Nahrungsmittel-Steckbrief
Radieschen
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Zu einem fröhlichen Start in den Tag gehört bei uns zu Hause spätestens ab Mai die Anwesenheit von ein paar Radieschen auf dem Frühstückstisch. Dass dabei nicht nur der Farbtupfer und das knackig-frische Kauerlebnis zu unserm Wohlergehen beitragen, das wurde mir beim Erstellen dieses Steckbriefes wieder einmal so richtig bewusst.
Botanik, Herkunft und Verbreitung
Radieschen, auch Monats-Rettiche oder (im süddeutschen Raum) Radieserl und botanisch Raphanus sativus var sativus genannt, sind die kleinsten Geschwister der Garten-Rettiche (Raphanus sativus L). Zu diesen gehören auch der weiße Sommerrettich (Raphanus sativus var vitreus), der schwarze Winterrettich (Raphanus sativus var niger) und der ebenso wie das Radieschen schon im Frühsommer erntereife Eiszapfen-Rettich (Raphanus sativus var vitreus).
Die Garten-Rettiche gehören zu den Kreuzblütlern (Brassicaceae), zu denen auch Brokkoli und Rosenkohl (siehe Steckbriefe in MBJ 125 und 155) gehören. Meerrettich ist übrigens – trotz des Namens und entgegen der häufig vertretenen Meinung – nicht näher verwandt mit dem Garten-Rettich, was sein botanischer Name belegt: Armoracia rusticana.
Radieschen-Samen sind absolute Schnellkeimer: Schon wenige Tage nach der Aussaat erscheinen bereits die Keimblätter. Es gibt nur wenige Pflanzen, deren Anbau im eigenen Garten oder auf dem Balkon oder sogar auf der Fensterbank so einfach und beflügelnd ist. Dabei muss auch nicht zwingend auf die fertigen Knollen (Hypokotylknollen), die Speicherorgane der Radieschen, gewartet werden, denn auch die Blätter sind für den Verzehr geeignet und sogar besonders zu empfehlen. Der Boden für den Anbau sollte leicht und nährstoffreich sein. Auch kühlere Temperaturen werden toleriert. Etwa 4 Wochen nach der Aussaat sind die kleinen Knollen erntereif.
Die Heimat des Garten-Rettichs liegt in Südostasien, vermutlich sind der heute noch dort anzutreffende wild wachsende Strandrettich und der Schnabelrettich seine Urahnen. Von dort erfolgte die Verbreitung in ganz Asien, Vorderasien und bis in die östliche Mittelmeer-Region, und ab dem Mittelalter auch in unsere Breiten. Es bildeten sich regional unterschiedlich bevorzugte Kultivierungen der Garten-Rettich-Arten aus. Während in Süddeutschland z. B. der weiße Rettich (Radi) im Anbau dominiert, ist in Rheinland-Pfalz Deutschlands größtes Anbaugebiet für Radieschen entstanden: 85% der im Handel befindlichen deutschen Radieschen (und 50 % der Rettiche) kommen aus der Pfalz.
Kulinarische Verwendung
Die Verwendung des Garten-Rettichs in der Ernährung in China ist seit mindestens 500 v. Chr. belegt. Heutzutage ist der Rettich eines der wichtigsten Gemüse in China. Inzwischen ist die spezielle Kulturform Raphanus sativus var longipimatus vorherrschend, in Japan auch als Daikon bekannt, wobei Knolle und Blätter verwendet werden.
Im alten Ägypten wurden die Bauarbeiter der Cheops-Pyramide mit festen Rationen an Knoblauch, Zwiebeln und Rettich versorgt. Im alten Griechenland und in Rom waren Garten-Rettiche ebenfalls in der Küche geläufig. Im traditionellen fermentierten koreanischen Nationalgericht Kimchi hat der weiße Rettich einen Ehrenplatz. Was wäre eine bayrische Brotzeit ohne Radi und Radieserl?! Sowohl der weiße Rettich als auch die Radieschen werden hierzulande fast ausschließlich roh verzehrt.
Immer beliebter wird das ganzjährige Anzüchten von Sprossen im speziellen Gefäß oder einfach auf der Fensterbank; hier eignen sich Radieschensamen ganz besonders und sie bereichern dann auch den winterlichen Speiseplan/Frühstückstisch. Als es noch nicht üblich war, Kindergeburtstage bei McDonalds zu verbringen, war ein Teller mit Radieschen-Mäusen immer ein Hit bei der abschließenden abendlichen „kalten Platte“.
