Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 144 (März 2016)

Ergotherapie bei Morbus Bechterew

Von Anke Usbek, Ergotherapeutin, Haus der Ergotherapie, Dortmund, und Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, RHIO (Rheumatologie, Immunologie, Osteologie), Düsseldorf

In der stationären Rehabilitation bei Morbus Bechterew und auch im Patientenschulungs-Programm für Morbus Bechterew hat die Ergotherapie ihren festen Platz und ist aus dem Gesamtkonzept nicht mehr wegzudenken.
Demgegenüber ist die ambulant verordnete Ergotherapie bei Morbus Bechterew eher eine Seltenheit – und Morbus-Bechterew-Betroffene, denen bisher weder eine Patientenschulung noch eine Rehabilitationsmaßnahme mit Ergotherapie zuteil wurde, können oft nicht ermessen, welche Bedeutung die Ergotherapie für sie haben könnte. Viele wissen nicht einmal, was Ergotherapie überhaupt ist und manche glauben, Ergotherapie sei so etwas wie Basteln zum Zeitvertreib. Diese Wissenslücke soll unser Artikel schließen. Er soll anhand von einigen Beispielen aus dem Morbus-Bechterew-spezifischen Alltag zeigen, welche Hilfestellungen und Lösungsmöglichkeiten für bestimmte Problembereiche die Ergotherapie geben kann.

Geschichte der Ergotherapie

Ergo leitet sich von „ergon“ (griechisch für Werk, Arbeit) ab. Die Ergotherapie ist eigentlich eine noch junge therapeutische Disziplin. Vorläufer der „Arbeitstherapie“ gab es im 15. Jahrhundert in spanischen Krankenhäusern. Im Laufe des 18. Jahrhunderts feilten dann der französische Psychiater Phillippe PINEL und der englische Psychiater John CONOLLY an einer Methode der zielgerichteten Beschäftigung psychisch Kranker als aktivierende Therapie. Aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die „Arbeitstherapie“ offiziell in Lungenheilanstalten der Schweiz – und vereinzelt auch in Deutschland – eingeführt, um chronisch an Tuberkulose Erkrankte auf den Wiedereintritt in den Beruf oder an die Wiederaufnahme einfacher Haushalts- und Gartenarbeiten heranzuführen. In den USA entstand zeitgleich der Berufsstand des „occupational therapist“ (Beschäftigungstherapeut). Hier standen Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen im Mittelpunkt der Therapie. In Chicago wurde 1908 die erste entsprechende Ausbildungsstätte gegründet.
In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg ergab sich durch die vielen mit Verletzungsfolgen und Behinderungen zurückgekehrten Soldaten innerhalb von Europa ein breites neues Betätigungsfeld. In England und Skandinavien entstanden viele „beschäftigungstherapeutische“ Ausbildungs- und Behandlungsstätten. In Deutschland fasste die „Beschäftigungstherapie“ erst nach dem 2. Weltkrieg so richtig Fuß. Im Annastift in Hannover entstand 1953 die erste deutsche staatlich anerkannte Schule zur Ausbildung von „Beschäftigungstherapeuten“. In den Folgejahren breitete sich die neue Therapieform zunehmend weiter aus und wurde mehr und mehr für chronische Krankheiten des Bewegungsapparats entdeckt. Die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wurden aber erst ab den 70er Jahren konsequent mit einbezogen. Die Berufsbezeichnung in Deutschland wandelte sich nun: In der damaligen DDR gab es die – etwas in die Außenseiterrolle gedrängten – „Arbeitstherapeuten“ und im Westen die – bald recht angesehenen – „Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten“, die sich auf skandinavische und angelsächsische Erfahrungen und Lehrinhalte berufen konnten.
In der Schweiz lautet seit 1971, in Österreich seit 1992 und in Deutschland erst seit 1998 (qua Gesetzesänderung) die offizielle Berufsbezeichnung „Ergotherapeut“. In den USA und in Australien heißt es noch heute „occupational therapist“, abgekürzt OT.

