Nahrungsmittel-Steckbrief
Amaranth
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Wenn Sie auf der Liste der Inhaltsstoffe bei Gummibärchen, Bonbons, Fertigpudding, Muffins oder auch beim Lippenstift die E-Nr. 123 (= Amaranth) finden, dann handelt es sich keineswegs um irgendeinen Bestandteil der in diesem Steckbrief vorgestellten Pflanze. Vielmehr wird E 123 synthetisch hergestellt und ist in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie als roter Farbstoff zugelassen. Und außer dem Namen und dem ganz bestimmten Rotton, der eben auch beim roten Amaranth vorkommt, hat E 123 mit dem Nahrungsmittel Amaranth nichts gemeinsam.
Botanik, Herkunft und Verbreitung
Amaranth, teilweise auch Amarant geschrieben, gehört zu den sogenannten Pseudogetreiden, zu denen auch Quinoa und Buchweizen gehören. Pseudogetreide deshalb, weil es zwar ähnlich wie Getreide verwendet werden kann, aber nicht zu den Süßgräsern (mit einem Keimblatt) gehört. Amaranth gehört vielmehr zur Familie der Fuchsschwanzgewächse, botanisch Amaranthaceae (mit 2 Keimblättern) und hierin wiederum zur Gattung Amaranthus. Zu ihr gehören um die 70 verschiedene Arten, die fast über die ganze Welt verstreut vorkommen und seit Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden genutzt werden, je nach Region mit Bevorzugung einzelner Arten. In Süd- und Mittelamerika sind mehr als 50 verschiedene Arten beheimatet, in Asien, Afrika, Australien und Europa insgesamt um die 15.
Die verschiedenen Arten unterscheiden sich durch die Farben der Blätter und Blütenstände, die von grünen über gelb-bronzene bis zu orange-roten und rot-violetten Tönen reichen. Die Blätter von Amaranthus tricolor, in Asien beliebt und verbreitet, bieten ein Farbenspiel von Grün über Gelb bis zu Rot, daher wird diese Art zuweilen auch „Papagei“ genannt. In den Gärten unserer Region wird Amaranth häufig nur zur Zierde angebaut, am meisten verbreitet ist Amaranthus caudatus, der sogenannte Garten-Fuchsschwanz. Der gezielte Anbau als Nahrungsmittel in landwirtschaftlichen Betrieben, z. B. auf der Schwäbischen Alb, nimmt aber zu.
Der Name Amaranth ist aus dem Griechischen „amarantos“ abgeleitet und bedeutet „unvergänglich“ oder „unsterblich“. Im antiken Griechenland und Ägypten war Amaranth bereits bekannt. In Süd- und Mittelamerika bauten Inka bzw. Azteken allerdings schon vor mindestens 4000 Jahren den Amaranth an; daher wird er zuweilen auch „Inkaweizen“ genannt. In den Anden gelang der Anbau des „kiwicha“ sogar bis in 3.500 Meter Höhe über dem Meeresspiegel.
Amaranth gedeiht selbst in kargen Böden, solange zum Zeitpunkt der Keimung genügend Feuchtigkeit vorhanden ist. Die Pflanze wächst sehr schnell, hat ein kräftiges Pfahlwurzelsystem und kann je nach Variante und Bodenqualität bis zu 3 Meter hoch werden, ist aber frostempfindlich. Die entweder in Trauben herabhängenden oder wie Palmwedel hoch aufragenden Blüten- bzw. Fruchtstände sind bis zu 90 cm lang und enthalten Abertausende von winzig kleinen Samenkörnchen, die nach etwa 3–4 Monaten geerntet werden können.
Kulinarische Verwendung
Amaranth zählte bei den Azteken neben Mais und Bohnen zu den Grundnahrungsmitteln, hatte aber auch eine hohe kultische Bedeutung (s. u.). Verwendet wurden vermutlich hauptsächlich die Samen, die vermischt mit Mais vermahlen und in Fladen verbacken wurden; vermutlich gab es aber auch vergorene Produkte aus Amaranth (Blättern oder Fruchtständen).Als Gemüseamaranth sind die Varianten des dreifarbigen Amaranthus tricolor vor allem in Asien verbreitet. Hierzu gehört auch Amaranthus mangostanus L., dessen Verwendung wie Spinat in China ab dem 5./6. Jahrhundert belegt ist. In Korea „bireum“ genannt, wird er gerne in eingelegter, gebratener oder gedämpfter Form als Gemüse („namul“) gereicht. Die in Vietnam beliebte Suppe „Canh Rau Dên“ enthält vor allem Amaranth-Blätter. Die Variante Amaranthus dubius ist z. B. auf Java, in der Karibik und in Westafrika beliebt.Die Tatsache, dass Amaranth mehr wertvolle Inhaltsstoffe als so manches Getreide hat und dabei aber frei von Gluten ist, hat ihm bei uns in jüngster Zeit seinen Weg in die moderne Ernährung geebnet. Gemahlene Amaranth-Samen können beim Brotbacken zum Einsatz kommen, Amaranth-Pops bereichern unser Müsli oder auch den Teig zum Kuchen- oder Waffelbacken.
