Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 141 (Juni 2015)

Erfahrungen mit Tai Chi

von Steve Dean, Vorstandsmitglied der britischen Morbus-Bechterew-Vereinigung, Brighton, England

Tai Chi kombiniert tiefe Atmung und Entspannung mit langsamen anmutigen harmonischen Bewegungen, die sanft auf Gelenke und Muskeln einwirken. Bei richtiger Ausführung merken Sie, wie die Tai-Chi-Stellungen weich ineinander überfließen.
Zu den verschiedenen Tai-Chi-Stilen gehören der Yang-, der Chen- und der Wu-Stil. Einige Tai-Chi-Lehrer praktizieren eine Kombination unterschiedlicher Stile. Der Haupt-Unterschied zwischen den Tai-Chi-Stilen besteht in einer unterschiedlichen Geschwindigkeit und einer unterschiedlichen Art, wie der Körper die Haltungen einnimmt.
Zu den möglichen positiven Auswirkungen der Tai-Chi-Ausführung1 gehören:

  • eine verbesserte Beweglichkeit der Hüft-, Knie- und Sprunggelenke,
  • ein verbessertes Gleichgewichtsgefühl,
  • eine verbesserte Stärke der Beinmuskeln und
  • eine Stress-Verminderung.

Tai Chi wird gewöhnlich als eine Art sanfter Bewegungsübungen ausgeführt. Das heißt, es wird nur wenig Druck auf die Knochen und Gelenke ausgeübt. Die meisten Patienten sollten dazu in der Lage sein. Es ist besonders geeignet für ältere inaktive Menschen, die ihren Aktivitätsgrad leicht und allmählich erhöhen möchten.

Tipps für den Beginn

Es ist eine gute Idee, zunächst bei einem Kurs zuzuschauen oder an einer kostenlosen „Schnupper“-Veranstaltung teilzunehmen, bevor Sie sich zu einem Kurs anmelden. Beginnen Sie mit einem Anfängerkurs – von Anfang an eine gute Technik zu erlernen, ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, um aus der Tai-Chi-Ausübung Nutzen zu ziehen.
Stellen Sie sicher, dass der Kursleiter über Ihren Morbus Bechterew Bescheid weiß. Nur so kann der Kursleiter Ihre Einschränkungen berücksichtigen und Ihnen bei Bedarf alternative Stellungen und Bewegungen vorschlagen.
Denken Sie daran, dass Ihre Fähigkeit zu Bewegungsübungen sich von Woche zu Woche ändern kann, so dass eine Übung, die Sie letzte Woche einfach fanden, Ihnen in der neuen Woche plötzlich schwieriger vorkommen kann.

Meine eigenen Tai-Chi-Erfahrungen

Als Morbus-Bechterew-Patient, der die Krankheit seit 45 Jahren hat und in der Rheumaklinik in Bath gelernt hat, mit dem Morbus Bechterew zu leben, wollte ich immer wissen, ob mir Tai Chi etwas bieten kann, was ich nicht sowieso schon weiß und ausübe.
Ich machte regelmäßig Streckübungen, wusste Bescheid über die korrekte aufrechte Haltung, das richtige Atmen, über Schmerzbewältigung und geeignete Medikamente, war also voll ausgerüstet mit allem Notwendigen, um mit meiner Krankheit zurechtzukommen.
Tai Chi war für mich eine der „alternativen Therapien“ für Menschen mit einer chronischen Krankheit. Durch Zufall geriet ich in eine 15-minütige Tai-Chi-Testveranstaltung. Wie sollen solche langsamen einfachen Bewegungen, die mir insgesamt sehr betulich und unlogisch erschienen, für mich von Nutzen sein?
Kurz danach packte mich die Neugier und ich buchte einen vollständigen Tai-Chi-Anfängerkurs. Das war vor 15 Monaten. Jetzt praktiziere ich Tai Chi jeden Tag und kann mir nicht vorstellen, es nicht mehr auszuüben. Was hat mich dazu bewogen?
Am Ende der ersten Tai-Chi-Unterrichtsstunde, nach mehr als einer Stunde auf den Beinen mit kleinen präzise wiederholten Bewegungen, fühlte ich mich überhaupt nicht müde. Ich fühlte mich im Gegenteil so mit Energie aufgeladen, dass ich darüber sehr verblüfft war. Wegen dieser erstaunlichen Wirkung betrieb ich weiter Tai Chi. Mein Gleichgewicht und die Atmung verbesserten sich zusehends.
Für mich bedeutet Tai Chi, meinen Körper präzise zu bewegen und meinen Geist darauf zu konzentrieren, statt zu Alltagskleinigkeiten abzuschweifen. Am Ende jeder Unterrichtsstunde fühle ich mich unglaublich entspannt.
Tai Chi kann überall ausgeführt werden: beim Warten, bis das Wasser kocht ebenso wie beim Warten, bis der Drucker fertig gedruckt hat. Man braucht dazu keine Ausrüstung.
Zwei Dinge hat mir Tai Chi vor allem beschert:

  • Verbesserung des Gleichgewichts und der Koordination
  • und eine wirkliche Entspannung.

1) Bechterew-Brief Nr. 67 S. 20–22, MBJ Nr. 115 S. 25–26, Nr. 130 S. 21–23

Quelle: “AS News”, Mitgliederzeitschrift der Britischen “National Ankylosing Spondylitis Society” Heft Frühjahr 2014