Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 143 (Dezember 2015)

Rheumatologie bei den Stadtmusikanten

Rheumatologie bei den Stadtmusikanten

Bericht vom Rheumatologenkongress 2015 in Bremen

Von Prof. Dr. Ernst Feldtkeller und Dr. Gudrun Lind-Albrecht, Redaktion Morbus-Bechterew-Journal

Bremen ist nicht nur durch das Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ berühmt. Wer an Bremen denkt, denkt zunächst an die Hansestadt mit der riesigen Roland-Statue vor dem Rathaus und an reiche Handelsherren, von denen einer (der Erfinder des koffeinfreien Kaffees) die berühmte, vom Marktplatz zur Weser führende Böttcherstraße in ein Gesamtkunstwerk umbauen ließ (Bild oben). Aber auch die Rheumatologie ist in Bremen gut vertreten mit dem DVMB-Forschungspreisträger und Ärztlichen Berater unseres Landesverbands Niedersachsen, Prof. Dr. Jens Gert KUIPERS, Chefarzt der Klinik für internistische Rheumatologie im Bremer Rotes-Kreuz-Krankenhaus, der als Tagungspräsident den diesjährigen Rheumatologenkongress im Bremer Kongresszentrum ausrichtete.
Mit 56 Vorträgen und 208 wissenschaftlichen Posters bot der Kongress auch dieses Jahr wieder ein reichhaltiges Programm, in dem auch die Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenkrankheiten) nicht zu kurz kamen.

Behandlungsziele
Bild 1: Die DVMB-Forschungspreisträger Dr. med. Denis PUDDOBNYY und Dr. Kay-Geert HERMANN aus Berlin
Bild 1: Die DVMB-Forschungspreisträger Dr. med. Denis PUDDOBNYY und Dr. Kay-Geert HERMANN aus Berlin

Bei der Kongress-Eröffnung begrüßte Frau Prof. Dr. Erika GROMNICA-IHLE als Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga die Teilnehmer. Sie begrüßte ausdrücklich den Beschluss der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, den Slogan „Treat to Target“1 (Behandlungsziel Minderung der Entzündung) zu ersetzen durch „Treat to participation“ (Behandlungsziel Teilhabe), also das umfassendere Behandlungsziel mit Verbesserung des funktionalen Gesundheitszustands und der Lebensqualität. Dazu gehören auch Patientenschulung, Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, kontinuierliche Verordnung von Heilmitteln, Funktionstraining, Rehabilitationssport und die Motivierung der Patienten zu regelmäßigen Eigenaktivitäten.

Frühe Diagnose entscheidend für späteren Therapieerfolg
Bild 2: Die DVMB-Forschungspreisträger Dr. Xenofon BARALIAKOS und Prof. Dr. Jürgen BRAUN vom Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne.
Bild 2: Die DVMB-Forschungspreisträger Dr. Xenofon BARALIAKOS und Prof. Dr. Jürgen BRAUN vom Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne.

DVMB-Forschungspreisträger Dr. Denis PODDUBNYY (Bild 1) berichtete in einem Vortrag, dass die Spondyloarthritis umso besser auf TNF-alpha-Blocker anspricht, je früher mit der Therapie begonnen wird. In mehreren Studien hing die Ansprechrate signifikant von der Zeitspanne zwischen den ersten Beschwerden und dem Therapiebeginn ab. In einer Studie wurde sogar gezeigt, dass bei Morbus-Bechterew-Patienten mit einem Beginn der Anti-TNF-Therapie innerhalb der ersten 10 Krankheitsjahre die knöcherne Versteifung später wesentlich langsamer fortschreitet.

DVMB-Forschungspreisträger Dr. Xenofon BARALIAKOS (Bild 2) gab einen Überblick darüber, welche weiteren Faktoren zum Fortschreiten der knöchernen Versteifung beitragen und berichtete über eine in Herne durchgeführte Studie, nach der es in den ersten 4 Behandlungsjahren keinen Unterschied im Fortschreiten der Versteifung zwischen Morbus-Bechterew-Patienten mit und ohne Anti-TNF-Therapie gibt, während nach 8 Behandlungsjahren die Versteifung unter der Anti-TNF-Therapie im Mittel immerhin wesentlich langsamer fortschreitet.

Bild 3: DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Martin RUDWALEIT aus Bielefeld (Ärztlicher Berater der DVMB, links) und Prof. Dr. Dennis MCGONAGLE aus Leeds (Eng-land).
Bild 3: DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Martin RUDWALEIT aus Bielefeld (Ärztlicher Berater der DVMB, links) und Prof. Dr. Dennis MCGONAGLE aus Leeds (Eng-land).

DVMB-Forschungspreisträger Dr. Kay-Geert HERMANN aus Berlin (Bild 1) erläuterte in seinem Vortrag die Vorteile der Magnetresonanztomographie für die Morbus-Bechterew-Frühdiagnose, vor allem, wenn sie mit den Ergebnissen der ärztlichen Untersuchung kombiniert wird.2
DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Martin RUDWALEIT aus Bielefeld (Bild 3) stellte den Vorteilen einer frühen Diagnose die Risiken gegenüber, die mit einer (voreiligen oder falschen) Diagnose „Morbus Bechterew“ verbunden sind: Unnötige Ängste insbesondere im Zeitalter des Internet, unberechtigte Nachteile bei Bewerbungen oder Versicherungsanträgen, Nebenwirkungen unnötig eingesetzter Medikamente und unnötige Kostensteigerungen im Gesundheitswesen durch unnötigen Einsatz besonders teurer Medikamente. Es gilt also, kritisch zu bleiben mit der Diagnose Morbus Bechterew, vor allem bei negativem HLA-B27 und negativem Röntgen- oder MRT-Befund.

1) siehe MBJ 137 S. 4–7
2) siehe MBJ Nr. 142 S. 5–9

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