Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 143 (Dezember 2015)

Die reaktive Arthritis – aktuelle Übersicht

Von Privatdozent Dr. med. Markus Rihl, Traunstein

Definition

Die ersten in der medizinischen Literatur dokumentierten Beschreibungen der zu den Spondyloarthritiden gehörenden reaktiven Arthritis (ReA) stammen aus dem Jahr 1916. Der ursprüngliche Begriff Morbus Reiter, Reiter-Syndrom oder Reiter-Trias (Kombination aus Gelenkentzündung, Harnröhrenentzündung und Bindehautentzündung) ist nicht mehr gebräuchlich.
Der heute allgemein gültige Ausdruck „reaktive Arthritis“ bezeichnet eine Arthritis (Gelenkentzündung), die sich infolge einer bakteriellen Infektion an anderer Stelle entwickelte. Der entscheidende Unterschied zur bakteriellen Gelenkentzündung (der septischen Arthritis) besteht darin, dass bei der reaktiven Arthritis kein Erreger im Gelenk nachweisbar ist. Allerdings lassen sich bei der reaktiven Arthritis bakterielle Antigene oder bakterielles Erbmaterial (DNA) im Gelenk nachweisen. Dies wird als „Persistenz“ bezeichnet.
Die primäre Infektion betrifft am häufigsten das Harnleitungs- und das Magen-Darm-System. Atemwegs-Infekte als Auslöser einer ReA sind seltener.
Die klassische Form der reaktiven Arthritis zeigt typischerweise eine asymmetrische Beteiligung weniger Gelenke der unteren Gliedmaßen. Die Beteiligung der Wirbelsäule ist seltener. Durchschnittlich ist die Hälfte der Patienten HLA-B27-positiv. Umgekehrt haben HLA-B27-positive Personen ein deutlich erhöhtes Risiko, eine Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden zu entwickeln.

Häufigkeit

Die Häufigkeit der reaktiven Arthritis wird auf ca. 0,4 Promille der erwachsenen Bevölkerung geschätzt. Die Inzidenz (Häufigkeit neu auftretender Fälle) der durch Chlamydien ausgelösten ReA-Formen liegt bei 4 pro 100 000 im Jahr, die Inzidenz der durch Enterobakterien ausgelösten ReA bei 5 pro 100 000 im Jahr. Es ist aber davon auszugehen, dass die tatsächlichen Zahlen höher sind, da bis zu 3% der Patienten nach einer Harnröhreninfektion mit Chlamydien und bis zu 30% nach einer Darm-Infektion mit Salmonellen, Campylobacter, Shigellen oder Yersinien eine reaktive Arthritis entwickeln. Insbesondere wird die Rolle von Chlamydia trachomatis als Auslöser einer reaktiven Arthritis sehr wahrscheinlich unterschätzt.

Krankheitsbild

Die zeitliche Verzögerung zwischen Primärinfektion und ersten Gelenkbeschwerden kann von wenigen Tagen bis mehrere Wochen (maximal 1–2 Monate) dauern. Durchschnittswerte liegen bei ca. 30 Tagen.
Der Beginn der Gelenkbeschwerden wird meistens als hochakut und stark schmerzhaft geschildert. Die Entzündungs-Laborwerte (insbesondere Blutsenkungsgeschwindigkeit und C-reaktives Protein) sind regelhaft deutlich erhöht. Die Entzündungsaktivität kann innerhalb von Wochen bis Monaten abklingen. Der größere Teil der Patienten erlebt auch ein Abklingen der Beschwerden. Allerdings sind bei bis zu 30% der Patienten chronische Verlaufsformen mit unter Umständen therapeutisch schwer zu beeinflussenden Gelenk- oder Wirbelsäulenentzündungen beschrieben.
Das typische Befallsmuster der reaktiven Arthritis weist asymmetrische Gelenkentzündungen der unteren Gliedmaßen auf, z.B. einseitige Kniegelenk-Entzündung und/oder Sprunggelenkentzündung und/oder Entzündung einer oder mehrerer Zehen (Daktylitis). Seltener tritt eine Entzündung der oberen Gliedmaßen bzw. der Finger auf. Die Beteiligung der Wirbelsäule oder der Kreuzdarmbeingelenke oder Beschwerden außerhalb des Skeletts (z. B. Sehnenansatzentzündung, Bindehautentzündung, Eichelentzündung) sind seltener.

Erregerspektrum

Zahlreiche bakterielle Erreger sind als Auslöser einer reaktiven Arthritis bekannt. Zu den häufigsten und am besten untersuchten gehören Chlamydia trachomatis, Chlamydia (bzw. Chlamydophila) pneumoniae, Salmonella, Yersinia, Shigella, Campylobacter und Clostridien. Andere Erreger können ebenfalls Gelenkentzündungen auslösen. Diese zeigen jedoch ein von der klassischen (mit dem HLA-B27 verknüpften) reaktiven Arthritis abweichendes Krankheitsbild (Befall vieler Gelenke wie bei der Polyarthritis, ohne Bevorzugung der unteren Extremität, ohne Wirbelsäulenbeteiligung) und werden daher auch nicht den Spondyloarthritiden hinzugerechnet. Für die Erreger der klassischen reaktiven Arthritis ist charakteristisch, dass sie oder Bestandteile von ihnen den menschlichen Abwehrmechanismus umgehen und im menschlichen Organismus dauerhaft überleben, d. h. persistieren können.

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