Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 149 (Juni 2017)

Nahrungsmittelsteckbrief „Rosmarin“

Von Dr. Gudrun Lind-Albrecht, Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redaktion

Die berühmte Musikgruppe Simon & Garfunkel hat in ihrem 1966 erstmals veröffentlichten Song „Scarborough Fair“ nicht nur aus einem alten englischen Volkslied einen weltbekannten und bis heute gern gecoverten Hit gezaubert; sie haben auch bestimmten Kräutern ein Denkmal gesetzt: „parsley, sage, rosmarin and thyme“ kommt in jeder Strophe des Songs vor, und als darauf passender Reim folgt zwei Zeilen später: “a true love of mine“.
Nicht nur als Symbol der Liebe und der ewigen Treue, sondern auch zum Fernhalten böser Geister wurde Rosmarin sowohl in seiner mediterranen Heimat als auch hierzulande traditionell gerne genutzt.

Herkunft und Merkmale
Rosmarin

Der Name Rosmarin (botanisch: Rosmarinus officinalis) entstammt entweder dem Griechischen „rhops myrinos“ (= Strauch, balsamisch) und bezieht sich auf den intensiven Duft und die Wuchsform der Pflanze. Oder er entstand aus dem Lateinischen „ros marinus“ (Tau des Meeres), bezugnehmend auf die morgendliche Taubildung an Blüten und Blättern der Pflanze, die gerne auf kargen trockenen Böden an den mediterranen Küsten wächst.
Rosmarin gehört zur Familie der Lippenblütler. Der immergrüne stark duftende Strauch kann bis zu 1 Meter hoch werden. Die kleinen himmelblauen Blüten erscheinen ab März/April. Der Strauch wirft seine nadelförmigen Blätter im Winter nicht ab.
Rosmarin benötigt zum Gedeihen einen kalkhaltigen Boden und wenig Feuchtigkeit, verträgt aber (ursprünglich) keinen Frost. Ideale Bedingungen hat er in seiner Heimat an den kargen Mittelmeerküsten Griechenlands, Korsikas, Süditaliens, Südfrankreichs, Tunesiens oder Marokkos.
Allerdings gibt es inzwischen Züchtungen, die einen milden Frost durchaus vertragen und mit Einschränkungen (und mit Einbußen an Geschmacks- und Geruchsintensität) in Mitteleuropa angebaut werden können.
Andere Namen für Rosmarin sind: Meertau, Reslmarie, Rosmarein, Antonkraut. Warum er aber auch Weihrauchkraut, Brautkraut und Hochzeitsbleaml genannt wird, wird nach dem Lesen des folgenden Absatzes klar.

