Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 143 (Dezember 2015)

Nahrungsmittel-Steckbrief „Ingwer“

Von Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, RHIO Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redaktion

Vor allem in der Winterzeit steigt der Ingwer-Konsum in unseren Breiten traditionell an, sei es zur Vorbeugung von Erkältungen mittels Ingwer-Tee, sei es für weihnachtliches Gebäck wie Ingwerbrot oder Lebkuchen. Bei Harry Potter ist der Ingwer immer dann wichtig, wenn kluge Entscheidungen gefragt sind: in Streifen geschnittene Ingwerwurzel ist eine wesentliche Zutat des „Gripsschärfungsgetränkes“. In der asiatischen Küche darf Ingwer das ganze Jahr über nicht fehlen.

Das Ingwer-Rhizom
Das Ingwer-Rhizom

Das, was wir unter Ingwer verstehen, ist der Wurzelstock, genauer gesagt: das Rhizom (ein unterirdischer Hauptspross) der Ingwerpflanze. Die botanische Bezeichnung Zingiber officinale entstand wohl wegen der Form des Rhizoms – Zingiber bedeutet soviel wie „der Geweihtragende“ – und der Anerkennung als Heilpflanze (officinale). Ingwer gehört zur Familie der Ingwergewächse, der Zingiberaceae, und ist demzufolge verwandt mit Kurkuma (MBJ Nr. 136 S. 16–18).  
Die ursprüngliche Heimat der Ingwerpflanze liegt wahrscheinlich auf den pazifischen Inseln – im tropischen und subtropischen Klima gedeiht sie am besten; sie verträgt keinerlei Frost. Ingwer wird heutzutage in ganz Südostasien und in Australien angebaut, außerdem auch in Afrika (Nigeria) und in Südamerika. Der bei uns erhältliche Ingwer kommt zum größten Teil aus China.
Man kann die Ingwerpflanze aber auch jederzeit selbst im Blumentopf auf der Fensterbank aus einem kleinen Wurzelstück (mit der Schnittfläche nach unten gelegt) zum Wachsen bringen. Dabei kommt nach ein paar Tagen ein schnell wachsender, schilfartig aussehender Trieb zum Vorschein, der über einen Meter hoch werden kann. Wenn man diesen weiter pflegt, kann man nach etwa 6 Monaten mit der Ingwerwurzel-Ernte beginnen.

Verwendung in der Nahrung

In seiner Heimat spielt Ingwer seit Jahrtausenden eine bedeutende Rolle als Würzmittel. Bereits im 11. Jahrhundert vor Christus ist seine Verwendung in China belegt. Asiatische Speisen ohne Ingwer sind schlichtweg nicht vorstellbar.
Arabische Händler brachten den Ingwer wohl in den Mittelmeerraum. Dort wurde Ingwer gerne zur Unterstützung des Schwitzens gerade auch in der heißen Jahreszeit angewandt. Die Römer schätzten Ingwer so hoch, dass sie sogar eine eigene Ingwer-Steuer erhoben.
In Deutschland ist Ingwer seit dem 9. Jahrhundert n.Chr. bekannt. Seine schärfende Würzkraft wurde dabei besonders geschätzt.
Als Kolonialmacht war man in England sehr früh an Ingwer interessiert und setzte es für viele Speisen ein. So gibt es ein königlich-britisches Kochbuch von 1390, in dem fast jedes Rezept Ingwer als Zutat enthält. Darüber hinaus erfanden die Engländer auch das berühmte Ginger Ale – eine Art alkoholfreie Limonade auf der Basis von Ingwer, welche von einem der wichtigsten Hersteller „der Champagner unter den Softdrinks“ genannt wird. Ginger Ale ist auch in den USA und in Kanada beliebt. Das in den Anfängen noch alkoholhaltige Getränk Ginger Beer wird inzwischen ohne Fermentierung hergestellt und ist ebenfalls (fast) alkoholfrei.
Zur Weihnachtszeit wichtig ist in England seit Jahrhunderten das Ginger Bread – eine Art Pfefferkuchen.

