Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 94 (September 2003)

Morbus Bechterew und Iritis: Drei Erfahrungsberichte

Die Iritis (Entzündung der Regenbogenhaut im Auge, bei den Ärzten auch akute anteriore Uveitis genannt) ist eine häufige Begleiterkrankung beim Morbus Bechterew. Bei etwa 40% aller Morbus-Bechterew-Patienten tritt ein- oder mehrmals im Leben eine Iritis auf. Man erkennt eine Iritis daran, dass das Auge schmerzt (vor allem bei großen Helligkeitsunterschieden, bei denen sich die Pupille verengen muss), druckempfindlich ist und sich rötet. Näheres zum Thema Augenbeteiligung bei Morbus Bechterew erfahren Sie im Kapitel "Morbus Bechterew – was ist das?" unter Begleiterkrankungen und in einem Artikel, der im Bechterew-Brief Nr. 84 erschienen ist.
Hier können Sie in drei Erfahrungsberichten lesen, was Morbus-Bechterew-Patienten zum Thema Iritis erlebt haben.

Die Augenklappe - eine wahre Geschichte

von Rainer Klute, Mönchengladbach, Vorstandsmitglied im DVMB-Landesverband Nordrhein-Westfalen und Team-Mitglied für das Morbus-Bechterew-Forum der DVMB im Internet

Iritis? Nie gehört! Bis zu jenem Tag im Sommer vor 22 Jahren. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und plötzlich dieser stechende Schmerz im linken Auge. Es geschah während einer Bundeswehrübung, so dass ein Sanitäter in der Nähe war. „Wird wohl eine Bindehautentzündung sein“, so die einfache Diagnose, und dann noch der gute Rat, doch zum Arzt zu gehen. Abends zum Bundeswehrarzt. Der schaut sich das Auge an, dann die Bestätigung der Diagnose: „Es ist eine Bindehautentzündung“. Ein paar Augentropfen (bei der Bundeswehr gibt es nur Mobilat für „oben“, Kohletabletten für „unten“ und einfache Augentropfen für „alles“) und dann bekam ich sie – meine Augenklappe. Ich sah aus wie ein Pirat, aber die Schmerzen waren immer noch da.
Am nächsten Morgen keine Besserung, knallrotes Auge, starke Schmerzen und von Stunde zu Stunde wurde auch die Sicht trüber und unschärfer. Wieder zum Arzt, dieser doch etwas ratlos, dann die Überweisung in ein Bundeswehrkrankenhaus. Mit einem LKW zum 16 km entfernten Bahnhof in Warburg. Dann zwei Stunden Fahrt mit dem Bummelzug nach Marburg, mit umsteigen in Kassel, und per Bus zum Krankenhaus. Die stechenden Schmerzen waren kaum auszuhalten,  trotz der Augenklappe. Na ja, wenigstens sah man das entzündete Auge nicht mehr. Im Krankenhaus dann die Ernüchterung: kein Aufnahmetag, kein Augenarzt, keine Behandlung. Der ganze Weg war umsonst. Also zurück nach Borgentreich. Mit der Augenklappe und meiner Uniform sah ich bestimmt lustig aus, nur mir war nicht zum Lachen zumute. Jetzt war der Arzt doch besorgt, immerhin war das Auge schon seit mehr als 24 Stunden entzündet.
Wieder mit dem LKW nach Warburg, jetzt aber war unser Ziel das zivile Krankenhaus der Stadt. Mittlerweile war es schon sehr spät am Tag, kurzer Blick vom Bereitschaftsarzt in das Auge mit der Spaltlampe, dann die Diagnose: „Iritis“. Am Rande bemerkt: die Untersuchung mit der Spaltlampe ist bei einer solchen Entzündung im Auge eine richtige Folter. Dann kam der Tadel, weil ich nicht früher gekommen bin, denn die Iritis kann das Auge erheblich schädigen. Ich wurde sofort stationär aufgenommen und jetzt ging’s los mit Tropfen: cortisonhaltigen Augentropfen und Boroscopol. Die ganze Nacht hindurch kam die Nachtschwester mit den Augentropfen, um das Auge zu behandeln.
Am nächsten Morgen sah die Welt schon wesentlich besser aus. Dank der Augentropfen waren die Schmerzen weg und das Auge nicht mehr ganz so rot. Der Augenarzt im Krankenhaus erklärte mir, was eine Iritis ist und wie sie behandelt wird – und was ganz wichtig ist: sofort zum Augenarzt! In diesem Fall hatte ich Glück, dass das Auge nicht geschädigt wurde. Von Morbus Bechterew war zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch keine Rede. Nach 14 Tagen intensiver Behandlung konnte ich das Krankenhaus verlassen.
Seither hatte ich natürlich noch mehrfach Augenentzündungen, aber dank der guten Informationen war ich immer sehr schnell beim Augenarzt. Nur die Augenklappe habe ich nie wieder gebraucht, weil diese bei einer Iritis nutzlos ist.

