Bewegen oder nicht bewegen -
paradoxer Effekt von körperlicher Bewegung bei Morbus Bechterew
Vereinfachter Kurzbericht über die Veröffentlichung „To move or not to move: the paradoxical effect ofphysical exercise in axial spondyloarthritis“ von u. a. Fabio Massimo Perrotta, Rik Lories, doi: 10.1136/rmdopen-2020-001480,
zusammengefasst von Julia Messner, MBJ-Redaktion
Einführung
Die Veröffentlichung „To move or not to move ...“ diskutiert die aktuellen Erkenntnisse über den Einfluss von biomechanischem Stress und Bewegung auf die Entzündungsprozesse bei entzündlicher Arthritis und axialer Spondyloarthritis (axSpA). Sie berücksichtigt sowohl die positiven Effekte von Bewegung für die
Therapie als auch ihre mögliche paradoxe Wirkung.
Tiermodelle zeigen, wie biomechanischer Stress und körperliche Bewegung zur Entwicklung von Entzündungen und zu neuer Knochenbildung an Sehnenansätzen und Gelenken beitragen können. Dies geschieht, indem das Immunsystem aktiviert wird und Zytokine freigesetzt werden.
Die Bewegungstherapie und Physiotherapie gelten auf der anderen Seite aber als einer der Grundpfeiler bei der Behandlung von Morbus Bechterew, insbesondere für Betroffene mit schwerwiegenden radiologischen Befunden. Obwohl Rehabilitations- und Bewegungsprogramme die Krankheitsaktivität reduzieren, die Funktion der Wirbelsäule und auch die Lebensqualität verbessern, könnte eine spezifische oder übermäßige körperliche Aktivität – darauf deuten Studien hin – paradoxerweise das Ausmaß von Mikroschäden an Sehnenansätzen (enthesialen Stellen) erhöhen und somit Krankheitsverläufe bei Morbus Bechterew verschlechtern.
Die Rolle von körperlicher Betätigung
Tatsächlich sind physiotherapeutische Interventionen für Morbus Bechterew (axSpA) ein wichtiger Bestandteil des Krankheitsmanagements, wobei sie tendenziell wirksamer sind, wenn sie als überwachtes ambulantes Gruppenprogramm durchgeführt werden. Die Grundlage der Physiotherapie bei Morbus Bechterew ist regelmäßige körperliche Bewegung, die gezeigt hat, dass sie die Krankheitsaktivität, Schmerzen und Steifheit reduziert und die körperliche Funktionsfähigkeit, die Brustausdehnung, die Beweglichkeit der Wirbelsäule und die Leistungsfähigkeit von Herz-, Kreislauf- und Atmungssystem bei Betroffenen verbessert. Physiotherapie hat auch das Potenzial, depressive Symptome zu reduzieren.
Verliert die Wirbelsäule an Stabilität und an mechanischem Widerstand gegenüber Belastungen, kann dies ein Auslöser für den Prozess der Knochenneubildung sein. Wenn man berücksichtigt, dass die Wirbelsäule durch durch Muskeln stabilisiert werden kann, wird klar, warum ein gezieltes Bewegungstraining bei richtiger Durchführung von Vorteil sein sollte.
Die Evidenz für die Wirksamkeit von Bewegung ist stark, insbesondere wenn sie mit medikamentöser Behandlung kombiniert wird. Studien haben den vorteilhaften Effekt einer Kombination aus Biologika-Therapie und spezifischen Bewegungsprogrammen im Vergleich zur alleinigen Biologika-Behandlung oder zum alleinigen Training gezeigt.
Es ist nicht bekannt, ob die vorteilhaften Wirkungen von Bewegung vorwiegend auf systemischer (z. B. entzündungshemmender) oder lokaler (z. B. am Sehnenansatz) Ebene auftreten. Studien haben gezeigt, dass Bewegungsübungen bei gesunden Erwachsenen und Menschen mit chronischen Krankheiten entzündungshemmende Effekte haben können.Wenig bekannt ist, welche anatomischen und pathologischen Veränderungen an Sehnenansätzen bei Menschen mit Morbus Bechterew nach Bewegung auftreten. Dies bleibt ein wichtiges Thema für die weitere Forschung.
Bewegung oder Belastung: Was ist falsch?
Es kann sein, dass Bewegung entweder entzündungsfördernde oder entzündungshemmende Folgen für Personen mit entzündlicher Arthritis hat, je nach Art der Bewegung und der lokalen oder systemischen Krankheitsaktivität.