Rosmarin in Geschichte und Mythologie

Nach den griechischen Sagen war es die Göttin der Liebe, Aphrodite, die der Menschheit den Rosmarin schenkte. Rosmarin war den Griechen demzufolge eine heilige Pflanze – und besondere Bedeutung hatte er von Alters her für Liebende – und solche, die geliebt werden wollten.
Aber auch im Totenkult spielt Rosmarin bereits bei den Ägyptern eine Rolle als Grab-Beigabe, evtl. auch nur als etwas leichter erhältlicher Ersatz für Weihrauch.
In der Zeit der Renaissance wurde es üblich, den Brautstrauß zumindest teilweise aus Rosmarin zu flechten. Auch die Hochzeitsgäste steckten sich gerne einen kleinen Zweig Rosmarin ans Revers oder an die Bluse. Ein heimlich in den Kleidern des Bräutigams versteckter Rosmarinzweig sollte hilfreich sein für die Einhaltung der ehelichen Treue.
In einem alten französischen Kräuterbuch heißt es, Rosmarin schärfe den männlichen Blick für weibliche Reize. War vielleicht der hohe Frauen-Verschleiß Heinrichs des VIII. eine Folge seiner Vorliebe für Rosmarin auf allen Speisen bis hin zum Dessert?
Shakespeare lässt Ophelia ihrem geliebten Hamlet einen Rosmarinstrauß reichen, mit den Worten: „Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung, ich flehe euch an, liebes Herz, gedenket mein!“
Im 14. Jahrhundert wurde laut Überlieferung die 72-jährige Königin Isabella von Ungarn durch ein Destillat aus Rosmarinblüten sowohl von ihren schweren rheumatischen Beschwerden (die zuvor schon zu „Lähmungen“ geführt haben sollen) geheilt, als auch dermaßen verjüngt, dass der König von Polen um ihre Hand anhielt. Dieses Destillat erhielt den Namen „Aqua Regina Hungaria“. Eines der überlieferten Rezepte empfiehlt zur Herstellung 1 Kilogramm frisch geerntete Rosmarinblüten auf 1,5 Liter Branntwein. Ob dieses Destillat nur äußerlich oder auch als „Verjüngungslikör“ innerlich angewandt wurde, darüber kann man spekulieren.
Ganz sicher der äußerlichen Anwendung dienten und dienen Parfums mit Rosmarinextrakt als Bestandteil: so zum Beispiel das berühmte „Kölnisch Wasser“.
Auch zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit wurde und wird Rosmarin bis heute angewandt.
In der Antike trugen griechische und römische Studenten beim Lernen gerne Rosmarinkränze auf dem Haupt. Bis heute soll sich das Inhalieren von Rosmarin-Duft unmittelbar vor wichtigen Prüfungen als Brauch unter griechischen Studenten erhalten haben. Damit soll die bestmögliche Konzentration und Denkkraft erreicht werden.
Kontrollierte Studien zeigten, dass Testpersonen, die das im Rosmarin enthaltende ätherische Öl Cineol schnuppern durften, unmittelbar danach im Lösen von Denksportaufgaben bessere Leistungen zeigten. Die Leistungen stiegen mit der Dauer des Cineol-Schnupperns. Man könnte also sagen, dass mit Rosmarin „Duft-Doping“ betrieben werden kann.
In Volksliedern spielt Rosmarin immer wieder eine Rolle, z.B. im oben bereits genannten Lied „Scarborough Fair“, daneben auch in der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, hier allerdings mit trauriger Symbolik, ebenso wie im alten deutschen Volkslied „Ich hab heut Nacht geträumet…“

Therapeutische Verwendung

Erstaunlicherweise gibt es aus der Antike kaum sichere Hinweise auf eine medizinisch-therapeutische Verwendung des Rosmarins. Der griechische Arzt DIOSKURIDES erwähnt 50 v. Chr. die erwärmenden Eigenschaften von Rosmarin. Der römische Naturkundler PLINIUS der Ältere beschreibt die magenfreundliche Wirkung von Rosmarin.
Als Benediktinermönche das Kraut nach Mittel- und Nordeuropa brachten, hielt es Einzug in die Klostergärten und in die Klostermedizin. So war es z.B. auch im Klostergarten von St. Gallen vertreten, als eine der 16 zentralen Pflanzen.
KARL der Große hielt es für bedeutend genug, um es als eines von 77 Kräutern und Gewächsen in die „Capitulare de villis (vel curtis imperiabiles)“, d.h. der Anordnung für kaiserliche Villen und Höfe aufzunehmen.
Pfarrer KNEIPP schätzte Rosmarin als belebend (Tonikum), als anregend für den Magen-Darm-Trakt und die weiblichen Geschlechtsorgane, insbesondere die Ovarien („Periodenmittel“), warnte aber auch vor dem Risiko von Fehlgeburten durch Anwendung von Rosmarin.
Leonhard FUCHS schreibt 1543 in seinem „New Kreutterbuch“: Rosmarin stärkt das Hirn und allerlei Sinne. Es ist gut zu zitternden und lahmen Gliedern.
In diesem Kontext ist eine Studie mit Mäusen interessant, derzufolge Mäuse nach Inhalation von Rosmarinöl 4-mal so schnell liefen wie zuvor. Bei Verfütterung von Rosmarin hatten Mäuse mehr Muskelaufbau und zugleich Fettabbau.
Gegen Erschöpfung und Depression ist folgendes Rezept überliefert: 1 Handvoll Rosmarinblätter mit 1 Liter kochendem Wasser übergießen und 3 Minuten ziehen lassen, dann abseihen und 3 Tassen pro Tag davon trinken.
Neben der bereits erwähnten verjüngenden Wirkung wird dem Rosmarin auch eine Blutdrucksenkende Wirkung nachgesagt. Er soll den Gallenfluss fördern und den Harnfluss anregen; daneben soll er auch antiallergisch wirken und sogar hemmend auf das Wachstum von Krebszellen.  
Auch eine vorbeugende Wirkung gegen Demenz und Alzheimer wird diskutiert.  
Der hohe Gehalt an ätherischen Ölen bedingt, dass Rosmarin hemmend auf das Wachstum von Keimen wirkt – und zwar sowohl bzgl. Bakterien und Viren als auch bzgl. Pilzen. Rosmarin war Heilpflanze des Jahres 2011.

