Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 146 (September 2016)

Welche körperliche Aktivität ist gut für Morbus-Bechterew-Patienten und welche nicht?

Von Prof. Dr. Lianne S. Gensler, Direktorin der Spondylitisankylosans-Klinik, University of California, San Francisco, USA

Entzündungshemmende Wirkung von Bewegung

Wie wir alle wissen, wirkt sich Bewegung in vielerlei Hinsicht positiv aus. Dabei erhebt sich die Frage: Hat Bewegung von sich aus eine anti-entzündliche Wirkung? Oder ist es die Inaktivität, die entzündungsfördernd wirkt, zum Beispiel indem sie einer Fettanreicherung in inneren Organen Vorschub leistet? Wenn gesunden Freiwilligen Ruhe oder Bewegung verordnet wird, bevor sie dem Zellgift von Colibakterien ausgesetzt werden, zeigt sich, dass Ruhe zu einer 2- bis 3-mal so hohen Ausschüttung des Entzündungsvermittlers TNF-alpha führt. Bewegung scheint also die Entzündungsreaktion zu dämpfen.

Hypothesen zum Versteifungsmechanismus

Was genau bei der ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew) zur Entzündung führt und was zur Knochenneubildung, ist weiterhin unklar. Es wird aber allgemein vermutet, dass mechanische Belastung dabei eine Rolle spielt.1 Die Knochenneubildung geschieht in unmittelbarer Nachbarschaft von Enthesen (Ansätzen von Sehnen und Bändern am Knochen). Dabei fällt auf, dass die Knochenneubildung nicht genau an derselben Stelle stattfindet wie die entzündungsbedingte Knochenschädigung (Erosion): Die Erosion betrifft bevorzugt Stellen, die einer Druckbelastung ausgesetzt sind, während Knochen eher an Stellen mit einer Zugbelastung neu gebildet wird. Dies hat die These untermauert, dass die Entzündung und die Knochenneubildung unabhängig voneinander stattfinden. Die Vertreter dieser Theorie führen ins Feld, dass eine frühe krankheitsmodifizierende2 Wirkung der Anti-TNF-Therapie bis heute nicht nachgewiesen ist.
Magnetresonanz-Untersuchungen ergaben, dass zwar Wirbelkanten mit Entzündungszeichen und Fettablagerung die Wahrscheinlichkeit einer späteren Syndesmophytenbildung erhöhen, dass aber die Syndesmophyten3 an Wirbelkanten entstehen, an denen vorher keine Entzündungszeichen oder Fettablagerungen entdeckt wurden. BARALIAKOS u.a. vermuten wegen der Seltenheit der Folge Entzündung – Fettablagerung – Syndesmophytenbildung, dass die Knochenneubildung nicht an eine vorhergehende Entzündung gekoppelt ist.
Mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) gewonnene Ergebnisse legen andererseits nahe, dass es doch einen Zusammenhang zwischen Entzündung und Knochenneubildung gibt. Möglicherweise stellt die Knochenneubildung eine Art Reparatur-Prozess dar, der einsetzt, wenn sich die Entzündung aufgelöst hat. Bei Patienten, die mit TNF-Blockern behandelt werden, entstehen Syndesmophyten bevorzugt an Wirbelkanten, an denen die Entzündung vollständig zurückgegangen ist. Die Hypothesen dazu wurden in der wissenschaftlichen Literatur ausführlich diskutiert.
Womöglich spielt sowohl die Koppelung als auch die Entkoppelung eine Rolle, und zwar in unterschiedlichen Stadien der Krankheit. Vielleicht haben auch Faktoren, welche die Krankheit aufrechterhalten, in unterschiedlichen Stadien ein unterschiedliches Gewicht.

Physiotherapie und Bewegungsübungen

Studien haben gezeigt, dass Physiotherapie sowohl in aktiven Stadien einer Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) als auch in beschwerdefreien Stadien zu einer signifikanten Besserung der Krankheitsaktivität und der Funktion (Beweglichkeit) führt. Eine Meta-Analyse4 (zusammenfassende Auswertung mehrerer Studien) ergab, dass Bewegungsübungen zuhause und fachlich angeleitete Krankengymnastik besser sind als keine Therapie und dass eine stationäre Therapie am Kurort, gefolgt von Gruppentherapie am Wohnort, den besten Behandlungserfolg hat. In den kürzlich veröffentlichten ACR-Empfehlungen5 wird Physiotherapie sowohl bei aktiver als auch bei inaktiver axialer Spondyloarthritis dringend empfohlen. Dabei wird ausdrücklich aktive Krankengymnastik und nicht nur passive physikalische Therapie (Massage, Ultraschall, Wärme) empfohlen, und die Patienten sollen im Rahmen einer Patientenschulung darauf hingewiesen werden, nach einem Rehabilitationsaufenthalt die Bewegungsübungen zuhause fortzuführen bzw. auch ohne Rehabilitationsaufenthalt zuhause regelmäßig zu üben.

1) Bechterew-Brief Nr. 91 S. 17–22, MBJ Nr. 141 S. 4–9 und S. 10–11 in diesem Heft
2) den Krankheitsverlauf langfristig beeinflussend
3) entzündungsbedingte, von einer Wirbelkante ausgehende Knochenneubildung (Bindegewebsverknöcherung) entlang von Bändern
4) MBJ Nr. 117 S. 16–17
5) MBJ Nr. 144 S. 4–7

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