Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 141 (Juni 2015)

Sehnenansatzentzündungen im Rahmen entzündlicher Wirbelsäulenerkrankungen

Von Dr. Hildrun Haibel und DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Joachim Sieper, Berlin

Einleitung

Als Enthesitis werden Entzündungsreaktionen an den Ansätzen von Bändern, Sehnen, Muskelhüllen (Faszien) oder Gelenkkapseln am Knochen bezeichnet. Sie gelten als typisch für die Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen) und sind ein Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber der rheumatoiden Arthritis, bei der eine symmetrische Synovitis (Gelenk-Innenhaut-Entzündung) im Vordergrund steht.
Weil die Sehnenansatzentzündung für eine Spondyloarthritis so typisch ist, wurde sie 1991 in die Europäischen Spondyloarthritis-Kriterien1 als Einzelkriterium aufgenommen. Auch in den 2009 bzw. 2011 veröffentlichten Kriterien der ASAS (Assessment of SpondyloArthritis international Society)2 für die Spondyloarthritis spielt die Enthesitis eine wichtige Rolle.
In einer deutschen Untersuchung zu Frühformen einer axialen (vorwiegend die Wirbelsäule betreffenden) Spondyloarthritis wurde festgestellt, dass ca. 40% der Patienten mit einer nichtröntgenologischen axialen Spondyloarthritis3 und einer Krankheitsdauer von weniger als 5 Jahren oder mit Morbus Bechterew und einer Krankheitsdauer von weniger als 10 Jahren mindestens einmal eine Enthesitis hatten.4 Zum Untersuchungszeitpunkt hatten ca. 20% der Patienten eine Enthesitis.
Auch bei der Psoriasisarthritis (mit Schuppenflechte) ist die Enthesitis eine häufige Krankheitserscheinung. In einer 2006 durchgeführten Studie hatten ca. 50% der Psoriasisarthritis-Patienten eine Enthesitis, hiervon ca. 40% der Patienten eine Enthesitis an der Ferse.

Bild 1: Enthesitis am Ansatz der Achillessehne an der rechten Ferse (Pfeil). Aus der Dia-Bibliothek der Assessment of Spondylo-Arthritis international Society (ASAS), http://www.asas-group.org
Bild 1: Enthesitis am Ansatz der Achillessehne an der rechten Ferse (Pfeil). Aus der Dia-Bibliothek der Assessment of Spondylo-Arthritis international Society (ASAS), http://www.asas-group.org
Wie äußern sich Sehnenansatzentzündungen?

Wie äußern sich Sehnenansatzentzündungen?
Sehnenansätze sind überall am Skelett vorhanden und eine Enthesitis kann überall im Skelettbereich, innerhalb und außerhalb der Wirbelsäule, vorkommen. Insbesondere bei einem frühen Krankheitsbeginn kann die Enthesitis der Wirbelsäulenbeteiligung vorangehen. Obgleich Sehnenansätze überall betroffen sein können, sind einige Sehnenansätze häufiger betroffen als andere. Hierzu zählen Muskelhüllen an der Fußsohle und der Ansatz der Achillessehne an der Ferse (Bild 1), Sehnenansätze an der Kniescheibe und am großen und kleinen Rollhügel des Oberschenkelknochens beim Hüftgelenk, Sehnenansätze am Beckenkamm, am Sitzbein und am Schambein, Sehnenansätze am Ellbogen und an der Schulter sowie Muskel- und Bänderansätze an Rippen und Sehnenansätze an den Dornfortsätzen der Wirbelsäule. Am häufigsten sind die Sehnenansätze der unteren Extremität betroffen, insbesondere am Knie und an der Ferse. Warum Beine und Füße mehr betroffen sind, ist nicht klar. Es wird diskutiert, dass die Sehnen, die dauerhaft mechanischem Stress ausgesetzt sind, auch stärker entzündlich reagieren.6 Oberflächlich gelegene Sehnenansatzentzündungen zeigen oft eine Weichteilschwellung, während eine tiefer gelegene Enthesitis wie z. B. am Beckenkamm oder am Rollhügel sich nur durch Druckempfindlichkeit äußert. 
Eine Gewebe-Untersuchung ist wegen der schlechten Zugänglichkeit des Gewebes sehr schwierig. In Studien konnte gezeigt werden, dass im Bereich des Sehnenansatzes neben der Weichteilentzündung auch Knochenzerstörungen und als Folge Knochen-Neubildungen stattfinden können.
Der Erbfaktor HLA-B27 scheint für das Ausmaß der Entzündung bei der Enthesitis eine Rolle zu spielen.

1) „ESSG-Kriterien“ der European Spondyloarthritis Study Group, siehe MBJ Nr. 109 S. 9–13 und DVMB-Schriftenreihe Heft 13.
2) MBJ Nr. 123 S. 5–6, Nr. 127 S. 9, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
3) MBJ Nr. 117 S. 4–6, Nr. 129 S. 36–37, Nr. 130 S. 6, Nr. 131 S. 4–6, Nr. 132 S. 5–6
4) MBJ Nr. 117 S. 4–6
5) siehe Seite 4–9 in diesem Heft

Wollen Sie weiterlesen? Als Mitglied der ehrenamtlich geführten Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew bekommen Sie regelmäßig unsere Zeitschrift mit vielen wichtigen Beiträgen zum Morbus Bechterew zugeschickt. Gleichzeitig unterstützen Sie die Interessenvertretung der Morbus-Bechterew-Patienten.
Zwei von vielen Gründen, möglichst bald Mitglied der DVMB zu werden!