Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 141 (Juni 2015)

Morbus-Bechterew bei Jugendlichen: eine Herausforderung

von Dr. Deepak Jadon, Dr. Raj Sengupta und Dr. Athimalaipet Ramanan, Königliche Rheumaklinik in Bath, England

Morbus-Bechterew-Patienten haben ihre ersten Beschwerden gewöhnlich im dritten Lebensjahrzehnt. Etwa 18% der Patienten erleben jedoch die ersten Morbus-Bechterew-Beschwerden bereits vor dem 20. Lebensjahr, manche sogar schon mit 11 Jahren.1
In der Morbus-Bechterew-Forschung unterscheidet man je nach Alter bei Krankheitsbeginn drei Patientengruppen (Bild 1):

  • Krankheitsbeginn im Alter von weniger als 16 Jahren (Juvenile-onset Ankylosing Spondylitis, JoAS);
  • Krankheitsbeginn im Erwachsenenalter (Adult-onset AS, AoAS);
  • Krankheitsbeginn im Alter von mehr als 40 Jahren (Late-onset AS, LoAS).

In allen drei Gruppen haben die Patienten eine ankylosierende Spondylitis (AS, Morbus Bechterew) gemäß den modifizierten New-York-Kriterien,2 also deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke.
Über die Häufigkeit der ankylosierenden Spondylitis bei Kindern und Jugendlichen ist nur wenig bekannt. Die Beschwerden können bei ihnen in kurzen Schüben bestehen, mit langen beschwerdefreien Pausen dazwischen. Nach Literaturangaben treten die Wirbelsäulenbeschwerden oft erst 5–10 Jahre nach anfänglichen peripheren Beschwerden (außerhalb der Wirbelsäule) auf. Für die Diagnose ist wichtig, dass es keine bei Kindern und Jugendlichen erprobte Kriterien für den entzündlichen Rückenschmerz3 gibt. Auch gibt es keinen Labortest auf eine ankylosierende Spondylitis bei Kindern und Jugendlichen.
Sowohl die Diagnose als auch die Behandlung der ankylosierenden Spondylitis bei jungen Patienten stellt für den Arzt eine Herausforderung dar.

Unterschiede zu anderen rheumatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

Bei Kindern und Jugendlichen ist die Spondyloarthritis normalerweise gekennzeichnet durch

  • Gelenk- und Sehnenansatzentzündungen (gewöhnlich in den Beinen),
  • Rückenschmerzen vom entzündlichen Typ,
  • Vorhandensein des Erbmerkmals HLA-B27, und
  • Beschwerden außerhalb des Skelettsystems (z.B. Regenbogenhautentzündung).

Wie bei anderen chronischen Erkrankungen entwickeln sich die Beschwerden häufig erst allmählich. Eine Studie in Mexiko ergab, dass sich Rückenbeschwerden und Entzündungszeichen im Röntgen- oder Magnetresonanzbild der Kreuzdarmbeingelenke häufig erst im 3. bis 5. Krankheitsjahr oder noch später zeigen.

Unterschiede zwischen der ankylosierenden Spondylitis mit Ausbruch im Jugendalter und im Erwachsenenalter

Nach Literaturangaben haben Morbus-Bechterew-Patienten mit einem Krankheitsbeginn im Kindes- oder Jugendalter häufiger periphere Gelenkbeschwerden, besonders in den Hüft-, Schulter-, Knie- und Sprunggelenken4. Beschwerden außerhalb der Wirbelsäule sind bei ihnen häufig die ersten Beschwerden überhaupt, während bei einem Krankheitsbeginn im Erwachsenenalter die Erstbeschwerden häufiger die Lendenwirbelsäule betreffen.
Gemeinsam ist beiden Gruppen die häufige Verknüpfung mit dem Erbfaktor HLA-B27, das Vorherrschen des männlichen Geschlechts5 und die mögliche Verknüpfung mit einer Regenbogenhautentzündung, einer Sehnenansatzentzündung und/ oder einer Schuppenflechte.
Die bei 16 Jahren festgelegte Grenze zwischen einem Krankheitsbeginn im Jugend- bzw. Erwachsenenalter repräsentiert eher die Altersgrenze zwischen einer Behandlung in Rheumakliniken für Kinder und Jugendliche bzw. Erwachsene. In Wirklichkeit sollten wir eher von einem allmählichen Übergang zwischen beiden Erscheinungsformen ausgehen.

1) Bei der DVMB-Patientenbefragung im Jahr 2008 gaben sogar 35% an, dass ihre ersten Morbus-Bechterew-Beschwerden schon vor dem 20. Lebensjahr auftraten, 10% sogar schon vor dem 15. Lebensjahr, Anmerkung der Redaktion.
2) Siehe MBJ Nr. 109 S. 9–13, Nr. 123 S. 7 und DVMB-Schriftenreihe Heft 13.
3) MBJ Nr. 96 S. 20, Nr. 106 S. 8, Nr. 110 S. 11, Nr. 122 S. 13 und DVMB-Schriftenreihe Heft 13
4) MBJ Nr. 119 S. 13–14.
5) Das oft zitierte Vorherrschen des männlichen Geschlechts kann vorgetäuscht sein durch eine raschere Entwicklung von Krankheitszeichen im Röntgenbild und dadurch eine schnellere Diagnose bei männlichen Morbus-Bechterew-Patienten. Wie Sie im MBJ Nr. 122 S. 14–15 lesen können, gibt es ein deutliches Übergewicht männlicher Patienten nur bei der etablierten Spondylitis ankylosans, während im Stadium der nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis (ohne deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmgelenke) sogar mehr Frauen als Männer gezählt werden, Anmerkung der Redaktion.

Bild 1: Verteilung des Erkrankungsalters unter 847 männlichen ( ● blau) und 419 weiblichen ( ● rosa) Morbus-Bechterew-Patienten bei der DVMB-Patientenbefragung im Jahr 2008. Bei 15% traten die ersten Beschwerden im Alter von weniger als 16 Jahren auf
Bild 1: Verteilung des Erkrankungsalters unter 847 männlichen ( ● blau) und 419 weiblichen ( ● rosa) Morbus-Bechterew-Patienten bei der DVMB-Patientenbefragung im Jahr 2008. Bei 15% traten die ersten Beschwerden im Alter von weniger als 16 Jahren auf („Juvenile-onset Ankylosing Spondylitis“), bei 5% im Alter von mehr als 40 Jahren („Late-onset Ankylosing Spondylitis“).

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