Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 146 (September 2016)

Nahrungsmittel-Steckbrief „Granatapfel“

Von Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, RHIO Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redaktion

Ein unverzichtbarer Bestandteil der Parádeisoi (der Gärten der alten Perserkönige) war der Granatapfelbaum. Auch die Babylonier und Assyrer kultivierten bereits im 4. Jahrtausend vor Christus den Granatapfelbaum neben der Dattelpalme als wichtigsten Obstbaum in ihren „heiligen Hainen“. Es ist durchaus vorstellbar, dass nicht der Apfel-, sondern der Granatapfelbaum der „Baum der Erkenntnis“ im Paradies (Wortstamm aus o.g. Parádeisoi) war.

Herkunft und Verbreitung

Die ursprüngliche Heimat des Granatapfelbaums liegt – gemäß Fundstücken aus der Zeit um 3500 v. Chr. –  in Mesopotamien, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris (d. h. in Teilgebieten von Anatolien, Syrien, Irak und Iran).
Phönizische Händler brachten die Frucht des Granatapfelbaums sowohl in die gesamte Mittelmeerregion als auch nach Indien und China. Mit der Zeit wurde der Granatapfelbaum in diesen Regionen heimisch.  
Der Granatapfelbaum, botanisch Punica granatum (Namensentstehung aus den römischen Benennungen Malum punica = Apfel der Phönizier und Malum granatum = Apfel mit vielen Körnern), gehört zur Familie der Weiderichgewächse und ist in keiner Weise mit dem Apfelbaum verwandt. Er benötigt ein sehr mildes, am besten subtropisches bis tropisches Klima zum Wachsen und ist daher in Mitteleuropa nicht kultivierbar. Der Granatapfelbaum kann mehrere Hundert Jahre alt werden. Er wird bis zu 8 Meter hoch und ähnelt in der Form der Krone zwar durchaus einem Apfelbaum, die Blätter sind jedoch immergrün und die Äste tragen Dornen. Die Granatapfelblüte dauert vom Frühjahr bis zum Sommer, die orange-roten Blüten sind genauso dekorativ wie im Spätsommer bis Herbst die reifen lachsrosa bis feuerroten Früchte, die Granatäpfel.
Granatäpfel bringen ihre eigene hervorragende Aufbewahrungshülle gleich selbst mit: Die ledrigfeste dicke Haut bewahrt sie vor dem Austrocknen genauso wie vor dem Verfaulen. Der geerntete Granatapfel reift auch nicht nach, d.h. er ist nicht-klimakterisch. Im Innern des Granatapfels liegen durch weiße Septen unterteilt, dicht gedrängt die prallen saftigen roten Granatapfelkerne – es sollen regelhaft etwa 600 Kerne sein. Um den Inhalt dieser Kerne geht es, wenn wir vom kulinarischen Wert dieser Frucht sprechen. Für den medizinischen Nutzen sind zusätzlich die Schale (nach Fermentierung) sowie teilweise auch die Wurzel von Interesse.