Ingwerpflanze
Ingwerpflanze
Traditionelle Verwendung als Heilmittel

Als diätetisches Heilmittel der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist die Ingwerwurzel mindestens seit dem 2. Jh. v. Chr. verankert. Aus TCM-Sicht vertreibt Ingwer die Kälte, wärmt die „Mitte“, steigert das Schwitzen, entgiftet, stillt Husten, lindert Übelkeit und verbessert die weibliche Fruchtbarkeit. Es werden entweder salatähnliche Zubereitungen von ganz jungen, noch violettfarbenen Wurzelteilen verwendet oder sirupartige „Dekokte“ von ausgereiften Ingwerwurzeln – unter Hinzufügen von z.B. Frühlingszwiebeln, braunem Zucker oder Honig.  
Ein TCM-Rezept gegen „kahle Stellen am Kopf“ empfiehlt das Einreiben der betroffenen Stellen mit Ingwerscheiben, auf denen zu gleichen Teilen gemahlene Ingwerschale und Ginsengwurzel aufgetragen sind. 
In der traditionellen indischen Medizin, dem Ayurveda, zählt Ingwer zu den wichtigsten Heilpflanzen. Es wurde und wird in frischer Form oder als Pulver gegen vielerlei Beschwerden und Erkrankungen eingesetzt. Bezeichnend ist der Spruch „There is no tincture without ginger“. Vor allem seine energetisierende und wärmende sowie die unterstützende Wirkung auf die so genannte „Nach-Verdauung“ wird genutzt, aber auch antibiotische Eigenschaften. Beliebt ist das Ingwerwasser, welches aus 1–2 frischen Ingwerscheiben hergestellt wird, die mit kochendem Wasser übergossen werden und dann 10 Minuten ziehen müssen. Dieses Ingwerwasser trinkt man warm über den Vormittag verteilt – aber nicht mehr nach 14 Uhr wegen seiner anregenden Wirkung. Sogar gegen Potenzstörungen wird Ingwer angewandt: Hierzu muss täglich Ingwersaft mit Honig vermischt und mit einem rohen darin verrührten Ei genossen werden.
Auch in der Tiermedizin spielt Ingwer eine interessante Rolle. Es existiert eine wärmende Pferdesalbe mit Ingwerextrakt. Als natürliches hochwirksames Heilmittel vor allem gegen diverse Arthrosen sowie Sehnenansatz- und Bänder-Überlastungsbeschwerden wird Ingwer von naturheilkundlich orientierten Tierärzten gerne im Futter der Pferde verwendet (3–4 g gemahlener Ingwer pro 100 kg Körpergewicht). Ingwer in der Fütterung von Rennpferden steigert laut kontrollierter Studien die Siegquote um ein Drittel – weshalb Ingwer bei Pferden auf der Dopingliste steht. Auch bei Hunden wird Ingwer gegen bestimmte Formen von Arthrosen eingesetzt.
Die Ingwerwurzel beinhaltet eine Vielzahl von (bei weitem noch nicht ausreichend erforschten) Stoffen. Am wichtigsten scheinen die Gingerole und Shoagole (welche auch die Schärfe verursachen) zu sein, und einige ätherische Öle (wie vor allem Zingiberol, Zingiberen, ar-Curcumen…).

