Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 149 (Juni 2017)

Organisationsentwicklung in der DVMB

von Christine Kirchner, Organisationsentwicklung & Coaching, Freiburg

Ergebnis einer Klausurtagung des DVMB-Bundesvorstands im Februar 2017

Es ist „5 vor 12!“ „Wenn wir nichts ändern, erleben wir Schiffbruch! Wir haben Mitgliederschwund und zu wenig Engagement!“ So waren die Äußerungen in der Eingangsrunde des ersten Workshops im Rahmen des BKK-Projektes „Selbsthilfe BEWEGEN“.
Die Bedeutung der Veranstaltung wurde von allen Beteiligten als sehr hoch eingestuft. Es soll sich etwas verändern. Gleichzeitig hat die DVMB allen Grund stolz zu sein. Sie hat vieles erreicht. Der Verband besteht schon viele Jahre. Sie hat immer noch sehr viele Mitglieder, 14 aktive Landesverbände und bundesweit über 400 Gruppen. Die Liste der erfolgreichen Errungenschaften ließe sich noch lange fortsetzen. Kurz: die DVMB hat sehr vieles sehr richtig gemacht!

Wie sind wir konkret vorgegangen während des Workshops?

Nach einem Blick in die alte Heimat (Wo kommen wir her? Wofür bin ich einmal angetreten?) und nach einer Konkretisierung einer gemeinsamen Zukunft (Wo wollen wir hin? Wie soll es sein?) wurden die Stolpersteine benannt, die auf dem Weg liegen.

Stolperstein 1

Eine sehr spannende Frage, die sich den Beteiligten stellte war folgende:

  • Ist die DVMB aus Sicht vieler Außenstehender nicht mehr Dienstleister als Selbsthilfeverein, die vorwiegend ehrenamtlich geführt und von Betroffenen getragen wird? 
    Gerade die vielen Angebote, in der Regel in hoher Qualität erbracht, erwecken mitunter den Eindruck, dass da durchweg Profis am Werk sind. Die besonders informative Website lässt nicht mehr erkennen, dass es sich um eine Organisation von Betroffenen handelt, die darauf angewiesen sind, dass Mitstreiter ins Boot finden.
Stolperstein 2

Die Nachfolgesicherung ist auf allen Ebenen der DVMB ein Dauerbrenner und bald wird das Thema auch in der Geschäftsstelle ankommen, wenn der langjährige Geschäftsführer sein Amt übergibt. Das will rechtzeitig vorbereitet sein.
Klar ist auch, dass Nachfolge nicht nur ein Schritt ist, sondern verschiedene Phasen notwendig sind, bevor ein Neuer oder eine Neue die Bühne betritt. In jeder Phase (siehe Bild) sind unterschiedliche Maßnahmen und Strategien vorgesehen, die im Workshop durchgesprochen werden.

Übergabekreislauf

Diskutiert werden auch verschiedene Thesen zur Nachfolge in der Selbsthilfe:

Stolperstein Kernaufgaben und gegenseitige Erwartungen

Ein weiterer Stolperstein, der aus dem Weg geräumt werden muss, ist die Klärung der Kernaufgaben. Haben alle Ebenen dieselben Erwartungen an die jeweils notwendigen Anforderungen, an die Kommunikation und die Ablaufstruktur. Wer ist genau wofür zuständig?

Aufbau der DVMB: Eines und viele zugleich!

