Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 144 (März 2016)

Schlucktherapie nach Aufrichtungs-Operation an der Halswirbelsäule

von Peter Deisenroth, Bad Hersfeld

Im Morbus-Bechterew-Journal Nr. 141 vom Juni 2015 berichtete ich in einem Leserbrief von der Schluckblockade1, die bei mir eintrat, nachdem die Halswirbelsäule operativ aufgerichtet worden war. Ich konnte überhaupt nicht mehr schlucken, nicht einmal den eigenen Speichel, und musste mit Hilfe einer Magensonde künstlich ernährt werden. Eine Odyssee zu verschiedene Fachärzten (HNO, Gastroenterologie und Neurologie) begann.
Bereits im April 2015 kam von einer Therapeutin der Universitätsklinik Frankfurt am Main der Vorschlag, mir ein Biofeedback-Gerät zur Unterstützung meines Schlucktrainings zur Verfügung zu stellen.
Im Juni 2015 wurde ich in der Universitätsklinik Jena stationär aufgenommen, um die Möglichkeit einer Botox-Injektion2 in den oberen Speiseröhreneingang abzuklären. Die Untersuchung zeigte eine ausreichende Flexibilität der Speiseröhre. Wegen der möglichen Nebenwirkungen wurde diese Behandlung jedoch ausgesetzt.
Es folgten weitere neurologische Untersuchungen bis zur Beantragung einer neurologischen Rehabilitation im Oktober 2015. Im November begannen fünf Wochen Schlucktherapie im Gesundheitszentrum Bad Tölz. Bereits am ersten Tag wurde eine detaillierte Videofluoroskopie durchgeführt. Dabei wird das Schlucken eines Kontrastbreis in einem Röntgenfilm mit ca. 25 Bildern/sec dargestellt.

Das Zungenbein und die daran befestigten Muskeln (aus Wikimedia Commons, dem freien Medienarchiv).
Das Zungenbein und die daran befestigten Muskeln (aus Wikimedia Commons, dem freien Medienarchiv).

Die Untersuchung zeigte eine eingeschränkte Kehlkopfhebung beim Schlucken. Das Zungenbein3 bewegte sich bei mir gar nicht. Die fehlende Vorwärtsbewegung des Zungenbeins ist verantwortlich dafür, dass der Übergang der Nahrung vom Rachenraum in die Speiseröhre nicht funktioniert.
Bei der Physiotherapie wurden Übungen zur Verbesserung meiner seit vielen Jahren stark eingeschränkten Mundöffnung und zur Kräftigung der „submentalen“ (unter dem Kinn befindlichen) Muskulatur gemacht. Wegen der Fixierung meiner Halswirbelsäule können viele Übungen nur isometrisch4 durchgeführt werden.
Die Schlucktherapie wurde durch ein Biofeedback-Gerät visuell unterstützt. Durch Elektromyografie (EMG) wird die Aktivität der submentalen Muskulatur auf einem Bildschirm dargestellt. Die Therapeutin (Frau HOFMAYER, ursprünglich Ergotherapeutin, die sich intensiv weitergebildet hat und jetzt als klinische Linguistin arbeitet, mit viel Erfahrung in der Schlucktherapie) stellte mir unterschiedliche Aufgaben: normal schlucken, kräftig schlucken und kräftig schlucken mit Kehlkopf oben halten. Variiert wird auch zwischen Speichelschluck und Wasserschluck mit verschiedenen Mengen.
Weil die Schluckversuche bei mir häufig zur Aspiration5 führten, wurde ein Gerät eingesetzt, das beliebige Flüssigkeiten in gut schluckbare Schäume verwandelt. Dadurch wurde das Schlucktraining nicht so oft durch Hustenreiz unterbrochen.
Die Klinik verordnete die Fortsetzung der Schlucktherapie mit dem Biofeedback-Gerät für sechs Monate. Die Kostenübernahme wurde von der Krankenkasse mit der Begründung abgelehnt, dass der therapeutische Nutzen im häuslichen Bereich bislang nicht nachgewiesen ist.
Ich habe das Gerät auf eigene Kosten gemietet und übe nun zuhause täglich zweimal 25 Minuten, in der Hoffnung bald wieder normal essen und trinken zu können.
Die Fortschritte, die in den fünf Wochen in Bad Tölz erzielt wurden, sind zwar noch sehr klein. Aber nach 35 Jahren Morbus Bechterew ist Durchhaltevermögen zum Hobby geworden.

1) siehe auch Seite 28–29 in diesem Heft
2) Botox ist ein Nervengift, das zur Behandlung von schweren Muskelkrämpfen und von Falten eingesetzt wird.
3) Das Zungenbein ist eine hufeisenförmige Knochenspange, die durch Bänder und Muskeln am Schädelbasisbereich
    aufgehängt ist. Es hat, bildlich gesprochen, eine Schaukelfunktion. An der Unterseite der Schaukel sind Kehlkopf und Luftröhre
    aufgehängt zur Optimierung ihrer Bewegung. Das wirkt sich günstig auf die Funktionen Sprechen, Schlucken, Atmung und
    Husten aus. Das Zungenbein ist Ansatzpunkt vieler Muskeln, die am Schluckakt beteiligt sind. Der Schluckakt ist eine sehr
    komplexe Angelegenheit, an der eine Vielzahl von Muskeln und Nerven beteiligt sind. Deshalb sind Diagnose und Therapie
    in diesem Bereich wohl auch so schwierig.
4) Muskelanspannung ohne Bewegung
5) sich verschlucken: Eindringen flüssiger oder fester Stoffe in die Atemwege