Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 142 (September 2015)

Biosimilars – eine neue Ära in der Therapie mit Biologika

Von Prof. Dr. med. Herbert Kellner, München

Die Therapie mit biotechnisch hergestellten Antikörpern, den sogenannten Biologika, zählt heutzutage zur Standardtherapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen, nicht zuletzt auch der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew). In Deutschland wurde 1999 Infliximab (Handelsname Remicade®) als erstes Biologikum für die Behandlung des Morbus Crohn offiziell zugelassen. 2003 erfolgte die Zulassung für die Spondylitis ankylosans. Heutzutage sind in Deutschland 11 verschiedene biotechnisch hergestellte Wirkstoffe zur Therapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen zugelassen, fünf davon zur Behandlung der Spondylitis ankylosans.
Die Biologika konnten in den vergangenen 15 Jahren unter Beweis stellen, dass sie bei guter Verträglichkeit die Lebensqualität und insbesondere auch die Prognose (Zukunftsaussichten) betroffener Patienten in einer vor der Einführung nie erreichten Art und Weise verbessern können. Verbunden mit diesem Therapieerfolg ist allerdings auch die nie zuvor erreichte Höhe der Therapiekosten. 2013 beliefen sich die Kosten für die Therapie rheumatischer Krankheiten mit Biologika in Deutschland auf über 1 Milliarde Euro – Tendenz steigend. Nicht vergessen werden sollte dabei auch, dass dies für den für seine Verordnungen persönlich haftenden Rheumatologen schnell ein Regress-Risiko von über 1 Million Euro pro Quartal bedeuten kann.
Nach 15 Jahren ist nun der Patentschutz für Remicade® am 15. Februar 2015 in Deutschland abgelaufen. Ähnlich wie bei anderen gängigen Arzneimitteln können damit konkurrierende Pharmafirmen ein Präparat mit gleichem oder ähnlichem (engl. „similar“) Wirkstoff ohne Verletzung des Patentschutzes auf den Markt bringen. Wenngleich die Entwicklung solcher „Biosimilars“  sicher weitaus anspruchsvoller und aufwändiger ist als die Entwicklung eines gewöhnlichen (chemisch hergestellten) Generikums, ist dies in den letzten Jahren bereits für eine Reihe biotechnisch hergestellter Medikamente, z.B. für das für die Blutbildung wichtige Erythropoetin und für Wachstumshormone geglückt.
Der von der Firma Celltrion entwickelte Antikörper CT-P13 ist als Infliximab-Biosimilar bereits in vielen Ländern der Welt – und nicht zuletzt auch durch die europäische Zulassungsbehörde EMA – zur Therapie zugelassen. Er wird in Deutschland sowohl unter der Handelsbezeichnung Inflectra® von der Firma Hospira als auch unter der Handelsbezeichnung Remsima® von der Firma Mundipharma vertrieben. Dieses Infliximab-Biosimilar ist in allen für Remicade® zugelassenen Indikationen im Bereich der Rheumatologie, Gastroenterologie und Dermatologie verordenbar. Es bestehen keine Einschränkungen im Hinblick auf Neuverordnungen, Umstellungen von Remicade auf das Infliximab-Biosimilar oder andere zugelassene Biologika.
Die Festlegung, ob ein Patient das „Original“-Infliximab Remicade® oder ein Infliximab-Biosimilar (Inflectra® oder Remsima®) erhält, trifft der behandelnde Arzt in Absprache mit dem betreffenden Patienten. Dabei ist – vergleichbare Wirksamkeit und Verträglichkeit vorausgesetzt – eine wirtschaftlich angemessene Verordnungsweise zu beachten. Der Preis des verordneten Präparats (Inflectra® ca. 25%, Remsima® ca. 20% Preisersparnis gegenüber Remicade®) ist dabei ebenso zu berücksichtigen wie z.B. bestehende Rabattverträge (z.B. für Remicade®). Kassenärztliche Vereinigungen können darüber hinaus individuelle Vorgaben zum bevorzugten Einsatz von rabattierten Biologika festlegen. Im Idealfall  können so pro Jahr die Therapiekosten für einen Patienten um mehrere Tausend Euro gesenkt werden.
In Phase-I-Studien wurde die Gleichwertigkeit des Infliximabs-Biosimilars bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit nachgewiesen (Bild 1).

Bild 1: Vergleich der Wirksamkeit von Remicade® und dem Biosimilar CT-P13 bei der Behandlung der Spondylitis ankylosans nach PARK u. a. (Annals of the Rheumatic Diseases Band 72 (2013) S. 1605-1612). Nach 30 Behandlungswochen zeigte sich sowohl in der AS
Bild 1: Vergleich der Wirksamkeit von Remicade® und dem Biosimilar CT-P13 bei der Behandlung der Spondylitis ankylosans nach PARK u. a. (Annals of the Rheumatic Diseases Band 72 (2013) S. 1605-1612). Nach 30 Behandlungswochen zeigte sich sowohl in der ASAS20-Ansprechrate als auch in der ASAS40-Ansprechrate kein signifikanter oder medizinisch relevanter Unterschied.

In einer Phase-III-Studie wurden für die Behandlung der Spondylitis ankylosans ebenfalls eine vergleichbare Wirksamkeit und Sicherheit nachgewiesen: Nach 6-monatiger Studiendauer fand sich weder hinsichtlich Wirksamkeit noch Sicherheit ein signifikanter oder medizinisch relevanter Unterschied zwischen CT-P13 und Remicade, was zur Zulassung des Biosimilars führte.
Der Einsatz von Biosimilars im klinischen Alltag ist in Deutschland seit Februar 2015 möglich. Bisher wurden keine Unterschiede des Infliximab-Biosimilars gegenüber dem Original Remicade® in Wirksamkeit oder Sicherheit offenkundig. Dies war aufgrund der bereits in anderen Ländern, in denen eine Einführung bereits zu einem früheren Zeitpunkt möglich war, gewonnenen Erfahrungen auch nicht zu erwarten. Biosimilar-Therapien werden ebenso wie andere in der Rheumatologie eingesetzte Biologika in Patientenregistern dokumentiert und insbesondere hinsichtlich ihrer Sicherheit ausgewertet. Bei der Fülle an Bio
similars, die bei auslaufendem Patentschutz der Originalpräparate in den nächsten Jahren auf den Markt kommen werden, müssen sich Patienten und Ärzte mit diesem Thema auseinandersetzen. Einen medizinisch nicht zu rechtfertigenden Anspruch auf ein Präparat der persönlichen Wahl wird es in Zukunft immer seltener geben.

1) MBJ Nr. 137 S. 13, Nr. 140 S. 37–38
2) MBJ Nr. 113 S. 5, Nr. 121 S. 11, DVMB-Schriftenreihe Heft 13

Anschrift des Verfassers: Schwerpunktpraxis Rheumatologie und Gastroenterologie, Romanstr. 9, 80639 München