Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 146 (September 2016)

Die Rolle mechanischer Spannungen bei der Spondyloarthritis

Von Dr. Peggy Jacques, Universität Gent, Belgien, und Dr. Dennis McGonagle, Leeds, Großbritannien

Einführung

Dass eine Spondyloarthritis vor allem die Wirbelsäule, Gelenke, Sehnenansätze, Augen und Arterienwurzeln betrifft, kann mit den zur Krankheit beitragenden Antigenen und Antikörpern nicht erklärt werden. Von den peripheren Gelenken sind die Beine stärker betroffen als die Arme, und große Gelenke stärker als kleine. Bei einem Krankheitsbeginn in jugendlichem Alter beginnt die Krankheit typischerweise an den Fersen und wandert dann im Teenager- und jungen Erwachsenenalter aufwärts in die Kreuzdarmbeingelenke und die Wirbelsäule.
Besonders die Entzündungen der Regenbogenhaut und der Arterienwurzeln führten den Pathologen BYWATERS auf die Spur, dass mechanische Spannungen eine biomechanische Erklärung für dieses Krankheitsmuster liefern könnten. In den 1990er Jahren zeigte sich in Magnetresonanzbildern, dass in entzündeten Gelenken oft Bänderansätze am Knochen entzündet waren und auch den angrenzenden Knochen in Mitleidenschaft zogen. Dies führte zu der Erkenntnis, dass auch in den Kreuzdarmbeingelenken und in Bereichen, wo Sehnen ihre Richtung ändern, mechanische Spannungen eine wichtige Rolle spielen und ein biomechanisches Modell für die Spondyloarthritis darstellen können.1

Innere Struktur von Sehnenansätzen

Im Gegensatz zur Gelenk-Innenhaut besitzen die Sehnenansätze keine eigenen Blutgefäße und bestehen nur aus Bindegewebe, um bei ihrer Bewegung möglichst wenig Verletzungen zu erleiden. Mit zunehmendem Alter werden jedoch auch die Sehnenansätze von Blutgefäßen durchdrungen, wahrscheinlich, um die Reparatur von Mikroschäden zu ermöglichen, die eine Folge der lebenslangen mechanischen Belastung darstellen. Solche Mikroschäden zeigen sich im Ultraschallbild schon bei jüngeren Personen.
Bei entzündeten Sehnenansätzen von Spondyloarthritis-Patienten zeigen sich Knochenabbau- und Knochenneubildungs-Prozesse typischerweise am äußeren Rand der Sehnenansätze, wo der Knochen bei Bewegungen besonders unter Spannung steht.
Dass mechanische Spannungen tatsächlich bei der Spondyloarthritis-Entstehung eine Rolle spielen, wurde kürzlich im Tierversuch nachgewiesen. Ein Hinweis darauf beim Menschen ist die Beobachtung, dass sich bei der Psoriasis-Arthritis die Fingernägel vor allem des Daumens und Zeigefingers entzünden, der Finger, die am meisten mechanischen Spannungen ausgesetzt sind.

Syndesmophytenbildung

Dass die Knochenneubildungen an den Wirbelkörperkanten eine Folge der Entzündung von Bändern sind, die die Bandscheibe umschließen, ist nicht restlos bewiesen. Neue Magnetresonanzuntersuchungen legen jedoch nahe, dass Syndesmophyten als eine Art Reparaturprozess vorwiegend dort gebildet werden, wo der Wirbelkörper durch Entzündungsprozesse geschädigt wurde. Die Knochenneubildung beginnt im vorderen Längsband der Wirbelsäule, wo die mechanische Beanspruchung besonders groß ist.2

1) Bechterew-Brief Nr. 91 S. 17–22, MBJ Nr. 141 S. 4–9
2) Benachbarte Wirbel sind hinten durch die kleinen Wirbelgelenke verbunden und bewegen sich scherenförmig gegeneinander, so dass die Relativbewegung vorne am größten ist, Anm. der Redaktion

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