Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 141 (Juni 2015)

Biomechanische Einblicke in den Morbus Bechterew und daraus resultierende Trainings-Strategie

Von Prof. Dr. Edward Senn, Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation, München

Schriftliche Fassung eines Vortrags bei der DVMB-Delegiertenversammlung am 28. Juni 2014 in Kassel

Vorbemerkungen

Wer an Morbus Bechterew erkrankt ist, leidet nicht nur an schmerzhaften Veränderungen der Wirbelsäule, entzündeter Gelenke und Sehnenansätze, sondern als ganzer Mensch mit seinen individuellen Erfahrungen, Zukunftsvorstellungen und Sorgen. Das Beschwerdebild eines Patienten besitzt immer auch etwas Einmaliges, das Respekt vor dem Leiden des Einzelnen erfordert.
Sowohl die Krankheitsprozesse als auch die biomechanisch orientierte Therapie beziehen sich immer auf den im Vergleich zu Tieren ganz besonderen menschlichen Bewegungsapparat. Während pharmakologische und immunologische Untersuchungen an Tieren (mit gewissen Einschränkungen) sehr wohl möglich sind, ist die Andersartigkeit des menschlichen Bewegungsapparats im Vergleich zum Vierfüßler viel zu ausgeprägt, um physiotherapeutische Maßnahmen an Tieren testen zu können.
Beim Menschen mit seiner aufrechten Haltung ruht das gesamte Körpergewicht beim Stehen auf zwei Beinen – beim Gehen auf jeweils einem Bein, wodurch die Anforderungen an die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts viel komplexer sind. Zudem ruht das gesamte Gewicht des Rumpfs samt Kopf auf dem Beckenring mit den bei Morbus-Bechterew-Patienten häufig entzündeten Kreuzdarmbeingelenken.
Ebenfalls einzigartig sind beim Menschen die Zwerchfell-Bewegungen: das Zwerchfell bewegt sich bei den Vierfüßlern von vorn nach hinten, beim Menschen von oben nach unten und zurück nach oben. Die Aktivität des Zwerchfells gemeinsam mit der Bauchdeckenmuskulatur spielt in der Bewegungs-Therapie beim Morbus Bechterew eine ganz entscheidende Rolle. All diese Besonderheiten sind unverzichtbare Grundlagen für eine biomechanisch ausgerichtete Therapie.
Die besonders nachhaltigen Möglichkeiten der Bewegungstherapie haben drei Ziele:

(a) Entlastung von schmerzhaften und schädlichen Belastungen,
(b) bewusstes Erlernen und Einüben der korrekten Belastung und Mobilisierung der Wirbelsäule mit dem Beckenring in der aufrechten Haltung, sowie
(c) sorgfältiger Aufbau eines Trainings der für das Tragen des Rumpfs entscheidenden Muskeln.

Alle drei Prinzipien dienen direkt und indirekt auch der Schmerzlinderung. Die Techniken dazu müssen erlernt und dann trainiert werden.
Morbus-Bechterew-Patienten sollten die Grundlagen verstehen, auf denen die speziell für sie verordnete Krankengymnastik basiert. Diese Grundlagen sind nicht das Ergebnis von statistischen Studien, sondern von fundierten Überlegungen zu den biomechanischen Voraussetzungen der entzündlichen und verknöchernden Prozesse, und dazu, wie diese Prozesse wirkungsvoll gehemmt werden können.
Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich zunächst mit diesen biologischen Grundlagen, bevor als logische Konsequenz die möglichen Übungen beschrieben wer­den.

Wollen Sie weiterlesen? Als Mitglied der ehrenamtlich geführten Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew bekommen Sie regelmäßig unsere Zeitschrift mit vielen wichtigen Beiträgen zum Morbus Bechterew zugeschickt. Gleichzeitig unterstützen Sie die Interessenvertretung der Morbus-Bechterew-Patienten.
Zwei von vielen Gründen, möglichst bald Mitglied der DVMB zu werden!