Mit Blick auf das Ganze und Einmal auftanken, bitte!
Frauenseminar 2026 im Schönstattzentrum Marienhöhe in Würzburg
Wie gut das tut! Nach unserer Anreise mit Zug, Bus und Fußmarsch durch die sengende Sonne (Trolli und sperrige Isomatte werden das ein oder andere Mal ganz unchristlich verwünscht) umfängt uns drei Bayreuther nun gelassene Ruhe. Aufatmen und neue Energie tanken ist angesagt, und das wird das Motto für die nächsten Tage.
Wir sind angekommen auf der Marienhöhe hoch über Würzburg, bei den Marienschwestern der Schönstatt-Bewegung. Ihr Tagungshaus heißt jedermann willkommen, Spaziergänger und Radfahrer zum Kaffee, Familien beim Ausflug in den großen Park mit Spielplatz, Pilger zu der kleinen Wallfahrts-Kapelle oder eben Gruppen wie uns zu einer Auszeit mit Mehrwert.
Ende Mai findet hier das diesjährige Frauenseminar des bayerischen DVMB statt, das Angelika Kreitmeier wieder mit viel Engagement organisiert hat.
22 Teilnehmerinnen kommen erwartungsfroh zusammen. Einige kennen sich bereits von vorangegangenen Seminaren, doch Neulinge wie ich fühlen sich ebenfalls sofort aufgenommen. Der Großteil reist aus Bayern und Franken an, aber auch einzelne Teilnehmerinnen aus NRW und Hessen sind dabei.
Der erste Abend dient dem Kennenlernen und einem kurzen Ausblick auf das Programm der kommenden zweieinhalb Tage und das verspricht, interessant zu werden. Ein Schwerpunkt wird die Darmgesundheit bei rheumatischen Erkrankungen sein und was fermentierte Lebensmittel dazu beitragen können. Der zweite Fokus liegt auf der Herangehensweise der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bei Morbus Bechterew. Und im „Rahmenprogramm“ geht es um Stressmanagement, Achtsamkeit und natürlich Bewegung, Bewegung, Bewegung.
Den nächsten Morgen begrüßen wir früh um 8 Uhr gut gelaunt mit einem wunderbaren Frühstück, das keine Wünsche offenlässt.
Anschließend versammeln wir uns zu einer kleinen Meditation im Stuhlkreis. Spätestens jetzt ist jede von uns innerlich angekommen und bereit, sich auf das erste große Thema, die Darmgesundheit, einzulassen.
Referentin Jackie Weber, selbst von Psoriasis-Arthritis betroffen, ist zertifizierte Ernährungsberaterin und Darmimmuntherapeutin.
Sie erklärt, dass ein gesunder Darm von mindestens 500 bis 1000 verschiedenen Mikroorganismen bewohnt ist, zusammen wiegen sie ein bis zwei Kilo! Die Vielfalt dieses Mikrobioms ist entscheidend für eine gute Verdauung, hat darüber hinaus großen Einfluss auf das Immunsystem (70–80 % dessen sitzen im Darm), den Hormonhaushalt und über die Darm-Hirn-Achse auf die mentale Gesundheit.
Was können wir nun für unsere Darmgesundheit tun?
Jackie Weber empfiehlt neben ausreichendem Schlaf und Stressbewältigung eine gute Ernährung auf pflanzlicher Basis. Doch kompletter Verzicht auf weniger gesunde Vorlieben muss nicht sein, ein Prozentsatz von 80% gutem Essen zu 20% weniger gesundem ist absolut in Ordnung. Die Freude am Essen ist auch ein wichtiger Faktor!
Entscheidend für ein vielfältiges Mikrobiom ist eine ebenfalls vielfältige Ernährung mit möglichst wenigen Fertigprodukten.
Fermentierte Lebensmittel unterstützen die Darmflora wirkungsvoll. Beispiele sind Sauerkraut, fermentiertes Gemüse wie Rote Beete, außerdem Kimchi, Miso, Tempeh, Kombucha, Yoghurt und Kefir. Die enthaltenen lebenden Bakterien und Pilze erhöhen die mikrobielle Vielfalt und senken Entzündungswerte im Blut.