Studien an gesunden Probanden haben gezeigt, dass körperliche Aktivität mit Veränderungen an Sehnenansätzen verbunden ist und dass Patienten mit Psoriasisarthritis, die angaben, Aktivitäten zu vermeiden, deutlich geringere entzündliche Läsionen auf Bildern (Ultraschall) aufwiesen. Darüber hinaus haben einige Studien an Betroffenen mit Morbus Bechterew (axSpA) gezeigt, dass Arbeiter mit manueller Tätigkeit einen stärkeren Krankheitsfortschritt aufweisen als Büroangestellte mit weniger körperlich anstrengenden Jobs. Diese Daten könnten darauf hinweisen, dass körperlich anspruchsvollere Arbeitsplätze Einfluss auf den Beginn und den Verlauf der axSpA-Erkrankung haben.
Es müssen jedoch Störfaktoren wie sozioökonomischer Status (Lebensumstände) und Rauchen berücksichtigt werden. Außerdem ist das männliche Geschlecht klar mit radiographischen Schäden assoziiert, und es sollte berücksichtigt werden, dass Männer in unserer Gesellschaft tendenziell mehr körperlich belastende Jobs als Frauen haben.
Dieses Paradoxon von Nutzen und Schaden von Bewegung bei Morbus Bechterew wurde mit der sogenannten „Goldilocks zone“ („Goldlöckchen-Zone“) beschrieben, die eine Metapher für ein gesundes Mittelmaß zwischen zwei Extremen ist. Sehr geringe Aktivität könnte schädlich sein, aufgrund von Kraftverlust und Gelenkinstabilität, während sehr hohe Aktivität die Sehnenansätze durch wiederholte Traumata schädigen könnte. Die „Goldilocks zone“ wird als „sicherer“ Bereich mit geringem Schadensrisiko angesehen. Bei Morbus Bechterew (axSpA) wurde eine Reduzierung der „Goldilocks zone“ im Vergleich zu gesunden Personen vorgeschlagen .
Das Risiko durch Bewegung scheint von verschiedenen Faktoren abzuhängen. Neben genetischen, immunologischen und mikrobiologischen Faktoren spielen auch Aspekte wie der Ausgangszustand der physischen Verfassung, Lebensgewohnheiten und die Art der Exposition gegenüber biomechanischen Faktoren eine wichtige Rolle. Zum Beispiel entwickelten junge Militärrekruten, die intensives körperliches Training mit sehr wenig Konditionierung erlebten, oft sportbedingte Verletzungen und es wurde nachgewiesen, dass es bei verschiedenen Personen ohne Morbus Bechterew (axSpA), die intensiven körperlichen Aktivitäten ausgesetzt waren, zu Knochenmarködemen an den Iliosakralgelenken kam.
Auf der anderen Seite zeigte eine kürzlich durchgeführte Studie, dass „hohe“ körperliche Aktivität nicht nur die Belastung, die durch die Krankheit entsteht, reduziert, sondern auch die Krankheitsaktivität bei Betroffenen mit Morbus Bechterew (axSpA) verbessert. Das widerlegt Bedenken, dass eine intensive körperliche Betätigung automatisch die Krankheitsaktivität bei Betroffenen mit Morbus Bechterew (axSpA) verschlimmert. Angesichts dieser Ergebnisse scheint es notwendig, Bewegungspläne im Rahmen der Therapie stärker personalisiert auszurichten und das Maß an systemischer und lokaler Fitness des Einzelnen zu berücksichtigen.
Eine weitere interessante Entdeckung steht im Zusammenhang mit dem bekannten Risiko von niedriger Knochenmineraldichte bei Betroffenen mit Morbus Bechterew (axSpA). Das Vorhandensein einer niedrigen Knochenmineraldichte bei Morbus Bechterew wird als Ergebnis eines veränderten Knochenumbaus durch die anhaltende Entzündungen betrachtet. Die antientzündliche Behandlung reduziert die Entzündung und ermöglicht es dem Knochenstoffwechsel, sich zu normalisieren. In diesem Licht könnte körperliche Bewegung, die die Rumpfstabilität verbessert, möglicherweise einen positiven Effekt auf den Knochenstoffwechsel haben.
Bewegung oder Belastung: Was ist falsch?
Biomechanischer Stress könnte mit der Krankheitsentstehung von axSpA zusammenhängen. Weitere Studien zu diesem Thema sind erforderlich. Daher kann noch keine endgültige und umfassende Antwort auf die Frage „Bewegen oder nicht bewegen?“ gegeben werden.
Jedoch haben Bewegung und Physiotherapie ihre Wirksamkeit in der Behandlung von Morbus Bechterew (axSpA) bewiesen. Um die Auswirkungen der verschiedenen Arten von Übungen und Physiotherapie genauer zu untersuchen, sind auch hier weitere Studien notwendig.