Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 146 (September 2016)

4 Typen der Arzt-Patienten-Beziehung

Von der kindhaften Abhängigkeit zum kritischen Mitdenken

Von Dr. Aleth Perdriger und Prof. Dr. Estelle Michinov, Universität Rennes, Frankreich

Einführung

Beim Gespräch zwischen Arzt und Patient geht es häufig auch um „Schulung“. Unter „Schulung“ verstehen wir nor-malerweise die Übermittlung von Wissen und Erfahrung von jemandem, der beides hat, zu jemandem, der beides nicht hat (einem Kind oder Schüler). Die „Schulung“ in der ärztlichen Sprechstunde dagegen wendet sich von Ärzten, die Bescheid wissen über die Krankheit, ihre Verläufe und ihre Therapie, an Patienten, die täglich mit einer chronischen Krankheit leben: Der Arzt hat das Wissen und der Patient die Erfahrung. „Schulung“, die das Ziel hat, die Eigenbehand-lung und das Wissen der Patienten über ihre Krankheit zu verbessern, erfordert eine gute Beziehung zwischen Arzt und Patient. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Therapeutischer Patientenschulung.1

Das Konzept der „Therapeutischen Patientenschulung“

In der Rheumatologie hat die „Therapeutische Patienten-schulung“ einen langen Weg hinter sich: Unser Ziel hat sich von der Übermittlung medizinischen Wissens zum geeigneten Patientenverhalten verschoben. Wir erkannten, dass es schwierig ist, Patienten von der korrekten Durchführung eines Behandlungsprogramms zu überzeugen, ohne sich mit den Erfahrungen und Wünschen des Patienten zu befassen.
Die Erwartungen eines Patienten können sich vom Vorha-ben des Arztes stark unterscheiden. Wenn Patienten danach gefragt werden, berichten sie von ihren Schwierigkeiten im Alltag, der abnehmenden Lebensqualität und vor allem von ihrem Gefühl der Hilflosigkeit im Umgang mit einer Krank-heit, die sie nicht akzeptieren.
Eine Änderung im Patientenverhalten kann nicht erreicht werden ohne Berücksichtigung der Patientenerwartungen. Die Wissensvermittlung über die Krankheit und ihre Behand-lung reicht keineswegs aus: Wir müssen dem Patienten hel-fen, den Alltag zu bewältigen, erwerbsfähig zu bleiben und realistische Pläne für die Zukunft zu schmieden.
Diese Ziele der „Therapeutischen Patientenschulung“ gehen zwar weit hinaus über das, was der Rheumatologe gelernt hat. Es hat sich aber gezeigt, dass die Verschiebung der Arzt-Patienten-Beziehung in Richtung einer Wechselbe-ziehung die Wirksamkeit der Behandlung entscheidend verbessert.

1) Unter „Therapeutischer Patientenschulung“ ist hier nicht ein Semi-nar für eine Gruppe von Patienten gemeint, sondern eine Beratung im Sprechzimmer des Arztes. Der Übersetzer dieses Artikels (EF) hatte das große Glück, dass sich der Orthopäde, der ihm 1959 die Diagnose eröffnete, eine halbe Stunde Zeit nahm, um ihm ausführlich zu erläutern, worauf es beim Leben mit dieser Krankheit ankommt.

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