Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 142 (September 2015)

Chin Meyer

Von Peter Koncet, Mitglied des DVMB-Bundesvorstands

Wir haben für Sie, liebe Mitglieder, eine frohe Botschaft: Die DVMB hat einen neuen Botschafter. Einen frohen Botschafter. Nicht dass der Eindruck entsteht, wir würden jetzt eigene diplomatische Vertretungen anstreben. Wir haben einen Menschen in einer besonderen Situation gefunden, der als Botschafter für die DVMB Brücken bauen und als Türöffner unser gemeinsames Anliegen in andere Kreise weiter tragen kann. So können möglichst viele von Morbus Bechterew betroffene Menschen von unserer guten Sache erfahren, und wir haben die Chance, auch andere gesellschaftliche Schichten zu erreichen, zu denen wir normalerweise keinen Zugang haben.
Unser Botschafter ist als Betroffener vom Fach – und hat Humor. Das kommt uns zugute, denn Humor öffnet Türen und überschreitet Grenzen. Trockener Humor kann nie überflüssig sein und an einem Schuss Humor ist noch niemand gestorben. Doch Humor kann mehr. Humor ist das Immunsystem des Geistes. Mit dem rezeptfreien Antidepressivum Humor schafft man einen Perspektivenwechsel. Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht, und Lachen ist die beste Medizin, die zudem nichts kostet und nebenwirkungsfrei ist.
Mit Humor und unserem neuen Botschafter erhoffen wir, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, denn oftmals wird das Geschäft in der Selbsthilfe viel zu ernst gesehen. An der Ernsthaftigkeit der Selbsthilfearbeit wollen wir keineswegs rütteln, wohl aber am Image. Es reicht nicht, gute Arbeit zu leisten, sie muss auch transparent über die bekannten Wege hinaus dargestellt und verbreitet werden. Für unseren neuen Botschafter ist es Ehrensache, diese Perspektive für die DVMB und Morbus-Bechterew-Betroffene weiterzugeben.

Chin Meyer

suchte schon immer durch unterschiedliche Betätigungsfelder das Verständnis des Lebens zu erlangen. Als Sohn eines Landschaftsarchitekten und einer Fremdsprachenkorrespondentin am 27. September 1959 in Hamburg geboren, besuchte er das Gymnasium Harksheide in Norderstedt. Nach erfolgversprechendem Abitur spezialisierte sich Chin Meyer zum Verdruss aller mittlerweile nicht mehr Erziehungsberechtigten auf das Studium äußerst prekärer Lebensverhältnisse. Da diese im Ausland einfacher zu ertragen sind, pendelte er jahrelang zwischen Indien und Deutschland. Außerdem arbeitete er als Taxifahrer, DJ, Koch, Masseur, Heilpraktiker und Butler.

Chin Meyer
Chin Meyer

Unter anderem. Nach einem Schauspielstudium am Londoner Lee Strasberg Institute sowie Auftritten als Musical-Sänger und Straßenkünstler spielte er in mehreren Spielfilmen mit. Eine Zeit lang lebte er erfolgreich vom Roulette-Spiel – bis er alles verlor. Erst als er sich im fortgeschrittenen Alter von 36 Jahren komplett den brotlosen Künsten wie „Kabarett“ und „Improvisationstheater“ verschrieb, begann er ernsthaft Geld zu verdienen. Dieses soll sich bekanntermaßen vermehren. Aber als typischer Kleinanleger ging es ihm wie vielen: Mit schlecht angelegten Gagen fühlte er sich von einigen Finanzberatern zwar nicht immer verraten, aber oft verkauft! So begann er sich intensiv mit dem Thema Finanzen und Wirtschaft auseinanderzusetzen. Eine langjährige Recherche begann, die ihn später als kabarettistischen Steuerfahnder »Siegmund von Treiber« wertvolle Einblicke in die Steuer- und Finanzwelt gewinnen ließen. Zugleich beweist er, dass bei Geld der Spaß durchaus auch anfangen kann. Seither wird Chin Meyer zunehmend bei großen Wirtschaftsveranstaltungen als Key Note Speaker der etwas anderen Art gebucht.