Mythologische Bedeutung und Symbolik

Seit der Antike gilt der Granatapfel als Symbol der unerschöpflichen Liebe, der Fruchtbarkeit, der Aufrichtigkeit, des Glücks, der Gesundheit, der ewigen Jugend, des langen Lebens, ja sogar der Unsterblichkeit.
Für die altassyrische Göttin Kubaba ist der Granatapfel eines ihrer wesentlichen Insignien. Einzelne Quellen berichten dies auch für die syrische Göttin Atargatis.
Die römische Göttin Juno wird ebenfalls häufig mit einem Granatapfel dargestellt.
Granatapfelkerne als Grabbeigabe waren bei den alten Ägyptern geläufig, so auch im Grab von Ramses IV. (um 1150 v. Chr.).  
In der griechischen Sage um Persephone spielen 4 Kerne des Granatapfels eine entscheidende Rolle: Hades, der Gott der Unterwelt, hatte die schöne Tochter von Demeter (der Göttin der Fruchtbarkeit) geraubt. In ihrer Trauer über den Verlust der Tochter lässt Demeter alles auf der Erde verdorren. Schlussendlich befiehlt daher Zeus die Rückgabe der Tochter. Dies befolgt Hades, wendet jedoch eine List an: Er drängt Persephone noch in der Unterwelt, wenigstens etwas vom Granatapfel zu essen – und genau 4 Kerne isst sie dann. Das führt dazu, dass sie in jedem Jahr 4 Monate zurück in die Unterwelt muss – und in diesen 4 Monaten lässt ihre Mutter Demeter keine Frucht mehr reifen.
Auch in der Bibel findet der Granatapfel Erwähnung: Im Hohen Lied des Alten Testaments, Kapitel 4 Vers 3, wird die Geliebte folgendermaßen besungen (Zürcher Bibelübersetzung): „Gleich dem Riss im Granatapfel schimmert deine Schläfe hinter deinem Schleier hervor“. Zu den traditionellen Speisen beim jüdischen Neujahrsfest, dem Rosch ha-Schana, zählt traditionell der Granatapfel. Die Zahl der in der jüdischen Thora festgehaltenen 613 Mitzwot (Gesetze, davon 365 Verbote und 248 Gebote) soll der Anzahl von Kernen in einem Granatapfel entsprechen.
Alten griechischen Hochzeitsbräuchen zufolge werden Granatäpfel an die Haustür des Paares geworfen. Platzen sie auf, bedeutet das Kindersegen. Auch wird das Paar gerne mit getrockneten Granatapfelkernen überschüttet. Auf der Insel Kreta wirft die frisch vermählte Braut beim Öffnen der Tür zum Haus des Bräutigams einen Granatapfel über die Schwelle, um Eheglück, Liebe, Nachkommenschaft und finanziellen Wohlstand zu fördern.
Die Nachtigall oder die Lerche in Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ sitzt in einem Granatapfelbaum.  
Die spanische Stadt Granada verdankt ihren Namen dem Granatapfel – und nicht umgekehrt, wie viele glauben. Die maurischen Herrscher förderten (seit dem 8. Jahrhundert n. Chr.) den Anbau von Granatapfelbäumen rund um die Stadt. Granada, im maurischen Mittelalter das perfekte Vorbild eines multikulturellen Zusammenlebens, trägt im Wappen den Granatapfel sowie den Text „Sauer und dennoch süß“. Auch dieser Spruch ist den Mauren zuzuschreiben: Der Granatapfel als Symbol der perfekten Verbindung von Eigenschaften, in der übertragenen Bedeutung: „Strenge und Güte verbinden“. Auch Kolumbiens Wappen enthält den Granatapfel: die spanischen Eroberer hatten ihn nach „Nueva Granada“ importiert.
Granatapfel und Kreuz finden sich im Wappen des Ordens der Barmherzigen Brüder, welcher offiziell 1571 in Granada gegründet wurde.
In Botticellis Gemälde „Madonna mit dem Granatapfel“ (1487) lässt Maria das Jesuskind mit einem von ihr noch halbwegs festgehaltenen Granatapfel spielen. In der christlichen Symbolik steht der Granatapfel für die göttliche/mystische Liebe, für Reinheit, für Askese und nicht zuletzt für den (Märtyrer-)Tod.
Albrecht Dürer stellt 1519 den Kaiser Maximilian I. mit einem (angeschnittenen) Granatapfel in der Hand dar, als Symbol für Reichtum und Herrschaft.
In der mitteleuropäischen Bauernmalerei und  Stickerei hat das Granatapfelmotiv frühzeitig in einem erstaunlichen Umfang Einzug gehalten. Man muss bedenken, dass der Granatapfel beim einfachen Volk alles andere als populär war.
Der Halbedelstein Granat verdankt seinen Namen der Ähnlichkeit mit dem Inneren des Granatapfels in Aufbau und Farbe.
Leider stand der Granatapfel aber auch Pate bei der Namensgebung der kriegerischen Granate – aufgrund ihres Aufbaus mit fester Hülle und vielen „Kernen“.