Warum ist Rosmarin gerade für Betroffene mit Morbus Bechterew/Spondyloarthritis zu empfehlen?
  1. Rosmarin wirkt antientzündlich und schmerzlindernd. Vor allem die enthaltene Rosmarinsäure und das Alpha-Pinen bedingen diese Wirkung. Diese hemmen – in sanfter und magenschonender Weise –das Enzym Cyclooxygenase-2, gegen das sich auch die cortisonfreien antirheumatischen Schmerzmittel (NSAR) richten . Rosmarin kann also (natürlich in kleinem Umfang) helfen, den Schmerz und die Entzündung zu bekämpfen.
  2. Rosmarin wirkt – aufgrund seines Gehalts am ätherischen Öl Borneon (= Campher) gegen Erschöpfung und Depression. Beides tritt in Zusammenhang mit allen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen gehäuft auf.
  3. Rosmarin ist auf mehrere Weisen förderlich für die Muskulatur. Er kann helfen, Muskulatur aufzubauen und zugleich Fett abzubauen. Er hilft, äußerlich angewandt, die Durchblutung der Muskeln zu verbessern, was sie bei Sport und Bewegung belastbarer macht. Und er wirkt – als Salbe, Lotion oder Badezusatz nach dem Sport angewandt – gegen Krämpfe und Muskelkater.
  4. Rosmarin hemmt das Wachstum von unliebsamen Keimen im Magen-Darm-Trakt. Er kann also hilfreich sein bei der Aufrechterhaltung eines gesunden Mikrobioms (früher Darmflora genannt). Bei Inhalation von Rosmarin kann er durch die keimhemmende Wirkung auch helfen, vor Bronchitis und Nebenhöhlenentzündungen zu schützen.

Achtung: Eine Überdosis von Rosmarin-Extrakt kann den Darm und die Nieren schädigen! Außerdem ist der reichliche Genuss von Rosmarin für Schwangere nicht zu empfehlen.

Einkauf, Lagerung, Verwendung

Wenn irgend möglich, dann halten Sie sich im Garten oder auf dem Balkon oder der Terrasse einen eigenen Rosmarinstrauch. Nach dem Einkauf halten sich zwar die Blätter recht gut im Kühlschrank. Aber nichts kann den Duft von ganz frisch geernteten Rosmarinblättern (oder gar Blüten) ersetzen. Wenn Sie in einer Gegend mit nur schwachen Frösten wohnen, können Sie den Rosmarinstrauch auch draußen überwintern – umso schöner wird er im Frühling/Frühsommer blühen.
Rosmarin passt sehr gut zu allen Gerichten mit Kartoffeln, Tomaten, Zucchini, Fisch, Geflügel usw. Eine Marinade aus kleingeschnittenen Rosmarinblättchen, Knoblauch und Olivenöl taugt sehr gut zur Vorbereitung von Grillgut, aber auch zur Verfeinerung einer kalten Vorspeise aus hauchdünn geschnittenen Zucchinischeiben, die kurz angebraten werden, dann in die Marinade eingelegt einige Tage im Kühlschrank verbringen. Rosmarinblüten als essbare Dekoration geben dieser Vorspeise den letzten Pfiff. In jedem Fall ist Rosmarin ein perfektes Sommergewürz.