Chin Meyer ist verheiratet und lebt heute in Berlin. Er tritt auf Kabarett-Bühnen auf, ist regelmäßiger und gerngesehener Gast in TV-Shows, hat mehrere Kleinkunstpreise gewonnen und schreibt regelmäßig Zeitungs-Kolumnen sowie Bücher. Sein Erstlingswerk „Ohne Miese durch die Krise“ ist (fast) vergriffen. Im Herbst erscheint sein zweites Buch „Warum Verschwendung wichtig ist!“
Chin Meyers Antwort auf seine eigene Diagnose war fortan tägliche Gymnastik und Sport, was er bis heute konsequent einhält. Geholfen hat ihm dabei auch sein Lebensmotto: „Lachen! Liebe! Freude! Schmerzfreiheit! Erkenntnis, was ich nicht bin – Erkenntnis, was ich bin! Weiter lachen!“
Auf die DVMB wurde er aufmerksam, als seine Mutter vor 30 Jahren die DVMB erwähnte. Er forderte Informationsmaterial an, warf es aber nach einiger Zeit wieder weg. Dann sprach ihn vor einem Jahr der berühmte Kabarettist (und Mediziner) Eckart VON HIRSCHHAUSEN an, dass die DVMB einen Botschafter sucht – ob er das nicht machen wolle? Heute findet er es gut, dass Morbus-Bechterew-Kranke sich in einem Verband gegenseitig unterstützen, informieren und für eine bessere Behandlung eintreten. Das veranlasste ihn, sich für die DVMB zu engagieren, um weiterhin einen verbesserten Zugang zu Krankengymnastik, Kuren und Medikamenten zu sichern. Als Botschafter möchte er die Anliegen Morbus-Bechterew-Erkrankter und die Chancen, welche die DVMB bietet, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Damit kann man den Focus auf Betroffene richten, die immer noch eine viel zu lange Diagnosezeit haben.
Flexibilität ist für ihn einer der Schlüssel nicht nur zur Linderung von Morbus Bechterew. Sie hilft auch in anderen Bereichen: Vor einigen Jahren trat er bei einer Weiberfastnachts-Veranstaltung in Berlin auf. Die Ansage des Veranstalters war: „Da sind dann 750 Frauen, und dann kommst du mit deinem wunderbaren Humor...“ Tatsächlich waren nur 50 Frauen in dem riesigen Zelt. Keine von ihnen war unter 50 Jahre alt und keine hatte weniger als gefühlte 5 Promille getankt. Die waren hackedicht. Der „wunderbare Humor“ wurde nur aus stieren Augen goutiert. Auch das Senken des Niveaus auf Themen unterhalb der Gürtellinie brachte keine Reaktionen. Als es vom Niveau und der Stimmung her nicht mehr weiter abwärts gehen konnte, 
kamen die ersten Rufe: „Ausziehen!“ Innerhalb von Sekunden schrie das ganze Zelt mit. Was tun? Chin Meyer beherzte die Marketing-Formel „Kunde ist König“ (oder Königin in diesem Fall) und begann zu strippen, der anwesende DJ legte eine fetzige Mucke auf, die Ladies grölten. Bei der Unterhose angekommen, verließ Meyer die Bühne, hatte so seine Gymnastik bereits absolviert und den Auftritt erfolgreich auf die Hälfte verkürzt. Alle waren glücklich.
Chin Meyer, der gerne einen Tag mit Gautama Buddha verbracht hätte, ist überzeugt, dass Humor und Morbus Bechterew wunderbar zusammenpassen. Dass er mit seinem Humor die Menschen zum Lachen bringt, macht ihn schon stolz. „Wenn man über etwas lachen kann, ist es nicht mehr ganz so schlimm. Die Grundformel von Humor ist Schmerz plus Zeit. Wenn ich als Kabarettist helfe, die zeitliche Distanz zu überbrücken, ist der Schmerz schon geringer. Im Grunde bin ich Heiler – nur auf eine andere Art.“