Der Granatapfel als Heilmittel

Vielfach wird der Granatapfel als „älteste Heilfrucht“ der Menschheit bezeichnet.
Im Ayurveda wird der Granatapfel traditionell gegen Beschwerden des Verdauungssystems eingesetzt – hier wurden auch die Wurzel und die Rinde des Baums sowie die Schale der Frucht mitverarbeitet.
In der TCM, der traditionellen chinesischen Medizin, wurde der Granatapfel seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. als Heilmittel verwandt. Vor allem bei chronischem Durchfall und bei Magenleiden werden Zubereitungen aus Kernen und Schale, teils aber auch aus der Rinde des Baums empfohlen.
In der Tibetischen Medizin wurde aus dem Granatapfel das Mittel „Se-Bru“ hergestellt, welches zum (Wieder-)Erwecken sexuellen Begehrens verordnet wurde.
Gerne wird der Granatapfel im asiatischen Raum auch als Garant für ein langes Leben angesehen.
Im antiken Griechenland wurde der Granatapfel gegen Herzbeschwerden und Magen-Darm-Erkrankungen sowie Fieber eingesetzt.
Paracelsus schrieb dem Granatapfel eine fördernde Wirkung auf die Fruchtbarkeit zu – und zwar für beide Geschlechter. Ein Mittel gegen Bandwürmer wurde früher aus Wurzel und Rinde des Baums sowie gekochter Schale des Granatapfels hergestellt. Es mehrten sich aber dann die Hinweise auf Unverträglichkeiten der Rinde und der Wurzel, und diese gelangten schlussendlich auf eine Art „Giftliste“.
Die unterschiedlichsten Liebestränke enthielten von jeher Granatapfelsaft. Als Aphrodisiakum wurde der Granatapfel seit der Antike gerne genutzt.
Schon früh fand man heraus, dass die Fermentierung der gesamten Frucht einschließlich der Schale die medizinische Wirksamkeit des Granatapfels noch erhöht.

Warum ist der Granatapfel gerade für Menschen mit Morbus Bechterew / Spondyloarthritis so wertvoll?
  1. Der Granatapfel hat eine ausgesprochen hohe Konzentration an sekundären Pflanzenstoffen: Wie uns die rote Farbe bereits anzeigt, ist er reich an Anthocyanidinen, die ja bereits eine hohe antioxidative Potenz haben. Aber auch weitere Polyphenole, Quercetin, Ellagsäuren und Punicalagin (welches vor allem auch in der Schale vorkommt), tragen wesentlich dazu bei, dass der Granatapfel antioxidativ und antientzündlich wirkt; d.h. er hilft sowohl freie Radikale zu neutralisieren als auch Entzündungsbotenstoffe (wie z.B. TNF-Alpha) zu hemmen und die Entzündungs-Enzyme (COX-2) direkt zu vermindern. So kann der Granatapfel auf mehrfache Weise helfen, die chronische Entzündung zu verringern. Die Puniconsäure, eine ganz besondere mehrfach ungesättigte Fettsäure im Granatapfel, trägt wahrscheinlich – analog zu Omega-3-Fettsäuren – zusätzlich zur Entzündungshemmung bei. Fermentierter Presssaft aus der ganzen Frucht ist dabei noch effektiver als die Kerne selbst. (Der Vitamin-C-Gehalt des Granatapfels ist übrigens mit 6–7 mg pro 100 Gramm im Granatapfel nicht so hoch wie beim Apfel).
  2. Der Granatapfel hat eine den Blutdruck senkende Wirkung: In einer plazebo-kontrollierten Studie wurde eine Blutdrucksenkung um 21% aufgezeigt. Außerdem verringerten sich arteriosklerotische Ablagerungen in den Blutgefäßen von Patienten mit einer zuvor festgestellten Hals-Schlagader-Verengung. In einer weiteren doppelblind plazebo-kontrollierten Studie fand sich bei Patienten mit Angina pectoris eine Verringerung der Herz-Anfälle um 50%. und eine verbesserte Durchblutung des Herzmuskels. Da sich gerade bei Spondyloarthritis-Betroffenen aber gehäuft Bluthochdruck und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen finden, hat der Granatapfel also auch in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung.
  3. Der Granatapfel hat eine senkende Wirkung auf das (eher gefäßschädigende) LDL-Cholesterin und zugleich eine fördernde Wirkung auf das (eher gefäßschützende) HDL-Cholesterin. In einer der entsprechenden Studien stieg das HDL-Cholesterin um 20% an, wenn täglich 50 ml Granatapfelsaft getrunken wurde. Da Cholesterinstoffwechselstörungen ein wesentlicher Risikofaktor für Herz- und Gefäßerkrankungen sind, ergibt sich auch im Sinne der Vorbeugung der besondere Wert des Granatapfels für Spondyloarthritis-Betroffene.
  4. Der Granatapfel kann – am ehesten über seinen Reichtum an sekundären Pflanzenstoffen – dabei helfen, die Rückfallrate bei bestimmten Krebsarten zu verringern: Dies wurde eindrucksvoll in Langzeit-Studien gezeigt für das Prostata-Carcinom und auch für das Mamma-Carcinom.
  5. Der Granatapfel kann durch seinen Gehalt an Phytoöstrogenen helfen, Wechseljahresbeschwerden zu lindern.


