Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 143 (Dezember 2015)

NSAR-Einnahme regelmäßig oder nach Bedarf?

Ergebnisse einer 2-Jahres-Studie mit Diclofenac

Von DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Joachim Sieper, Dr. Joachim Listing, DVMB-Forschungspreisträger Dr. Denis Poddubnyy, DVMB-Forschungspreisträger Dr. In-Ho Song, DVMB-Forschungspreisträger Dr. Kay-Geert Hermann, Dr. Johanna Callhoff, Dr. Uta Syrbe, DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen Braun und DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Martin Rudwaleit

Einleitung

Neben der Unterdrückung der Entzündung und der damit verbundenen Schmerzen ist die Vermeidung der knöchernen Versteifung der Wirbelsäule ein wichtiges Ziel der Morbus-Bechterew-Therapie. Während sich TNF-alpha-Blocker als sehr wirksam in Bezug auf die entzündungsbedingten Schmerzen erwiesen, wurde in Studien über 2–4 Jahre keine Verlangsamung der knöchernen Versteifung festgestellt. Ob sich bei einer längeren Behandlung doch noch eine Verlangsamung einstellt, muss noch untersucht werden. Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis werden zunächst mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt, die ebenfalls die Entzündung wirksam unterdrücken. Schon 1976 verlangsamte in einer kleinen Studie Phenylbutazon die knöcherne Versteifung. 2005 wurde dies in einer 2-jährigen Studie auch für Celecoxib nachgewiesen.1  Auch in einer kleinen deutschen Studie, bei der die Patienten ganz verschiedene NSAR einnahmen, deutete sich an, dass die Versteifung bei reichlichem NSAR-Gebrauch langsamer fortschreitet.2

Die ENRADAS-Studie

Mit einer neuen Studie3 haben wir überprüft, ob diese Wirkung auch mit Diclofenac, einem besonders häufig verschriebenen NSAR, erzielt wird. Die ENRADAS-Studie (Effects of NSAIDs on RAdiographic Damage in Ankylosing Spondylitis) wurde zwischen 2008 und 2013 in 19 deutschen Rheumazentren durchgeführt. Teilnehmer waren Morbus-Bechterew-Patienten mit einer Stärke der Rückenschmerzen von mindestens 4 auf der 10-Punkte-Skala. Die Verwendung eines Magenschutzmittels war erlaubt, nicht aber die gleichzeitige Behandlung mit einem TNF-alpha-Blocker. Ausschlusskriterien waren Magen-Darm-Geschwüre, entzündliche Darmkrankheiten, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Nieren-Insuffizienz und NSAR-Unverträglichkeiten. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip auf 2 Gruppen verteilt, die Diclofenac entweder 2 Jahre lang kontinuierlich (täglich mindestens 50% der maximal empfohlenen Dosis von 150 mg) oder nach Bedarf einnahmen. Bei Unwirksamkeit oder Unverträglichkeit war der Übergang zu einem anderen NSAR erlaubt. Die eingenommene NSAR-Dosis wurde alle 12 Wochen abgefragt und anhand der noch vorhandenen Kapseln kontrolliert. Die Dosis eines anderen NSAR wurde in eine Äquivalent-Dosis4 umgerechnet.

Studienergebnisse

167 Patienten nahmen an der Studie teil, 85 mit kontinuierlicher Einnahme und 82 nach Bedarf. 122 davon blieben die ganzen 2 Jahre bei der Stange und es konnten Röntgenbilder aus der Zeit vor und nach der Studie ausgewertet werden. Von den 45 Patienten, welche die Teilnahme vorzeitig abbrachen, stiegen nur 2 auf TNF-Blocker um. Der „NSAR-Index“, in dem die Medikamentenart, die Dosis und Einnahmehäufigkeit auf einer 100-Punkte-Skala berücksichtigt wird, betrug 76 für die Gruppe mit kontinuierlicher Einnahme und 44 für die Einnahme nach Bedarf. Am Ende der 2 Jahre nahmen 77% noch Diclofenac und waren nicht auf ein anderes NSAR umgestiegen. Das Ausmaß der knöchernen Wirbelsäulenversteifung wurde mit dem modifizierten mittlere Zunahme des mSASSS 0,7 gegenüber 1,2 für die Patienten mit einem NSAR-Index von mindestens 50. Der Unterschied war wiederum statistisch nicht signifikant. Insgesamt gab es in der Gruppe mit kontinuierlicher Einnahme 34 neue Syndesmophyten und in der Gruppe mit einer Einnahme nach Bedarf nur 17. All diese Ergebnisse belegen, dass die kontinuierliche NSAR-Einnahme die Knochen-Neubildung nicht verringert.

1) MBJ Nr. 104 S. 17–20
2) MBJ Nr. 133 S. 16
3) Zur Teilnahme an der Studie wurde im MBJ Nr. 117 S. 12, Nr. 118 S. 18 und Nr. 119 S. 23 aufgerufen..
4) MBJ Nr. 122 S. 21

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