Um die Theorie mit der Praxis zu verbinden, gibt es nun eine Probierrunde mit mehreren Sorten Kombucha, fermentiertem Gemüse, Kefir und verschiedenen Sorten Kimchi, wie sie in Reformhäusern und Bioläden geführt werden. Es darf nach Herzenslust probiert werden und das lässt sich keine Teilnehmerin zweimal sagen. Wir tauschen uns aus, manche hat auch schon eigene Erfahrungen mit ähnlichen Produkten oder Selbstgemachtem, wie Kimchi oder Wasserkefir. Uns persönlich schmeckte besonders das Kimchi aus Blumenkohl mit Curry und Kombucha natur und mit Rosenblüten. Da machen wir zu Hause weiter!
Nach einem gesunden und vielseitigen Mittagessen heißt unser nächstes Thema „Stressbewältigung & Achtsamkeit“.
Was bewirkt Stress eigentlich, speziell auf uns Bechtis bezogen?
Stress führt zu Anspannung, Anspannung triggert Entzündung, Entzündung führt zu Schmerz. Der Schmerz wird wahrgenommen - bewertet - und provoziert eine Reaktion.
Um Stress und seine Auswirkungen zu reduzieren, muss dieser Automatismus durchbrochen werden. Es gilt, den kleinen Spielraum zwischen Wahrnehmung und Reaktion für eine Veränderung zu nutzen. Hier kommt „Achtsamkeit“ ins Spiel. Mit Achtsamkeit ist die konzentrierte Aufmerksamkeit auf‘s Jetzt gemeint.
Jackie Weber, auch Fachkraft für Stressmanagement, gibt uns einige konkrete Werkzeuge an die Hand.
- Wahrnehmung ohne Bewertung (einfaches Beobachten, wie unbeteiligt)
- Bewegungen mit voller Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper
- Atemübungen, z. B. zweimal täglich für je drei Minuten, schaffen eine Verbindung zum Nervensystem
In akuten Stresssituationen kann es helfen, kurz innezuhalten und bewusst lange auszuatmen. Oder den Blick in die Ferne zum Horizont zu schicken, was erwiesenermaßen eine beruhigende Wirkung hat. Das Gehirn interpretiert diesen Fokus auf die Weite als Zeichen dafür, dass keine unmittelbare Gefahr droht und gibt ein Signal zur Entspannung mit langsamerer, vertiefter Atmung.
Eine kleine Übung führt uns eindrucksvoll vor Augen, was mit Achtsamkeit gemeint sein kann und wie entschleunigend sie wirkt.
Jede von uns erhält eine getrocknete Himbeere. Unsere Aufgabe ist es nun, unsere volle Aufmerksamkeit auf diese Himbeere zu lenken, sie in allen Details und mit allen Sinnen zu erfahren, ohne zu bewerten. Sie wird rundum genau angeschaut, befühlt, beschnuppert, dann auf die Zunge gelegt und beobachtet, wie sie sich dort langsam von hart und trocken und wenig geschmackvoll zu einer aromatischen, weichen Frucht entwickelt. Dieser langsame, bewusste Prozess hat uns eine ganze Weile komplett in Anspruch genommen und an nichts anderes denken lassen. So geht Achtsamkeit!
Und hier schließt die Referentin den Kreis zum Thema Darmgesundheit: Essen sollte immer entschleunigt und bewusst mit allen Sinnen erfolgen, der guten Verdauung und Stressreduktion zuliebe.
Den heutigen Abschluss macht ein spontanes Brainstorming: Sabine März, die Teilnehmerin, die das Brainstorming leitet, zieht einen interessanten Vergleich: Stress ist wie ein verheddertes Wollknäuel, darum haben Aufräumen und Listen-Schreiben für viele einen besonders entstressenden Effekt. Jede Teilnehmerin steuert eigene Strategien zur Stressbewältigung bei. Heraus kommt eine Sammlung an Tools, die sich unter dem Stichwort „G-E-S-U-N-D“ eingruppieren und so gut merken lassen.