Achtung: Der Granatapfel zählt zur Gruppe der Früchte mit starker Hemmung des Zytochroms CYP3A4 – im Vergleich der Obstsäfte lag der Granatapfelsaft nach dem Saft von Grapefruit, schwarzen Maulbeeren und wilden Trauben diesbezüglich auf Platz 4. Demzufolge kann das regelmäßige Trinken von Granatapfelsaft die Wirksamkeit und die Wirkspiegel von bestimmten Medikamenten beeinflussen, z.B. von Mitteln zur Hemmung der Blutgerinnung.

Einkauf, Lagerung und Anwendung

Ab Spätsommer sowie über den gesamten Herbst und Winter hinweg ist der Granatapfel bei uns erhältlich. Die Lagerung ist denkbar einfach, denn der Granatapfel steckt in einer perfekten Aufbewahrungshaut und ist zudem nicht klimakterisch, d.h. er reift nicht nach. Eine kühle Lagerung empfiehlt sich durchaus. Selbst einen angeschnittenen Granatapfel kann man über mehrere Tage hinweg sehr gut in einem luftdichten Gefäß im Kühlschrank aufbewahren.
Das Öffnen eines Granatapfels will gelernt sein, wenn man nicht Finger, Kleidung und Umgebung rot einfärben will. Empfehlenswert ist folgendes Vorgehen (wie auch in unserem „Kleinen Kochbuch der gesunden Genüsse“  beschrieben): Eine Schürze umbinden, den Granatapfel in eine große Schüssel legen und ein paar cm neben dem Krönchen die Schale nur leicht einschneiden, sodass es möglich ist, eine Art Quadrat aus der Frucht samt dem Krönchen heraus zu brechen. An allen vier entstandenen Ecken beginnt man nun, die Schale längs einzuschneiden in Richtung zum anderen Ende der Frucht. Nun die Frucht in der Schüssel nach unten halten und vorsichtig auseinanderziehen, sodass vier Stücke wie Spalten entstehen. Nun ist es einfach, die Kerne vorsichtig heraus zu lösen und die bittere weiße, innere Haut des Granatapfels zu entfernen. Wird der Saft gewünscht, dann kann man die Kerne in einem Sieb oder einem Saft-Tuch sammeln und auspressen.
Granatapfelkerne passen gut als Obst-Zwischenmahlzeit oder auch zum Salat. 
Für diejenigen, die lieber den Saft trinken: ½ Glas Granatapfelsaft pro Tag (50 ml) ist aus gesundheitlicher Sicht die perfekte Menge.
Und noch ein wichtiger allgemeiner Tipp: Um eine optimale Wirkung des Granatapfel(saft)s zu erreichen, sollte man ihn unabhängig von anderen Mahlzeiten genießen und vor allem nicht mit Milchprodukten oder Eiweiß zusammen. Denn diese neutralisieren die wertvollen Polyphenole und vermindern damit seine gesundheitsfördernde Wirkung.