Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 147 (Dezember 2016)

Rheumatologie unter Wolkenkratzern

Bericht vom Rheumatologenkongress 2016 in Frankfurt/Main

Von Prof. Dr. Ernst Feldtkeller, Redaktion Morbus-Bechterew-Journal

So sah der Maler Domenico QUAGLIO der Jüngere im Jahr 1831 die Stadt Frankfurt am Main. Damals wurde der Dom noch nicht von den Wolkenkratzern der Banken überragt, die sich heute gegenseitig durch die Höhe ihrer Türme zu übertrumpfen versuchen. Das Bild hängt im Städel-Museum, vom Frankfurter Hauptbahnhof aus leicht zu Fuß über eine kleine Hängebrücke über den Main zu erreichen.

Bild 1: DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Joachim SIEPER (Mitte) bei seiner Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, mit dem DGRh-Präsidenten Prof. Dr. Ulf MÜLLER-LADNER (links) und DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen BRAUN als Laudator (rechts).

Der diesjährige Rheumatologen-Kongress fand vom 31. August bis zum 3. September im Frankfurter Messezentrum statt. Bei der Eröffnungsveranstaltung wurde der DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Joachim SIEPER aus Berlin zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) ernannt (Bild 1). DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen BRAUN betonte in seiner Laudatio, dass die Rheumatologie in aller Welt Prof. Sieper entscheidende Fortschritte verdankt, die insbesondere Patienten mit entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen zugutekommen. Prof. Sieper leitete bis zum Frühjahr 2016 die Rheumatologie an der Medizinischen Klinik I der Charité Universitätsmedizin Berlin  und wird Anfang 2018 die Rolle des Präsidenten der Assesssment of SpondyloArthritis international Society (ASAS) übernehmen.

Ebenfalls bei der Eröffnungssitzung hielt Prof. Dr. Axel KARENBERG vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin von der Universität Köln einen Vortrag zur Bedeutung der griechischen Mythologie für die Medizin. Dass der oberste Halswirbel, der den Schädel trägt, nach dem Träger des Himmelsgewölbes  Atlas heißt, dürfte vielen von uns geläufig sein. Weniger bekannt ist, dass der griechische Held Achilles nur an der Ferse verwundbar war, was ihm im Trojanischen Krieg zum Verhängnis wurde.
Wie bei jedem wissenschaftlichen Kongress wurden auch in Frankfurt die Forschungsergebnisse zum Teil in Vorträgen präsentiert und zum Teil als Poster, vor denen die Ergebnisse mit den Verfassern diskutiert werden konnten (Bild 3). Im Postersaal hingen 295 Posters, von denen 42 die Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenkrankheiten) betrafen. Von diesen 42 betrafen 27 (64%) die Wirksamkeit von Medikamenten, 7 den Krankheitsverlauf, 6 die Diagnose und 2 die Patientenversorgung im Allgemeinen. Zur nichtmedikamentösen Therapie dieser Krankheiten (Krankengymnastik, Rehabilitationsmaßnahmen, Schulung zum Patientenverhalten) gab es kein in einem Poster vorgestelltes Forschungsergebnis. Die nichtmedikamentöse Therapie rheumatischer Krankheiten im Allgemeinen wurde aber in interessanten Vorträgen angesprochen (siehe unten).

Diagnostik

DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Denis PODDUBNYY (Bild 4) und seine Mitverfasser berichteten in einem Poster, dass der entzündliche Rückenschmerz  nur wenig spezifisch für eine axiale Spondyloarthritis ist und sein Vorhandensein deshalb die Wahrscheinlichkeit eines Morbus Bechterew nur wenig erhöht.
Dr. Elke RIECHERS aus Hannover u. a. fanden heraus, dass der IgA-Antikörper gegen das Zelloberflächenmolekül CD74 als neues Mittel zur Diagnose  der axialen Spondyloarthritis bei Patienten mit nachgewiesenem HLA-B27 und einer Symptomdauer von maximal 2 Jahren ein LR  von 21,7 erzielt. Nach Untersuchungen von Torsten MATTHIAS aus Wendelsheim u. a. beträgt das LR sogar 35,1. Das Vorhandensein dieses Erbfaktors erhöht also viel stärker als das HLA-B27 die Wahrscheinlichkeit einer axialen Spondyloarthritis und damit auch eines Morbus Bechterew.
Stephanie FINZEL von der Universität Freiburg u. a. berichteten, dass Spondyloarthritisähnliche Beschwerden auch durch eine Lebensmittel-Allergie ausgelöst werden können. Sie empfehlen deshalb, vor einer entzündungshemmenden Therapie zu überprüfen, ob die Beschwerden nicht mit einer Lebensmittel-Unverträglichkeit zusammenhängen.

Verlaufs-Beurteilung

DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Denis PODDUBNYY (Bild 4) u. a. berichteten, dass im Frühstadium einer axialen Spondyloarthritis auch die Dauer und Stärke der Morgensteifigkeit (als weitere Maße für die Krankheitsaktivität neben dem Laborwert CRP und dem ASDAS ) mit einem rascheren Fortschreiten der Wirbelsäulenveränderungen (Syndesmophyten-Bildung) im Röntgenbild verknüpft sind.
DVMB-Forschungspreisträgerin Dr. Uta KILTZ aus Herne berichtete über die Erprobung des ASAS-Gesundheitsindex  in 23 Ländern. Er soll in Studien verwendet werden, um die Auswirkungen der Krankheit und ihrer Therapie zu beurteilen.
DVMB-Forschungspreisträger Dr. Xenofon BARALIAKOS aus Herne u. a. untersuchten, welche Methode am besten geeignet ist, um die krankheitsbedingten Veränderungen in den Kreuzdarmbein-Gelenken zu erkennen. Sie fanden, dass zur Beurteilung von Erosionen (oberflächlicher Knochenauflösung) die Magnetresonanztomographie (MRT) und das konventionelle Röntgen besser geeignet sind als die Computertomographie (CT), dass jedoch zur Erkennung von versteifenden Knochen-Neubildungen CT und MRT besser geeignet sind als konventionelle Röntgenbilder.

Bild 3: DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Martin RUDWALEIT, Ärztlicher Berater der DVMB, erläutert anderen Kongressteilnehmern sein Poster über die Wirksamkeit eines neuen Medikaments
Bild 4: DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Denis PODDUBNYY erläutert eines seiner Posters im großen Poster-saal des Kongresses

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