Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 149 (Juni 2017)

Medical Flossing und seine Anwendung beim Morbus Bechterew

Von Yannik Lemke, Student an der Physiotherapie-Akademie in Ludwigshafen-Oggersheim

Während der Ausbildung an der Akademie für Physiotherapie der BG-Unfallklinik Ludwigshafen wird von jedem Auszubildenden im 5. Semester eine Studienarbeit angefertigt. Das noch sehr junge Therapiemittel „Medical Flossing“ faszinierte mich aufgrund seiner unkonventionellen und schnell wirkenden Anwendung und seiner zum Großteil noch unerforschten Wirkweise wie seinen vielfältigen Anwendungsgebieten. Es lässt die Idee der Kompressionsbandagen aus den 70er Jahren wieder aufleben, die damals aber nicht in die Praxis umgesetzt wurde.

Hintergrund und Wirkweise:

Medical Flossing“1 wurde durch den US-amerikanischen Physiotherapeuten Kelly STARRETT entwickelt und von seinem Kollegen Ralf BLUME in Deutschland eingeführt. Die Wirkung beruht auf der gezielten Kompression von betroffenen Strukturen, vorrangig im Bereich der Extremitäten oder des Rumpfes. Dazu wird ein elastisches Latexband um den zu behandelnden Bereich gebunden (Bild 1). Der Zug variiert je nach Zielsetzung zwischen 50 und 80% der maximalen Dehnstärke des Bandes. Schwächerer Zug bewirkt eher eine Muskelentspannung, höherer Zug wirkt sich positiv auf Verklebungen im Bindegewebe aus.
Mit dieser Technik werden die Ziele der Stoffwechselanregung, Beweglichkeitserweiterung und Schmerzlinderung verfolgt. Während der Kompression durch das Band bewegt sich der Patient aktiv oder wird vom Therapeuten passiv bewegt.
Das Medical Flossing beruht auf drei grundlegenden „Säulen“, die im Folgenden näher erläutert werden. Sie alle tragen gemeinsam zu den angestrebten Therapiezielen bei.

1) Schwammeffekt

Die hohe Kompression auf das Gewebe rund um den Brandherd der zu behandelnden Struktur führt zu einer Blockade des venösen Rückstroms, und auch der arterielle Zustrom wird deutlich gehemmt. Das den Muskel umgebende Gewebe wird also „ausgepresst“. In der Folge wird eine Minderdurchblutung dieser Strukturen erzeugt, woraufhin der pH-Wert und die Sauerstoffsättigung in der Muskulatur abnehmen. Das wiederum fördert zelluläre und hormonelle Stoffwechselprozesse, da der Organismus einen intensiven Reiz erfährt und sich zu „wehren“ versucht.
In der Phase der Kompression werden Lymphe und Stoffwechselprodukte herausgepresst. Durch das Lösen der Kompression beim Abnehmen des Bandes werden diese mit dem zurückfließenden venösen Blut „weggeschwemmt“. Jetzt kann frisches, sauerstoff- und nährstoffreiches Blut in die Muskulatur einströmen. Dies verbessert die Vernetzung und Informationsweitergabe zwischen Nervensystem und Faszien (Muskelhüllen).

2) Subkutane Irritation

Durch das Anlegen des Flossing-Bands werden unzählige Berührungsrezeptoren auf der Haut gereizt und damit eine Hemmung der Schmerzrezeptoren auf Rückenmarksebene verursacht: Der Schmerz wird deutlich weniger oder gar nicht mehr wahrgenommen. Dieser Effekt ist auch unter dem Namen Gate-Control-Theorie2 bekannt: Liegt ein Schmerz im Körperinneren vor, kann dieser überdeckt werden durch einen von außen ausgeübten Druckschmerz auf eine nahegelegene Hautfläche, bei knochenbruchbedingten Armschmerzen beispielsweise durch einen Druckreiz auf den Arm, bei Bauchschmerzen durch Druck auf die Bauchdecke.
Dieser Effekt bleibt bestehen, wenn nach der Anlage des Bands Bewegungsübungen ausgeführt werden und dadurch weitere Reize gesendet werden.
Ebenfalls positiv verstärkend wirkt die Stimulierung der Berührungsrezeptoren: Durch eine Verminderung der Sympathikus-Aktivität stellt sich eine Beruhigung des vegetativen Nervensystems ein. Dies wiederum bewirkt eine Senkung des Muskeltonus im geflossten Bereich und eine damit einhergehende vermehrte Beweglichkeit. Gleichzeitig werden Schonhaltungen reduziert oder vermieden und anschließende Beschwerden vermindert sowie der Rekonvaleszenz-Zeitraum verkürzt.

1) ein Ausdruck, der sich ursprünglich auf den Gebrauch von Zahnseide bezieht.
2) siehe Seite 10 in diesem Heft

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