Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 145 (Juni 2016)

Morbus-Bechterew-Behandlung nach der Methode der „Rééducation posturale globale“

Von Prof. Dr. César Fernándezdelas-Peñas, Cristina Alonso-Blanco, Dr. Matilde Morales-Cabezas, Dr. Isabel Maria Alguacil-Diego und Dr. Juan Carlos Miangolarra-Page, Rey Juan Carlos-Universität Madrid

Krankengymnastik gilt heute als die grundlegende Therapie des Morbus Bechterew. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Beweglichkeit und der Lebensqualität der Patienten mit dieser Krankheit. Langfristiges Ziel ist außerdem die Bewahrung der aufrechten Haltung. In vielen Studien wurde festgestellt, dass sowohl fachkundig durchgeführte Einzelgymnastik als auch fachlich angeleitete Gruppengymnastik und zuhause durchgeführte Bewegungsübungen die Wirbelsäulenbeweglichkeit verbessern und so die Behinderung vermindern. In einer Cochrane-Analyse1 wurde außerdem festgestellt, dass fachlich angeleitete Krankengymnastik bezüglich der Schmerzlinderung, der Wirbelsäulenbeweglichkeit und des allgemeinen Wohlbefindens wirksamer ist als die in Eigenregie durchgeführte Heimgymnastik. Leider gibt es aber keine Studien, in denen die Wirksamkeit unterschiedlicher Krankengymnastik-Methoden beim Morbus Bechterew verglichen wurde. Wir wissen also immer noch nicht, nach welcher Methode wir einen Patienten mit Morbus Bechterew am besten behandeln sollen, obwohl das Cochrane-Institut empfahl, dass die Krankengymnastik beim Morbus Bechterew „krankheitsspezifisch“ sein soll.

Wir führten deshalb eine Untersuchung durch, bei der wir Morbus-Bechterew-Patienten 4 Monate lang wöchentlich eine Stunde nach der Methode der „Rééducation posturale globale“ (RPG®, englisch Global Posture Reeducation) behandelten, und verglichen dies mit konventioneller Krankengymnastik (mit Beweglichkeitsübungen für die Hals-, Brust und Lendenwirbelsäule, Stärkung der Muskeln, die die Wirbelsäule aufrichten, sowie der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur und der Schultermuskulatur).

Beim Morbus Bechterew stehen folgende muskuläre Beeinträchtigungen im Vordergrund:

  1. Vorstrecken des Unterkiefers wegen der Verkürzung der an der Atmung beteiligten Muskelkette und der hinteren Haltemuskulatur,
  2. Kyphose (Krümmung) der Brustwirbelsäule durch Verkürzung der an der Atmung beteiligten Muskelkette,
  3. Verlust des Hohlkreuzes durch Verkürzung der hinteren Haltemuskeln,
  4. Vorziehen und Innendrehung des Schultergürtels durch Verkürzung der vorderen inneren Muskelkette des Schultergürtels, und
  5. Beugung und Innendrehung des Beckengürtels durch Verkürzung der vorderen inneren Muskelkette des Beckengürtels.

Es geht dabei um das Wieder-Erlernen (Rééducation) der Haltungs-Kontrolle, d.h. der Fähigkeit, entgegen der Schwerkraft die aufrechte Haltung (Posture) im Gleichgewicht zu halten. Dazu ist – im Sinne eines globalen (den ganzen Körper einbeziehenden) Prozesses – die Zusammenarbeit von Gehirn und Augen sowie des Gleichgewichtsorgans und der Tiefensensibiliät mit bestimmten Muskelgruppen nötig. Die posturalen Muskeln und Muskelketten neigen bei mangelndem Gebrauch zur Abschwächung und Verkürzung.
Die Methode konzentriert sich auf die vorderen und hinteren Haltemuskeln des Körpers (Bild 1), auf die an der Atmung beteiligten Muskeln (Bild 1), die vorderen inneren Muskeln des Schultergürtels und die vorderen inneren Muskeln des Beckengürtels (Bild 2). All diese Muskeln wirken der Schwerkraft entgegen und ermöglichen so die aufrechte Haltung, auch bei Veränderungen der Position im Raum. Weil die Dehnung einzelner Muskeln unwirksam ist, solange nicht die ganze Muskelkette gedehnt wird, konzentriert sich die Rééducation posturale globale auf die Stärkung bzw. Streckung ganzer Muskelketten.

1) MBJ Nr. 117 S. 16–17

Bild 1: Muskelketten des Rumpfs gemäß der Methode der „Rééducation posturale globale“.
Bild 1: Muskelketten des Rumpfs gemäß der Methode der „Rééducation posturale globale“.
Bild 2: Muskelketten der Gliedmaßen gemäß der Methode der „Rééducation posturale globale“.
Bild 2: Muskelketten der Gliedmaßen gemäß der Methode der „Rééducation posturale globale“.

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