Fazit: Bei unbekannten Symptomen (Lichtempfindlichkeit, getrübte Sicht, rotes Auge) nicht hoffen, dass sie verschwinden, sondern sofort zum Augenarzt oder am Wochenende in eine Augenklinik. Nie den Kopf hängen lassen! Verdruss bringt gar nichts, nur trübe Gedanken über Gott und die Welt. Nicht grübeln und nach dem Auslöser der Entzündung suchen. Eine Augenentzündung braucht Zeit zum Heilen, mitunter mehrere Wochen.

Anschrift des Verfassers: Breslauer Straße 56, 41199 Mönchengladbach

Die Diagnose - eine andere Geschichte

von Prof. Dr. Ernst Feldtkeller, München, Wissenschaftliche Redaktion Morbus-Bechterew-Journal

1. Akt: Im Herbst 1952 – ich hatte gerade das erste Semester an der Technischen Hochschule in Stuttgart hinter mir – war ich Werkstudent im Kamerawerk von Kodak. Ich arbeitete im Akkord an der Revolverdrehbank, so genannt, weil sechs Werkzeuge gleichzeitig eingespannt waren, die reihum zum Einsatz kamen. Wie die Arbeiter um mich herum hatte ich den „blauen Anton“ an, Hände und Gesicht verschmiert vom Maschinenöl, mit dem das Werkstück geschmiert wurde. Drei Wochen nach Beginn dieser Tätigkeit bekam ich eine Augenentzündung, die ich dem Maschinenöl zuschrieb. Ich arbeitete vorsichtiger, aber das Auge besserte sich nicht. Eine Woche später ging ich zum Augenarzt, der eine Regenbogenhautentzündung feststellte. Ich bekam Cortisontropfen und arbeitete noch drei Tage mit Augenklappe weiter. Dann gab ich die Tätigkeit auf – bald ging sowieso das Semester wieder an.
Ich hatte schon seit 1948 immer wieder Rückenschmerzen, zunächst im Gesäßbereich und Oberschenkel, später vor allem im Nacken - aber das ist eine andere Geschichte.

2. Akt: Im März 1954 war ich mit anderen Studenten zum Skilaufen in den Allgäuer Alpen. Beim Aufstieg zum Hahnenköpfle war es plötzlich wieder da, das Stechen im rechten Auge, vor allem, wenn ich etwas sehr Nahes anschaute. Hatte ich in dieser sonnenüberfluteten Hochgebirgslandschaft zu viel Licht ins Auge bekommen? Der Augenarzt stellte wieder eine Regenbogenhautentzündung fest, und ich konnte nur hoffen, dass sie mit Cortisontropfen genau so schnell verschwinden würde wie beim ersten Mal. Ich spielte in einer Laienspielgruppe mit und konnte die Aufführungen in benachbarten Städten unmöglich absagen. Drei Wochen später stellte der Augenarzt zusätzlich ein Geschwür auf der Augenhornhaut fest. Ich hatte jeden zweiten Tag einen Termin beim Augenarzt. Bis zu den Prüfungsterminen war zum Glück auch diese Episode überstanden.
Die Nackenschmerzen bereiteten mir weiterhin große Probleme. Ein Arzt äußerte einen Verdacht auf Morbus Scheuermann, ein anderer schrieb Cervikalsyndrom als Diagnose auf. Dass das gar keine Diagnose ist, sondern das lateinische Wort für Nackenschmerzen, wusste ich damals noch nicht - aber das ist eine andere Geschichte.