Durch die verschiedenen Ebenen mit teilweise eigenständigen Landes- und Regionalverbänden sowie lokalen Gruppen ist eine SHO immer „Eines und viele zugleich“. Die einzelnen „Teile“ existieren nebeneinander und gleichzeitig miteinander als Ganzes. Führung findet auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig statt. Alle ringen um eine eigene Identität, so dass viele Teilidentitäten zu einem gemeinsamen Ganzen verknüpft werden müssen. Dahinter stecken verschiedene Fragen: „Passen wir noch unter ein Dach?“
Die Verantwortlichen stehen vor der großen Aufgabe, die verschiedenen Interessen der selbständig agierenden Einheiten sinnstiftend miteinander zu verbinden, gemeinsame Ziele zu finden und eine von allen geteilte Identität zu entwickeln. Denn jede einzelne Gruppierung bleibt auf lange Sicht nur so lange unter dem gemeinsamen Dach, wie sie einen Nutzen erkennt.
Gleichzeitig gilt es einen Umgang mit der Vielfalt zu finden: wie viel Einheitlichkeit ist möglich? Wie viel Vielfalt nötig?
Die aktuelle Auseinandersetzung mit wichtigen Themen (v.a. auch die Durchführung der Workshops) in der DVMB ist also ein notwendiger und für SHO normaler Prozess. Solche Diskussionen müssen geführt werden – immer wieder neu.

Kultur in der DVMB

Jeder Verband hat seine eigene Kultur, die von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt ist:

  • Die Erkrankung selbst
  • Die Mitglieder
  • Die Struktur
  • Die Entstehungsgeschichte etc.

Diese Kultur schlägt sich nieder auf den Ton, die Umgangsweise, Traditionen, Auftreten, Konfliktlösungsmuster etc. Interessant ist die Frage, welche Kultur in der DVMB vorherrscht.

Spannungsfelder in Selbsthilfeorganisationen

Jede Organisation hat Spannungsfelder und Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. Die Aufgabe des BV als Führungsinstanz ist es diese immer wieder neu auszubalancieren.
Mögliche Spannungsfelder können sein:

  • BV – LV
  • Alt – jung
  • Männer – Frauen
  • Vorgaben – Eigenständigkeit
  • Vielfalt – Einheitlichkeit
Sind wir ein Team? Der Weg über das Eisfeld!

Die Beteiligten werden im Workshop vor die Aufgabe gestellt, gemeinsam einen Weg zu finden, der über ein fiktives Eisfeld mit vielen möglichen tiefen Löchern führt. Dabei werden folgende Erfahrungen gemacht:

  • Wir sind alle angekommen.
  • Keiner schafft es alleine.
  • Wir mussten uns aufeinander verlassen.
  • Wir haben uns nicht gut abgestimmt. Zuständigkeiten und Rollen waren nicht geklärt.
  • Wir mussten Kontakt zueinander halten. Das hat bei einigen gut geklappt, bei anderen gar nicht.
  • Die Fähigkeiten waren sehr unterschiedlich.
  • Wir waren manchmal zu schnell in der Aktion, ohne zu planen und ohne uns abzustimmen.
  • Wir hätten uns gegenseitig noch mehr unterstützen können.
  • Mit Blick aufeinander und in der besseren Wahrnehmung nach außen hätten wir Zeit gespart.
  • Sich vertrauen hilft.
  • Es gab manchmal unterschiedliche Infos: Wem vertrau ich?
  • Wir haben oft mehrfach denselben Fehler gemacht.
  • Hilfe erfahren tat gut.
Bin ich eher Führungskraft? Teamplayer? Einzelkämpfer?
Die Sozialwissenschaftlerin Christine Kirchner bei der Vorstandsklausur im Februar 2017
Die Sozialwissenschaftlerin Christine Kirchner bei der Vorstandsklausur im Februar 2017

Auch zur Frage der jeweiligen bevorzugten Rolle geben sich die Beteiligten Feedback und sind teilweise erstaunt, wie sie wahrgenommen werden.
Abschließend in der Auswertung der beiden Tage vereinbaren die Beteiligten eine „Zukunftswerkstatt 2017/2018“ mit den Ländern.
Als Organisationsentwicklerin und viel Erfahrung in der Begleitung von Selbsthilfeverbänden bin ich beeindruckt vom Engagement und von der Ernsthaftigkeit in der DVMB. Dass rechtzeitig über Nachfolge nachgedacht wird und dass man bereit ist, sich selbst und das Handeln auf den verschiedenen verbandlichen Ebenen auch einmal in Frage zu stellen, zeugt von Weitsicht und vom Willen, neue Wege zu gehen.

Anschrift der Verfasserin:
Ingeborg-Drewitz - Allee 31, 79111 Freiburg