G für Glaube - E für Emotionen - S für Soziale Kontakte - U für Umsicht/Planen (Aufräumen, Putzen) - N für Natürlich leben (Sport, Garten, Tiere) und D für Deutung/Dichtung (Arbeit für‘s Hirn).
Nach so viel Input entspannen wir beim Austausch auf der Terrasse und bei Spaziergängen im Park und in die Umgebung. Immer wieder finden andere Gesprächspartner zusammen, langweilig wird es nie.
Den zweiten Morgen läutet Christina Schneider mit einem Morgenimpuls ein, der uns sehr erfrischt in den Tag starten lässt. Die gewonnene Energie wird sogleich in Bewegung umgesetzt: Wir probieren zusammen eine Folge von 12 Gymnastikübungen der AXIA-App aus. Nur wenige der Anwesenden nutzen die App schon, so dass dies eine gute Gelegenheit ist, einen Einblick zu nehmen.
Am Nachmittag gibt uns Herr Rong Yang, chinesischer Arzt und Heilpraktiker für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), einen spannenden Einblick in sein Gebiet. Die TCM verfolgt den ganzheitlichen Ansatz, der den menschlichen Organismus als Einheit betrachtet. Einzelne Symptome sind immer Ausdruck einer Störung im Zusammenspiel aller Organe und werden daher nie isoliert behandelt. Erklärtes Ziel ist es, den Körper wieder in sein Gleichgewicht zu bringen. Der Schlüssel zu diesem Erfolg ist, den eigenen Körper gut zu kennen.
Eindrucksvolles Beispiel: Wirbelsäulenprobleme. Die Wirbelsäule muss ständig für Ausgleich sorgen: zwischen vorne und hinten (PC-Arbeit führt zu angespanntem Rücken bei lockerer Vorderseite), zwischen rechts und links (einseitige Händigkeit beispielsweise bei der Bedienung des Autos), zwischen oben und unten (in sitzender Position wird der Oberkörper bewegt, der Unterkörper bleibt statisch) und zwischen außen und innen (äußere Muskulatur wird beansprucht, Tiefenmuskulatur vernachlässigt). Bekommt die Wirbelsäule für diese Schwerstarbeit zwischendurch nicht genügend Erholung und neue Energie, kommt es zu Blockaden und Schmerzen. Dazu Rong Yang: „Den Körper spürt man nur, wenn es Blockaden gibt. Wie bei einem schlecht sitzenden Schuh.“
Hilfe für die Wirbelsäule (Bechtis aufgepasst!): Es ist nicht sinnvoll, sich nun als erstes auf Übungen für die Wirbelsäule zu konzentrieren. Stattdessen sollen wir zuerst die Knie, Ellenbogen, Schultern, Hand- und Fußgelenke beweglicher machen. Dadurch verbessern wir die Durchblutung von außen an der Wirbelsäule als Voraussetzung für ihre Besserung.
Rong Yang legt uns dafür drei Sportarten ans Herz: Tanzen, Seilspringen und Schwimmen.
Alle drei bewegen den ganzen Körper, trainieren gleichzeitig Koordination und Kreislauf und - das Wichtigste - man fühlt sich hinterher gestärkt. „Der beste Sport ist der, der nicht müde macht, sondern mit neuer Energie versorgt.“
Der Energiehaushalt ist ein ganz wichtiger Baustein. Der Heilpraktiker vergleicht den Körper mit einem Glas, das Wasser darin ist die Energie. Das Glas hat Löcher, bei dem einen größere oder auch weiter unten angeordnet als bei dem anderen. Der Energielevel wird weniger im Lauf des Tages, nicht allein durch Bewegung, sondern zum Beispiel auch durch die wichtige Arbeit der vielen Entgiftungsorgane (Haut, Darm, Leber, Niere, Blase, Lunge) und die Gehirntätigkeit. Doch damit alles im Gleichgewicht bleibt, muss für sämtliche Vorgänge die individuell benötigte Energie da sein. Daher mit Bedacht einsetzen und für Erholung sorgen.