Was macht nun den Ingwer1 für Betroffene mit einer Spondyloarthritis so wertvoll?
  1. Ingwer hat starke antioxidative Kraft, hilft also freie Radikale zu neutralisieren. Es enthält nämlich viel Glutathion, welches wichtig für unsere Redoxkette ist, d.h. für den Mechanismus, mit dem der Körper freie Radikale unschädlich macht. Da freie Radikale aber die Entzündung aufrechterhalten können, wirkt ihre Neutralisierung bremsend auf die Entzündung.
  2. Ingwer hat eine direkte schmerzlindernde und antientzündliche Wirkung. Vor allem das in ihm enthaltene (6)-Gingerol wirkt nämlich wie ein COX-2-Hemmer (also wie die bevorzugt eingesetzte Medikamentengruppe gegen die Schmerzen bei der Spondyloarthritis). In einer Studie mit Arthrose-Patienten wirkte Ingwer-Extrakt gleich gut wie Ibuprofen.
  3. Ingwer ist günstig für die Muskeln und Sehnen. Es verbessert die Muskelkraft, wie in einer australischen Studie aufgezeigt wurde: die im Ingwer enthaltenen Gingerole bewirken eine Verbesserung der Glukoseaufnahme in den Muskelzellen und dadurch eine bessere Bereitstellung von Energie im Muskel. Außerdem beugt Ingwer dem Muskelkater vor und wirkt gegen Muskelschmerzen. Wenn kurz vor und über mehrere Tage nach anstrengender Muskelarbeit roher oder gekochter Ingwer verzehrt wird, entstehen deutlich weniger Muskelschmerzen / Muskelkater als bei Einnahme eines Plazebos über die gleiche Zeit, wie eine Studie aus Georgia / USA aufzeigen konnte.
  4. Ingwer hat eine keimhemmende, antibakterielle und antivirale Wirkung und ist daher hilfreich gegen Infekte, vor allem auch Infekte der Atemwege im Winterhalbjahr. Bewährt hat sich hier das sog. Ingwerwasser, bei dem rohe Ingwer-Scheiben mit kochendem Wasser übergossen werden und 10 Minuten weiter heiß gehalten und dann gegebenenfalls mit Honig leicht gesüßt werden.
  5. Ingwer hemmt das Wachstum des unerwünschten Keimes Helicobacter pylori im Magen, ein Bakterium, welches oft bei Magengeschwüren und Gastritis gefunden wird, gerade bei Menschen, die oft antirheumatische Schmerzmittel einnehmen müssen. Ingwer hat hier also eine schützende Wirkung.
  6. Ingwer hat – infolge der Gingerole - eine bremsende Wirkung auf das LDL-Cholesterin. Etwa 2 Gramm Ingwerpulver pro Tag sollen bereits effektiv sein.
Risiken und Nebenwirkungen

Bei so viel medizinisch positiven Wirkungen verwundert es nicht, dass Ingwer auch Nebenwirkungen verursachen kann. Wer einen empfindlichen Magen hat, kann durchaus Sodbrennen von ausgeprägtem Ingwerkonsum bekommen; auch die Speiseröhre kann gereizt werden. Gallensteine können mobilisiert werden. Außerdem hat Ingwer eine blutverdünnende, d.h. gerinnungshemmende Wirkung. Da es Wehen anregen kann, wird sein Genuss (in der europäischen Medizin) für Schwangere nicht empfohlen.

Einkauf, Lagerung, Zubereitung

Frische Ingwerwurzeln sind das ganze Jahr über erhältlich – und sind meist empfehlenswerter zur Verwendung in der Küche oder als Heilmittel als das gemahlene Ingwerpulver, welches evtl. schon lange gelagert ist und ggf. auch mit Schadstoffen (Schimmelpilzgiften) belastet sein kann.
Kaufen Sie Bio-Qualität – denn Ingwer aus konventionellem Anbau (insbesondere aus Indien und Nigeria) ist bis zu 50% mit übermäßig viel Pestiziden belastet. Zum Schutz vor Schimmel wird Ingwer überdies oft mit Benzoesäure behandelt, was bei entsprechend Disponierten allergische Reaktionen hervorrufen kann.
Die Lagerung von Ingwer ist denkbar einfach – bei Zimmertemperatur oder in einem kühlen Raum (nicht im Kühlschrank) ist er durchaus 1–2 Wochen haltbar.
Ob Sie nun den frischen Ingwer schälen und in Scheiben oder Stückchen schneiden oder reiben, als Ingwerwasser, als Tee, in einem Dip und einer Suppe (wie in unserm „Kleinen Kochbuch gesunder Genüsse“2 beschrieben) verwenden oder kreative asiatische Gerichte damit zubereiten – die gesundheitsfördernden Effekte können Sie vielfältig nutzen. Wenn Sie Ingwer in großen Mengen einsetzen wollen, besprechen Sie das bitte auch mit Ihrem Arzt.

1) im Folgenden ist mit dem Begriff Ingwer jeweils die Ingwerwurzel, das Rhizom, gemeint.
2) DVMB-Schriftenreihe Heft 17