amyloidose8. Während einige dieser Probleme mit Medikamenten, Physiotherapie oder Operationen behandelbar sind, führen andere zu einer bleibenden Behinderung.

Erfassung der Krankheitsschwere

Die Erfassung der Funktionsfähigkeit (Behinderung bei Alltagsverrichtungen) mit dem BASFI (Bath Ankylosing Spondylitis Functional Index)1 ist wesentlich für die Beurteilung des Schweregrads der Erkrankung. Dabei muss berücksichtigt werden, dass sowohl eine erhöhte Entzündungsaktivität als auch knöcherne Veränderungen zu einer Einschränkung der Beweglichkeit führen können. 9
Das Ausmaß der Beweglichkeitseinschränkungen kann mit Hilfe des BASMI (Bath Ankylosing Spondylitis Metrology Index)1 erfasst werden. In diesem Index sind das modifizierte Schober-Maß (Lendenwirbelsäulen-Beugefähigkeit), die Lendenwirbelsäulen-Seitbeugung, der Tragus-Wand-Abstand, der maximale Fußknöchelabstand (zur Messung der Hüftgelenkbeweglichkeit) und die Halswirbelsäulen-Drehbeweglichkeit enthalten.
Zur Erfassung der Krankheitsaktivität gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Laborwerte (z. B. CRP, Blutsenkung),
  • Entzündungszeichen im Magnetresonanzbild der Wirbelsäule,
  • Ultraschalluntersuchung bei Gelenkbeteiligung außerhalb der Wirbelsäule,
  • Patientenfragebögen wie der Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index (BASDAI)1 oder der ASDAS (Ankylosing Spondylitis Disease Activity Score)10, der mit dem CRP-Laborwert auch ein objektives Maß enthält.

Bei der Beurteilung von CRP-Werten sollte allerdings beachtet werden, dass nur ca. 30% der Morbus-Bechterew-Patienten erhöhte CRP-Werte aufweisen.
Weitere Aspekte der Krankheitsschwere sind der Grad der knöchernen Versteifung und eine Verringerung der Knochendichte (Osteoporose). Aufgrund der Osteoporose haben Morbus-Bechterew-Patienten ein deutlich erhöhtes Risiko, eine Wirbelsäulenfraktur schon bei einem Bagatell-Unfall zu erleiden.11  Daher raten die ASAS-Empfehlungen zur Behandlung des Morbus Bechterew12  bei veränderten Rückenschmerzen zu einer Röntgen- oder Magnetresonanzuntersuchung, um eine Wirbelsäulenfraktur auszuschließen, und den Patienten gegebenenfalls zu einem spezialisierten Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie zu überweisen.
Ein Überblick über die Möglichkeiten zur Erfassung der Krankheitsschwere ist in Tabelle 1 zusammengestellt.

1) MBJ Nr. 121 S. 9–12, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
2) hauptsächlich die Wirbelsäule betreffend, siehe MBJ Nr. 132 S. 5–6
3) MBJ Nr. 94 S. 6–9, Nr. 99 S. 28–29, Nr. 113 S. 54–55, Nr. 123 S. 23–25 und S. 29–30, Nr. 134 S. 12–16
4) MBJ Nr. 117 S. 40–41, Nr. 128 S. 12–16, Nr. 135 S. 4–7
5) MBJ Nr. 108 S. 29–31, Nr. 113 S. 8, Nr. 120 S. 15–16
6) MBJ Nr. 122 S. 24
7) MBJ Nr. 119 S. 26–27, Nr. 120 S. 47, Nr. 121 S. 7,
8) MBJ Nr. 112 S. 13–14
9) MBJ Nr. 127 S. 10, Nr. 136 S. 14–16
10) MBJ Nr. 119 S. 10, Nr. 122 S. 21, Nr. 124 S. 17–18, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
11) MBJ Nr. 100 S. 12–13 und S. 15–20, Nr. 105 S. 19–20, Nr. 108 S. 20, Nr. 118 S. 4–5, Nr. 119 S. 31–32 und 49, Nr. 122 S. 16,
      Nr. 127 S. 16 und 24–25, Nr. 136 S. 31–32
12) MBJ Nr. 103 S. 24, Nr. 113 S. 36–37, Nr. 121 S. 4, Nr. 123 S. 8–9

 

 

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