Brauchtum, Kult, Symbolik
Alljährlich am ersten Juni-Wochenende wird im Zentrum von Deutschlands größtem Radieschen- und Rettich-Anbaugebiet, in Schifferstadt (Pfalz), 5 Tage lang das Rettich-Fest gefeiert, mit Gelegenheit zum Probieren von allerlei Köstlichkeiten rund um Rettich und Radieschen – mit allerlei Belustigungen für Kinder, mit Musik, Tanz, Gesang und natürlich mit einem Feuerwerk als Höhepunkt, unter der Schirmherrschaft des alle zwei Jahre neu gewählten Rettich-Königspaares.
Ungeklärt ist, wie es dazu kam, dass ausgerechnet die Radieschen ein beliebtes geflügeltes Wort bereichern, das den Zustand nach dem – ggf. auch gewaltsamen – Ableben beschreibt. Sowohl ernsthafte Podcasts als auch Kriminalkomödien titeln gerne mit „Radieschen von unten“.
Traditionelle Verwendung als Heilmittel
In der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) wurde und wird Rettich gegen Husten und Heiserkeit (z. B. als Saft mit Ingwer zusammen ausgepresst), gegen Blutungen (Saft mit Honig oder Lotuswurzel gemischt), gegen Probleme beim Wasserlassen (als Suppeneinlage nach vorherigem Tauchen in Honig und anschließendem Rösten der Rettichscheiben) und gegen diverse Verdauungsbeschwerden (gekocht) angewandt.
Im Ayurveda wurde und wird Rettich mit jeweils angepasster Verarbeitung zur Förderung aller drei Doshas (sozusagen Stoffwechsel-Gesamtkörper-Energie-Stimmungs-Ebenen: Vata, Pitta, Kapha) angewandt. Der berühmte griechische Arzt in römischen Diensten Pedanius Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) hat auch den Rettich in sein berühmtes Gesamtwerk über die Heilpflanzen „De materia medica“ aufgenommen.
Der Rettich war – nach seinem recht späten Einzug in Mitteleuropa – bald auch fester Bestandteil in den Klostergärten. Hildegard von Bingen (1098–1179) schreibt, der Rettich „reinigt das Gehirn ... und vermindert die schädlichen Säfte der Eingeweide“. Sie empfiehlt aber nach dem Genuss von rohem Rettich anschließend eine Prise Galgant, damit die Geruchsbelästigung der Umgebung verringert wird. Der berühmte Naturheiler und Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897) meinte: „So wie der Wirt die Lumpen hinauswirft, so wirkt der Rettich im Magen ...“ In Süddeutschland wird der Rettich traditionell auch „das Antibiotikum der Bauern“ genannt.
Warum sind Radieschen (und ihre Geschwister) gerade für Menschen mit Spondyloarthritis so wertvoll?
1. Radieschen können einen Beitrag leisten zur Bekämpfung chronischer Entzündungsprozesse. Dies ist zum einen in ihrem Gehalt an Vitamin C begründet: Mit 27 mg Vitamin C enthalten 100 Gramm Radieschen bereits ¼ des Tagesbedarfs. Vitamin C ist wichtig für das körpereigene System zur Neutralisierung schädlicher freier Radikale. Zum andern enthalten Radieschen (und mehr noch die andern Rettiche) Senfölglykoside (Isothiocyanate). Diese werden, genauso wie es auch bei Brokkoli der Fall ist, durch die ebenfalls in der Pflanze enthaltene Myrosinase beim Kauen bzw. Zerkleinern erst aktiviert. Eine Gemeinschaftsstudie zwischen Nashville/USA und Shanghai/China zeigte, dass sich bei einer Kost, die reich an Rettich und anderen Kreuzblütlern ist, die Konzentrationen von mehreren Botenstoffen der Entzündung (proinflammatorische Zytokine) verringern, speziell TNF-Alpha und Interleukin 6 (Yu Jiang 2014). Weitere antioxidative Inhaltsstoffe in allen Retticharten sind Zimtsäuren und Flavonoide. In den Radieschen sind außerdem, durch die rote Hülle schon angezeigt, Anthocyane enthalten, die eine antioxidative Eigenwirkung haben.
2. Radieschen unterstützen die Abwehr gegen Keime, und zwar sowohl allgemein als auch im gesamten Verdauungstrakt und in den Harnwegen. Hier spielt zum Teil das Vitamin C, aber viel stärker noch der Gehalt an Senfölen eine Rolle; Letztere haben eine quasi desinfizierende Wirkung im Magen-Darm-Trakt. Eine indische Studie (Syed Sultan Beevi 2009) zeigte, dass fünf verschiedene Isothiocyanate, die im Körper aus den Senfölgkykosiden des Rettichs gebildet werden, eine hemmende Wirkung auf das Wachstum von Staphylokokken (St. aureus, St. epidermidis), Salmonellen (S. typhimurium), Enterobakterien (Ent. aerogenes und Ent. cloacae) sowie Coli-Bakterien (Escherichia coli) haben. Nach regelmäßigem Rettich-Genuss wird aber nicht nur im Darm, sondern auch in den Harnwegen das Keimwachstum gehemmt.
