Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 149 (Juni 2017)

Erfahrungsbericht eines Betroffenen zum Medical Flossing

Von Christian Detzer, stellvertretender Gruppensprecher der DVMB-Gruppe Ludwigshafen

Schon seit 2005 genießen Mitglieder unserer Gruppe die sehr abwechslungsreiche und innovative Einzelgymnastik an der Physiotherapie-Akademie der BG-Klinik in Ludwigshafen-Oggersheim, zusätzlich zum Funktionstraining in der Gruppe. In dieser Zeit wurden immer wieder herkömmliche Verfahren wie die Bindegewebsmassage1 oder neue Trends wie das TRX-Training2 im Rahmen von Semesterarbeiten auf ihre therapeutische Wirkung bei Morbus Bechterew erfolgreich getestet.
Ende 2016 trat Yannik LEMKE an mich heran und fragte, ob ich ihm als Morbus-Bechterew-Patient für Studien zum Thema Flossing zur Verfügung stehen würde. Zunächst konnte ich mir darunter nichts vorstellen und hatte ein wenig Sorge, dass mir durch das stramme Umbinden der elastischen Bänder um den Brustkorb der Blutfluss abgestellt und die ohnehin knappe Luft noch mehr genommen würde. Ich fragte mich ernsthaft, wie man durch das Zuschnüren eine Verbesserung der Beweglichkeit und eine Reduktion der Schmerzen erzeugen könne. Auch, wie es sich anfühlt, wenn man in diesem Zustand in Intervallen von je 2–3 Minuten einige klassische Morbus-Bechterew-Übungen absolviert, entzog sich meiner Phantasie. Diese Zweifel verminderten sich schon nach der ersten Übungseinheit, und spätestens nach dem 2. Testlauf waren sie verflogen und meine Neugier wuchs.
Während des Übens mit angelegten Bändern entwickelte sich ein Gefühl der Sicherheit und des „Geführtseins“. Ohne Schmerzen konnte ich die Drehdehnlagerungen wie auch anstrengende Übungen auf dem Pezziball (Bild 1) absolvieren. Mindestens 2 Minuten lang hatte ich das Gefühl, der Morbus Bechterew existiert nicht mehr und ich kann mich ganz normal bewegen. Erst gegen Ende der 3. Minute entstand der Eindruck, dass eine längere Kompression Herz, Lunge und dem Gewebe im Brustkorb schaden könnte, und es wurde leicht unangenehm. Nach dem Abnehmen der Bänder entstand ein Gefühl der schlagartigen Befreiung, 
und die verbesserte Beweglichkeit konnte in Maßzahlen belegt werden: Nach dem 3. Durchgang kam ich beim Finger-Boden-Abstand bisweilen bis auf 10 cm in Bodennähe, und das bei einer nahezu komplett versteiften Wirbelsäule (Bild 2).
Besonders hervorzuheben ist aber, dass nach einer Behandlung mit 3 Durchgängen eine bis zu 2 Tagen andauernde Besserung der Beschwerden angehalten hatte. Es ist schwer, alle sonstigen Einflüsse auf die Symptome wie Schmerzen und Beweglichkeit herauszufiltern, aber über 8 Wochen hinweg konnte ich die eindeutige Wirkung auch nicht mehr mit Wirkschwankungen der Medikamente o.ä. hinterfragen. Der subjektiv und objektiv messbare Effekt war zu eindeutig.
Ich bin gespannt, wie sich diese auf immer mehr Gebieten der Physiotherapie angewandte Methode bewährt und in der Behandlung beim Morbus-Bechterew etablieren kann. Ich danke Herrn LEMKE und seinem Lehrer Andreas WENDEL ausdrücklich, dass sie mir durch das Austesten des Flossing eine weitere Option in meiner Therapie ermöglicht haben.

1) siehe MBJ Nr. 134 S. 20–21
2) siehe MBJ Nr. 141 S. 18–20

Bild 1: Übungen aus der funktionellen Bewegungslehre, links „Goldfisch“,
rechts „betrunkener Seeigel“ mit Dehnimpuls
Bild 2: Finger-Bodenabstand vor und
nach Flossing. Die Beugung der Wirbelsäule wird sichtbar verbessert.