Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 146 (September 2016)

Interleukin-23 als Entzündungs-Mitverursacher in Sehnenansätzen entlarvt

Dr. Robert A. Colbert, National Institute of Arthritis and Musculoskeletal and Skin Diseases (NIAMS), Bethesda, USA

In den vergangenen Jahrzehnten gab es einen gewaltigen Fortschritt in der Entdeckung von Genen (Erbmerkmalen), die zu einer Veranlagung zu entzündlichrheumatischen Krankheiten führen. Neben dem HLA-B27 wurden viele weitere Gene gefunden, die zur Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) beitragen können. Für die rheumatoide Arthritis (Polyarthritis) ist die Liste der verdächtigen Gene sogar noch länger. Erstaunlich ist dabei, dass es anscheinend keine Überlappung zwischen Genen für die Veranlagung zur Spondylitis ankylosans und zur rheumatoiden Arthritis gibt, während es für die Veranlagung zur Spondylitis ankylosans, zur Psoriasis/Psoriasis-Arthritis und zu einer entzündlichen Darmkrankheit (Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa) gemeinsame Gene gibt. Nachdem viele Morbus-Bechterew-Patienten gleichzeitig eine Psoriasis oder eine entzündliche Darmkrankheit haben, ist dies nicht überraschend.
Trotz der bemerkenswerten Fortschritte in der Genetik haben wir immer noch Probleme, uns auf dem Weg von der genetischen Veranlagung zur Ausprägung der Krankheit zurechtzufinden. Wie arbeiten diese Gene bei der Auslösung einer solchen Krankheit zusammen? Und warum sind die Krankheitsmuster bei verschiedenen Patienten unterschiedlich?
Experimente mit HLA-B27-tragenden Ratten haben uns weitgehend gezeigt, wie das Erbmerkmal HLA-B27 die Entzündung auslöst, als ersten Schritt bei der Entwicklung einer Spondylitis ankylosans. Außerdem verstehen wir immer besser, wie Zytokine (Botenstoffe) Informationen von Zelle zu Zelle transportieren, um die Immunantwort zu steuern. Eines dieser Zytokine, das bei der Spondylitis ankylosans eine Rolle spielt, ist das Interleukin-23, abgekürzt IL-23. Es wird bei Morbus-Bechterew-Patienten von bestimmten Zellen in größeren Mengen produziert und ins Blut ausgeschüttet.
In Rattenzellen können falsch gefaltete HLA-B27-Moleküle Stress auslösen, der mit vermehrter IL-23-Produktion verbunden ist. Das IL-23 wirkt auf Zellen, die einen spezifischen Rezeptor (Empfänger) tragen, der klugerweise IL-23-Rezeptor genannt wird. Aber warum dies zu Sehnenansatzentzündungen, Wirbelsäulenentzündungen und zur Knochen-Neubildung führt, ist nach wie vor unklar.

Zwei wichtige Beobachtungen

Ein in der Zeitschrift Nature Medicine veröffentlichtes Studienergebnis1 wirft nun ein neues Licht auf diese wichtige Frage. Schon lange wird im Geschehen in den Sehnenansätzen als dem Ort der Entzündung und der damit verbundenen Beschwerden (Schmerzen, Stoßempfindlichkeit und manchmal auch Schwellungen) der Schlüssel zum Verständnis der Krankheitserscheinungen vermutet.
Die Forscher machten zwei wichtige Beobachtungen: Erstens verursachte eine Anhebung des IL-23-Spiegels in Mäusen eine Enthesitis (Sehnenansatzentzündung) einschließlich einer Wirbelsäulenentzündung. Eine sorgfältige Untersuchung der Sehnenansätze unter dem Mikroskop im frühen Entzündungsstadium zeigte Entzündungszellen (Makrophagen und Neutrophile) in und um die Sehnenansätze, aber nicht in den Gelenken und in der Gelenk-Innenhaut (Synovium) wie bei der rheumatoiden Arthritis. Bemerkenswerterweise folgte auf die durch IL-23 ausgelöste Entzündung bald eine Knochen-Neubildung in der Nachbarschaft des Sehnenansatzes.
Die zweite völlig unerwartete Beobachtung war, dass es im Sehnenansatz bestimmte T-Zellen (weiße Blutkörperchen) gibt, die nur darauf warten, durch IL-23 aktiviert zu werden. Diese T-Zellen wurden dadurch entdeckt, dass die Forscher Mäuse genetisch so veränderten, dass diejenigen Zellen, die auf IL-23 reagieren können, grün floureszierten.

1) Sherlock u.a.: Nature Medicine Band 18 (2012) S. 1069–1076. Siehe auch MBJ 134 S. 7

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