Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 147 (Dezember 2016)

Strategien für mehr Bewegung und Sport im Alltag oder Wider den inneren Schweinehund

Von Dr. Gudrun Lind-Albrecht, Düsseldorf, Mitglied der Redaktion

Wir alle – oder fast alle – kennen das: Wir wissen, wie wichtig und nützlich regelmäßige Bewegung / sportliche Be-tätigung für uns ist, und wir nehmen uns immer wieder vor, in dieser Hinsicht aktiver zu werden. Aber wenn es dann an die Realisierung unserer guten Vorsätze im Alltag geht, gibt es 1000 Hindernisse. Früh morgens sind wir noch zu müde, oder wir sind zu knapp dran mit der Zeit; tagsüber hat der Beruf Vorrang, und abends sind wir zu spät dran oder zu erschöpft und liegen lieber noch etwas auf der Couch. Und am Wo-chenende – ist zu schlechtes Wetter, oder die Schwiegereltern sind zu Besuch, oder wir wollen einfach mal unsere Ruhe haben und abschalten…
Wer oder was hindert uns daran, die guten Vorsätze in die Tat umzusetzen? Meist pflegen wir mehr oder weniger kleinlaut unserem „inneren Schweinehund“ die Schuld zu geben und nehmen uns vor, demnächst mehr gegen ihn anzugehen.

Lösungsansätze von Physiotherapeuten und Sportpsychologen
Zeichnung: Lautta Hawlitschek

An zwei Freiburger Hochschulen (an der Albert-Ludwigs- Universität und an der Katholischen Hochschule) beschäftigen sich seit mehreren Jahren Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler und Psychologen mit der Problematik. Was hindert uns daran, Bewegungs- und Übungskonzepte, deren Wert und deren Notwendigkeit uns bewusst ist, dauerhaft in die Tat umzusetzen?
Die Physiotherapeutin Angelika EISELE hat während ihrer Tätigkeit an der Katholischen Hochschule in Freiburg die Ergebnisse eines Interviews von Kolleginnen und Kollegen zu diesem Thema veröffentlicht.1 Als mögliche Hindernisse ergaben sich:

  1. zu anspruchsvolle Übungsvorschläge durch die Bewegungstherapeuten,
  2. zu umfangreiche Übungspläne,
  3. zu wenig an die Situation der Betroffenen angepasste Übungspläne.

Als hilfreich zur besseren Umsetzung guter Übungs-/Bewegungs-Vorsätze nannten die Interviewten:

  1. ein paar zentrale Übungen schriftlich und mit Skizze fixieren und den Patienten mitgeben,
  2. Patienten von zu ehrgeizigen Plänen abraten und Anpassung an alltägliche Realität empfehlen,
  3. Lob für ausgeführte Übungen und für Fortschritte in der korrekten Durchführung.

Der Psychologe Prof. Dr. Reinhard FUCHS, Leiter des Arbeitsbereichs Sportpsychologie am Institut für Sport und Sportwissenschaften der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg, brachte einige Fachbegriffe aus den Sozialwissenschaften und der Psychologie in diesem Zusammenhang ins Spiel: Selbstkonkordanz, Ego-Depletion, Volition.
Selbstkonkordanz ist eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung guter Vorsätze und meint praktisch die innere Übereinstimmung mit und die innere Zustimmung zu den gesetzten Zielen. Wenn innere Einstellungen, Wertvorstellungen und Interessen nicht zur Absicht, zum Plan passen, dann ist die Chance der Umsetzung bereits vermindert. 
Ego-Depletion bedeutet die Ermüdung und Erschlaffung der Willenskraft, die Unfähigkeit und faktische Verweigerung der Selbstkontrolle nach vorausgegangener starker
Dauerbeanspruchung. D.h. wenn ich den ganzen Tag über viele Stunden hinweg eine verstärkte Selbstkontrolle benötigt habe – mich sozusagen permanent „zusammenreißen“ musste – um in meinem Beruf oder in meiner Rolle als Mutter und Hausfrau zu bestehen, streikt das System irgendwann einmal – und zwar nicht aus körperlicher Ermüdung, sondern aus rein mentalen Gründen. Diese Erschöpfung der Willenskraft ist vergleichbar mit der Erschöpfung eines Muskels nach vorheriger Dauerbeanspruchung.
Ist mit Ego-Depletion am Ende dasselbe gemeint wie mit dem inneren Schweinhund?
Volition wird der gesamte „Prozess der Willensbildung zur Überwindung von Handlungsbarrieren“ genannt, d.h. die Fähigkeit, Motive und Absichten in Taten und Ergebnisse umzusetzen und dem entgegenstehende Hindernisse dabei zu überwinden.
Zusammen mit Frau Professor Dr. Wiebke GÖHNER-BARKEMEYER, Physiotherapeutin und Psychologin (Katholische Hochschule Freiburg, Abteilung Gesundheits-Psychologie) hat Prof. Fuchs dann das Begriffspaar Motivation / Volition näher unter die Lupe genommen. Die beiden entwickelten ein Konzept zur Förderung des Übergangs von der Motivation in die Volition und nannten dieses MoVo-Konzept.

 

1) Zeitschrift für Physiotherapeuten Band 64 (2012) S. 74–76

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