Und noch ein Rat: Auch im Schlaf brauchen wir Energie. Daher sollten wir mit ungefähr 30% Energiereserve schlafen gehen, nicht erst, wenn gar nichts mehr geht! Da das Gehirn besonders viel Energie braucht und uns auch mal gerne vom Einschlafen abhält, empfiehlt Rong Yang, ein langweiliges (!) Buch im Bett zu lesen oder am Abend eine Runde Schwimmen zu gehen. Hierbei schaltet der Körper auf Überlebensmodus („Hauptsache Luft“) und das Gehirn macht Pause.
Was tun bei eingeschränkter Lungenfunktion? Eine seiner Empfehlungen: Wippen in der Hocke zur Stärkung der Venentätigkeit und damit verbesserte Versorgung der inneren Organe, inklusive Lunge. Zum Abschluss des Vortrages geht der Mediziner auf konkrete Anliegen der Teilnehmerinnen ein. Für jede Fragestellung gibt er individuelle und gut umsetzbare Anregungen. Wieder ein Beispiel für die andere, ganzheitliche Herangehensweise.
Nun geht es zusammen in den Garten, wo wir zuerst einige QiGong-Bewegungen erlernen und dann verschiedene Bewegungsübungen mit viel Eifer und Spaß nachturnen.
Besondere Empfehlung für zu Hause: Rückwärtslaufen, mit vorwärtslaufender Begleitung oder Spiegel/Handy in der Hand. Das stärkt, anders als der normale Spaziergang, die vernachlässigte Bauchmuskulatur und entlastet den Rücken.
Dies sorgt nebenbei für ein Miteinander statt Nebeneinander. Eine Unterhaltung ist somit auch sichtbarer.
Für mich krönt diesen angefüllten Tag ein Abendspaziergang zu viert durch die umgebenden Weinberge bis zu einer kleinen Kapelle hoch über dem Neckartal. Ausgelassen wie Teenager auf Klassenfahrt lachen wir viel, schießen einen Haufen Erinnerungsfotos und genießen den herrlichen Sonnenuntergang mit anschließendem Vollmond. Offensichtlich alles im Gleichgewicht!
Am Sonntagmorgen beschließen wir dieses schöne Wochenende mit einem berührenden Gottesdienst in der kleinen Marienkappelle im Garten des Schönstattzentrums. Christina Schneider hat besinnliche Texte und Lieder zusammengestellt und wir tanken noch einmal auf, soviel nur geht.
Ein großes Dankeschön an Angelika Kreitmeier für die tolle Organisation. Wir sind immer wieder erstaunt, wie sie zu den gewünschten Themen die entsprechende Örtlichkeit und passende Therapeuten findet. Wir hoffen und wünschen uns sehr, dass wir uns nächstes Jahr wiedersehen und ein Seminar stattfinden bzw. gestaltet werden kann. Wird es doch aus heutiger Sicht evtl. keine oder eine sehr geringe Förderung geben. Dies bedeutet eine höhere Eigenleistung. Die Teilnehmerinnen sind sich darüber einig, dass auch ein höherer Anteil diese Tage wert sind. Kann man doch sehr lange von diesem psychisch, physisch und emotional bewegendem Wochenende zehren.
Diese Wartezeit überbrücken wir, denn im Gepäck haben wir neben schönen Erinnerungen an eine gemeinsame Auszeit viele Anregungen, die in der Praxis ausprobiert werden wollen. Und ein Stückchen zugelostes Papier mit dem Namen einer Teilnehmerin, die wir in der Weihnachtszeit mit einer kleinem Wichtelgeschenk überraschen und an die schöne Zeit in Würzburg erinnern dürfen.
Bericht: Sascha Weth, Gruppe Bayreuth