3. Radieschen sind nützlich für ein ausgewogenes Mikrobiom im Darm. Dies ist zum einen der desinfizierenden Wirkung der Senfölglykoside zu verdanken, wodurch unerwünschtes Keim-Wachstum unterdrückt wird. Zum andern ist aber auch der Ballaststoffgehalt wichtig, als Prebiotikum zum Erhalt der natürlichen Vielfalt des Mikrobioms. Außerdem enthalten alle Rettich-Arten reichlich Flavonoide, die wiederum günstig für das Mikrobiom im Darm sind (Tobias Goris 2021, Kaeko Morota 2018).
4. Radieschen sind hilfreich in der Vorbeugung vor chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wichtig sind hierbei der Gehalt an Kalium (255 mg/100 Gramm) und an Kämpferol, welche beide dem Erhalt eines normalen Blutdrucks dienen. Darüber hinaus spielen wohl auch die Senföle wieder eine Rolle. Eine japanische Langzeitbeobachtung über die Dauer von 17 Jahren (Nagisa Mori 2019) konnte zeigen, dass bei reichlichem Verzehr von Kreuzblütlern (vor allem Rettich und bestimmte Kohlsorten) die Sterblichkeit insgesamt und vor allem auch die Todesrate durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringert waren. Eine kanadische Studie zeigte bei hohem Verzehr von Kreuzblütlern wie Rettich und Radieschen ein verringertes Risiko für Herzinfarkt (Marilyn C. Cornelis 2007).
5. Radieschen können helfen in der Vorbeugung und in der Therapie des Diabetes mellitus: Die Senfölglykoside verringern nämlich stärkere Blutzuckerschwankungen (Annika Axelsson 2017).
6. Radieschen sind offenbar hilfreich in der Vorbeugung, evtl. sogar in der ergänzenden Therapie diverser Krebserkrankungen. Hierbei spielen die Senfölglykoside, allen voran das aus diesen Senfölen gebildete Allyl-Isothiocyanat, kurz AITC, eine wesentliche Rolle, welches insbesondere vor Krebserkrankungen der Harnblase schützen kann (Peng Liu 2018, Yuesheng Zhang 2010). Auch ein Schutz vor bestimmten Nebenwirkungen der Chemotherapie auf das Herz wurde für die Senfölglykoside gezeigt (Preeti Singh 2015). In der oben unter Punkt 4 erwähnten Langzeit-Studie über die Dauer von 17 Jahren konnte bei hohem Verzehr von Rettich und Kohl auch eine verringerte Sterblichkeit infolge von Krebserkrankungen gezeigt werden.
Einkauf, Lagerung und Anwendung
Radieschen sollten möglichst in Bio-Qualität und zur Saison gekauft werden – oder selbst angebaut werden. Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Niedersachsen aus dem Jahr 2017 zeigte, dass Radieschen aus konventionellem Anbau zu den am meisten mit Pestiziden belasteten Lebensmitteln gehören. Auch ist der Nitratgehalt in konventionell angebauten Radieschen höher als in Bio-Ware. Beim Einkauf sollten die Blätter noch schön prall sein und nicht schlapp herabhängen.
Die Lagerungsdauer der Radieschen-Knollen im Kühlschrank (im Gemüsefach) verlängert sich erheblich, wenn die Blätter abgeschnitten werden und nur ein kurzer Strunk am Radieschen verbleibt. Die Blätter sollten aber möglichst nicht weggeworfen werden, wenn es Bio-Qualität ist; denn sie sind ebenfalls reich an Vitamin C und Senfölen und können z. B. für einen grünen Smoothie oder kleingehackt im Kräuterquark oder für eine Radieschensuppe verwendet werden.
Radieschen-Knollen sind, schön blättrig geschnitten, auf einer Scheibe Brot mit Frischkäse oder Hüttenkäse oder pur ein Leckerbissen. Entgegen den im Internet kursierenden Empfehlungen, die Radieschen und den Rettich vor dem Verzehr zu salzen, empfehle ich Ihnen das nicht: Denn wir haben einerseits ohnehin zu viel Salz in unserer Nahrung und andererseits reduzieren wir mit dem Salz die Schärfe und damit die gesunden Senföle.
Hoffentlich habe ich Ihnen mit diesem Steckbrief ordentlich Appetit gemacht und zur Bereicherung Ihres sommerlichen Speiseplanes beigetragen.