Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 145 (Juni 2016)

25 Jahre Neurokognitive Therapie – Wie geht es weiter?

Von Prof. Dr. Ernst Feldtkeller und Dr. Gudrun Lind-Albrecht, Redaktion Morbus-Bechterew-Journal

Vor 25 Jahren, im März 1991, meldete sich der erste Morbus-Bechterew-Patient bei Dr. Eckehard WÜST, dem Erfinder der Neurokognitiven Therapie, um sich von ihm behandeln zu lassen. Durch Zufall hatte Dr. Wüst als Absolvent eines Philosophie-Studiums bei Hypnose-Experimenten entdeckt, dass sich die ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew) über das Unterbewusstsein nicht nur lindern, sondern sogar heilen lässt (dauernde Beschwerdefreiheit ohne Weiterbehandlung), und hatte im Februar 1991 in einem Vortrag in der DVMB-Gruppe München darüber berichtet. Dass das Unterbewusstsein, das Nervensystem und das Immunsystem sich im Sinne der Psycho-Neuro-Immunologie gegenseitig beeinflussen, war seit langem bekannt.
Inzwischen konnten wir viele Erfahrungsberichte von Patienten, denen auf diese Weise der Ausstieg aus der Krankheit gelang, in unserer Mitgliederzeitschrift veröffentlichen.1 Manche Patienten erlitten einen Rückfall, als sie gleich nach Abschluss der Behandlung ihren Extremsport wieder aufnahmen oder ihre Wohnung renovierten, und brauchten eine Nachbehandlung, um den Erfolg wiederherzustellen.
Besonders beeindruckt hat mich (EF) eine Zufallsbegegnung bei einer archäologischen Exkursion: Eine mir fremde Teilnehmerin berichtete mir, sie habe vor 10 Jahren mit mir telefoniert wegen der Neurokognitiven Therapie, und „stellen Sie sich vor, der Bechterew ist weg“. Wie viele ehemalige Morbus-Bechterew-Patienten gibt es wohl, denen ich nicht auf diese Weise zufällig begegne?
2007 führten wir in Zusammenarbeit mit dem Rheumatologen Prof. Dr. Herbert KELLNER eine kleine Studie durch, um die Erfolgsrate der NKT zu ermitteln, und stellten fest, 
dass von denjenigen Patienten, die noch beweglich genug waren, um gleichzeitig mit dem Gesäß und dem Hinterkopf die Wand zu berühren, 73% die Therapie erfolgreich abschließen konnten.2 Die übrigen 27% brachen die Therapie ab, weil ihnen die (selbstbezahlte) Therapie nach vielen Sitzungen zu teuer wurde und sie die Hoffnung auf einen Erfolg aufgaben. Der BASFI als Maß für die Funktionseinschränkung umfasste bei den erfolgreich behandelten Patienten zu Beginn der Therapie Werte bis 6,3 auf der 10-Punkte-Skala (Mittelwert 2,6). Nach der Therapie lag er für alle Patienten mit abgeschlossener Therapie zwischen 0 und 0,9 (Mittelwert 0,5). Bei einer Nachbefragung mindestens ein halbes Jahr später war der Mittelwert weiter zurückgegangen auf 0,2.
Weil die meisten Krankenkassen sich nicht an den Kosten für diese Therapieform beteiligen, ist die Heilung denjenigen Patienten vorbehalten, die sich diese Therapie finanziell leisten können.
Die Therapiemethode ist anstrengend und zeitaufwändig. Sie erfordert höchste Konzentration seitens des Therapeuten und konsequente vertrauensvolle Mitarbeit des Patienten. Bislang ist Dr. Wüst (in einem Lebensalter weit jenseits des normalen Ruhestands-Alters) immer noch der einzige Therapeut, der diese Therapieform anbietet. Er hat es leider nicht geschafft (trotz vorhandenem Interesse von mancher Seite), eine strukturierte und für bereits berufstätige Therapeuten realistische NKT-Ausbildung anzubieten.
Bleibt zu hoffen, dass es ausgebildeten Psychologen oder Hypnotherapeuten in Zukunft gelingen wird, diese oder eine ähnliche Methode „nachzuerfinden“.

1) Bechterew-Brief Nr. 46 S. 8–10, Nr. 57 S. 76–78, Nr. 66 S. 77, Nr. 83 S. 26–28, Nr. 89 S. 32–34, MBJ Nr. 100 S. 30–31,
     Nr. 109 S. 26–27, Nr. 128 S. 27, Nr. 140 S. 30–31
2) MBJ Nr. 100 S. 31, Nr. 101 S. 18, Nr. 108 S. 22, Nr. 112 S. 10–12