3. Akt: Im September 1956 (ich arbeitete inzwischen im Physikalischen Institut an meiner Diplomarbeit) war das Stechen plötzlich wieder da. In der Augenklinik des Katharinenhospitals war keine Entzündung feststellbar. Ich bekam eine Lesebrille, um das Nah-Akkomodieren zu erleichtern. Eine Woche später war die Iritis feststellbar. Eine Iritis schon zum dritten Mal – da muss ein Herd als Ursache dahinter stecken. Untersuchung in der Kieferklinik, in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Durchleuchtung der Lunge, Röntgenaufnahme des Blinddarms – überall ohne Befund. Nur die Mandeln ließen einen Verdacht auf chronische Tonsillitis (Mandelentzündung) zu. Also Überweisung ins Marienhospital zur Tonsillektomie (operativen Mandel-Entfernung). Das Schlucken fiel danach zunächst schwer, aber die Junge Ordensschwester redete mir so lieb zu, dass ich den Grießbrei trotzdem aß.
Während des Krankenhausaufenthalts bekam ich außer den Augentropfen zweimal täglich Irgapyrin-Zäpfchen, sowie Penizillin. Sonderbarerweise waren vorübergehend auch die Rückenschmerzen verschwunden - aber das ist eine andere Geschichte.

4. Akt: Im Mai 1959 hatte ich meine Promotionsarbeit an der Universität Göttingen fast fertig. Wegen der Nackenschmerzen hatte ich mal wieder einen Orthopäden aufgesucht. Er besah sich neue Röntgenaufnahmen, stellte Syndesmophyten (Knochenbrücken) in der Lendenwirbelsäule fest und eröffnete mir mit ernster Miene, dass ich mein Leben lang mit der Krankheit „Morbus Bechterew“ zu tun haben werde. Er nahm sich viel Zeit, um mir zu erklären, auf was es beim Leben mit dieser Krankheit ankommt. Ich war seit drei Wochen verheiratet und musste meiner Jungen Frau berichten, dass der Arzt auch erwähnte, dass manche Morbus-Bechterew-Patienten später im Rollstuhl enden. Ich bin meiner Frau noch heute nach 44 Jahren dankbar dafür, dass sie daraufhin nicht gleich die Flucht ergriff.
Ich ging in die Bibliothek des gegenüberliegenden Max-Planck-Instituts und sah in mehreren Medizinlexika nach, was dort unter dem Stichwort „Morbus Bechterew“ stand. Da fand ich den Hinweis, dass diese Krankheit häufig mit einer Iritis verknüpft ist.
Also doch keine andere Geschichte!

Anschrift des Verfassers: Michaeliburgstr. 15, 81671 München

Morbus Bechterew und eine besonders schlimme Geschichte

von Von Herbert Wiesner, Bad Brückenau

Mit 9 bis 10 Jahren erste rheumatische Beschwerden, vor allem Hüfte und Knie. Mit 15 Jahren erstmals Iritis, 6 Wochen Krankenhausaufenthalt, Morbus Bechterew nicht erkannt.
1973 bei Röntgenuntersuchung Morbus Bechterew festgestellt – vom Orthopäden.
In den 1960er Jahren 3 mal Iritis in Abständen von 3 Jahren. In den 1970er Jahren jedes Jahr Iritis – Therapie mit Phenylbutazon, Ketazon.
In den 1990er Jahren 2 bis 3 mal im Jahr Iritis – Therapie mit Cortison-Tropfen oder Emulsion. „Ardenne-Methode“ angewandt: Moderate Überwärmung, die in der Krebsbehandlung recht erfolgreich war. Etwa 5–6 Behandlungen. Nach 2 Behandlungen (Dauer 4–6 Wochen) waren die Augen klar.
1999 wurde in der Uni Leipzig Verdacht auf Netzhautbeteiligung festgestellt. Die „Ardenne-Methode“ half nicht mehr.
Starke Schübe, die mit Cortisonspritzen ins Auge behandelt wurden. Sehkraft im Jahre 2000 nur noch 5%, 2001 nur noch 2%.
Ein Auge ist völlig erblindet. Mit dem anderen Auge kontrastreiche Umrisse (Türrahmen) hell-dunkel erkennbar. Menschen, die sich nicht vom Hintergrund abheben, nicht mehr erkennbar.
Heute: Tränende Augen, immer entzündet, täglich Cortisontropfen, Gelenk-Beschwerden, 3 mal wöchentlich Dialyse. Bildschirmlesegerät „Vera“ (das Programm nennt sich „Kurzweil“) mit stark vergrößerndem Monitor. Eine Telefon-Nummer ist z.B. über den ganzen Bildschirm verteilt. Von der Krankenkasse bezahlt.

Anschrift des Verfassers: Lerchenweg 18, 97769 Bad Brückenau