Zielsetzung der Ergotherapie

Die Ergotherapie will Menschen mit krankheitsbedingten Einschränkungen in die Lage versetzen, in ihrem Alltag, ihrem Beruf und ihrer Freizeit (wieder) möglichst gut zurechtzukommen. Ergotherapie bringt Menschen mit krankheitsbedingten Einschränkungen dazu, sich (wieder) soweit als möglich selbst zu versorgen und ihre individuelle Lebensqualität zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Sie setzt dabei als therapeutisches Instrument zielgerichtete Handlungsabläufe und Beschäftigungen ein, die dem Alltag, dem Berufsleben oder dem kreativen Bereich entstammen.
Im Unterschied zu den Physiotherapeuten arbeiten Ergotherapeuten sehr alltagsbezogen. Es geht nicht allein darum, Bewegungen wieder zu verbessern, sondern vor allem um die Fähigkeit, den Alltag zu meistern. Dabei ist natürlich unter anderem auch die Beweglichkeitserweiterung wichtig, was ebenso für andere Berufsgruppen wie Physio- und Sporttherapeuten oder Fitnesstrainer eine Zielsetzung ist. Aber für die Ergotherapeuten steht dabei immer die Alltagsbewältigung der Patienten an erster Stelle. Neben der Beweglichkeitsverbesserung sind daher auch die Kompensation verlorengegangener Fähigkeiten und die Hilfsmittelversorgung wichtige Felder der Ergotherapie.
Ergotherapie kann neue Perspektiven eröffnen, wie Betroffene mit und trotz vorhandener Einschränkungen freudvolle Kreativität erleben können und damit den Alltag und ihre Freizeit bereichern und auch in der kreativen Tätigkeit den Schmerz und die Beeinträchtigung etwas vergessen können. Dies ist der Bereich der kreativgestalterischen Ergotherapie. In diesem Sinne kann die Ergotherapie zu neuen Aspekten der Selbstverwirklichung führen und die Krankheitsbewältigung (die „Coping-Strategien“) entscheidend verbessern (z.B. im Malen dem Schmerz weniger Aufmerksamkeit schenken / den Schmerz vergessen).
In der funktionellen Ergotherapie geht es ganz gezielt um das Einüben günstiger Haltungen und besserer Bewegungsabläufe für Gelenke oder Wirbelsäule. Dies kann auch anhand von alltäglichen oder beruflich notwendigen Tätigkeiten erfolgen. Die funktionelle Ergotherapie soll eingetretene Einschränkungen vermindern helfen und drohenden Einschränkungen vorbeugen.
Es kann aber auch zugleich funktionell und kreativ gearbeitet werden: Eine bestimmte künstlerisch oder handwerklich kreative Tätigkeit wird mit einem angepassten Aufbau der Arbeitsmaterialien ausgeführt, um eine bessere Körperhaltung zu erreichen.
Mit der Ergotherapie sollen die Selbstversorgung und die Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen Leben erleichtert bzw. erhalten werden. Daher gehört auch eine Beratung über mögliche einsetzbare Hilfsmittel im Alltag und Beruf zum Repertoire. Es gilt, die äußeren Bedingungen (wie Arbeitsplatzausstattung, Haushalt, Hobby etc.) an Einschränkungen anzupassen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, oder mit einer Verbesserung der äußeren Bedingungen einer drohenden Verschlimmerung der Einschränkungen vorzubeugen.
Um eine Wiederaufnahme des Berufs vorzubereiten, können mittels Ergotherapie sozusagen an einem Modell nach Art einer „Arbeitswand“ die beruflich notwendigen Abläufe eingeübt und/oder verbessert werden.

Methoden der Ergotherapie

In der Ergotherapie werden kreative und spielerische Techniken – als Mittel zum Zweck – ebenso eingesetzt wie Nachahmungen definierter Bewegungsabläufe aus dem Alltag und Beruf.
Die Beratung spielt dabei eine große Rolle, da durch Schmerzen und Bewegungseinschränkungen alle Alltagsbereiche betroffen sein können, was oft zu einem hohen Leidensdruck bei den Betroffenen führt.
Die Methoden der Ergotherapie grenzen auf der einen Seite an die Physiotherapie und ein wenig an die Sporttherapie, auf der anderen Seite tangieren sie die Bereiche der psychologischen und sozialpädagogischen Betreuung. Sie ist die einzige Therapieform, die sich umfassend mit dem Bereich der Bewegungsabläufe bis hin zu den alltagsrelevanten Fragen und der Psyche auseinandersetzt. Die Ergotherapie hat – im ganzheitlichen Sinne – eine umfassende Ausrichtung auf den (biopsychosozialen) Gesamtkontext des Menschen in seinem individuellen privaten und beruflichen Umfeld.

Wollen Sie weiterlesen? Als Mitglied der ehrenamtlich geführten Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew bekommen Sie regelmäßig unsere Zeitschrift mit vielen wichtigen Beiträgen zum Morbus Bechterew zugeschickt. Gleichzeitig unterstützen Sie die Interessenvertretung der Morbus-Bechterew-Patienten.
Zwei von vielen Gründen, möglichst bald Mitglied der DVMB zu werden!