Symbolik, Historie, Traditionen
Die Azteken sahen in Amaranth mehr als nur ein Nahrungsmittel: Für sie hatte er eine sehr hohe mythische Bedeutung und stellte die Verbindung zu den Göttern her. Er war das Symbol der ewigen Jugend und es hieß, Amaranth verleihe magische Kräfte. In ihren kultischen Ritualen spielte er eine große Rolle. Genau das war der Anlass für die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert, den Anbau und die Verwendung von Amaranth zu verbieten, zugunsten von Weizen und mit dem Ziel der Christianisierung und Ausrottung des alten Götterglaubens der Azteken. Damit wurde aber den Ureinwohnern eine zentrale Nahrungsgrundlage genommen und durch ein ungewohntes und weniger potentes Nahrungsmittel ersetzt. Die tragische Folge – auch in Verbindung mit anderen wenig ruhmreichen Erlassen und Entscheidungen der Europäer – war ein drastischer Schwund der indigenen Bevölkerung, im gesamten Stoffwechsel und Immunsystem geschwächt und noch dazu mit neuen eingeschleppten Krankheitserregern konfrontiert.Nicht nur die Azteken, sondern auch die Griechen der Antike verbanden den Amaranth („amarantos“) mit ihren Göttern. Diese sollen die „ewig blühende Blume“ vor den Sterblichen versteckt haben; diejenigen, die sie trotzdem finden, würden Unsterblichkeit erlangen. In manchen Quellen wird Amaranth auch mit der Göttin Artemis verbunden. Er galt als Symbol der ewigen Schönheit und Beständigkeit sowie der Unvergänglichkeit.Im antiken Ägypten war der Amaranth ein Symbol der Langlebigkeit – heute würde man sagen: der Longevity.Auch in der Bibel findet sich der Begriff „amarantos“, und zwar im NT 1. Petrus 5,4 im Sinne einer „Krone der Herrlichkeit, die nie vergehen wird“.In Kunst und Literatur wurde der Amaranth oft als Metapher für Resilienz genutzt. Die verschiedenen Farben der Amaranth-Varianten werden in der Esoterik mit jeweils eigener Symbolik verbunden: Während der rote Amaranth für Vitalität, Mut und Leidenschaft steht, der violette für Weisheit, Adel und spirituelle Tiefe, soll der weiße für Frieden und Reinheit stehen, der pinkfarbene für Liebe und Freundlichkeit und der goldene für Überfluss, Erfolg und Reichtum.
Traditionelle Verwendung als Heilmittel
In der TCM (Traditionelle chinesische Medizin) hatte der Amaranth bereits seinen Stellenwert. Im 1307 vom Heilkundigen Zou Xuan verfassten Buch „Neues über die Pflege der Alten und wie man seinen Verwandten zu einem langen Leben verhilft“ wird der Saft von Amaranth-Blättern zusammen mit Reis als Brei zur Stärkung der Mitte, d. h. der Magen-Darm-Region empfohlen.In unseren Regionen wurde dem Amaranth jahrhundertelang keine besondere Beachtung geschenkt. Erst in den letzten Jahrzehnten hat er einen Ruf als gesundheitsförderndes Superfood erlangt.
Besondere Inhaltsstoffe
Amaranth zeichnet sich nicht nur durch seinen hohen Gehalt an Proteinen, Mineralstoffen, Spurenelementen und B-Vitaminen aus. Er hat darüber hinaus in allen seinen Pflanzenteilen ein wahres Sinfoniekonzert an sekundären Pflanzenstoffen zu bieten, vor allem an Betalainen und Polyphenolen, hierunter sind vor allem Rutin, Flavonole und Hydroxyzimtsäuren zu nennen. Forschungsgruppen aus Brasilien und aus Mexiko[1], aus Polen und Italien[2] sowie aus Portugal[3] haben vor allem den Gehalt und die Effekte dieser genannten sekundären Pflanzenstoffe beleuchtet.
Warum ist Amaranth gerade für Menschen mit Spondyloarthritis so wertvoll?
Im Folgenden beziehe ich mich sowohl auf das Blattgemüse als auch auf die Samen.
1. Amaranth kann dabei helfen, chronische Entzündungen zu begrenzen. Er hat ein hohes antioxidatives Potential, ausführlich erläutert in einem Review aus Korea von 2020[4] sowie in indischen Arbeiten von 2021[5] sowie 2025[6]. Er enthält sowohl eigenständig antioxidativ wirkende Stoffe, die Polyphenole und Betalaine (siehe voriger Abschnitt) als auch wichtige Stoffe zur Unterstützung unserer körpereigenen antioxidativen Systeme, der sogenannten Redoxkette. Vor allem der Selengehalt ist hier zu erwähnen: je nach Bodenbeschaffenheit seiner Herkunftsregion kann er bis zu 103 µg Selen pro 100 g liefern – und damit mehr als die empfohlene Tagesdosis für Erwachsene (die bei 60–70 µg liegt). Außerdem sind der hohe Zinkgehalt (3,7 mg/100 g) sowie der Eisengehalt von 9 mg/100 g (Tagesdosis für Erwachsene 10 mg) hier wichtig. Die entzündungshemmende Wirkung verschiedener Bestandteile der Pflanze wurde laborexperimentell und im Tierversuch aufgezeigt: sowohl die Botenstoffe der Entzündung (die Zytokine TNF-alpha und Interleukin-1-beta und Interleukin 6) wurden gebremst als auch NF-ĸB als Starter und letztlich verringerten sich auch die COX-2-Enzyme als Umsetzer der Entzündung. Amaranth wirkt also auf einem recht hohen antioxidativen und antientzündlichen Niveau.
2. Amaranth ist hilfreich zur Unterstützung unserer Infektabwehr. Er enthält reichlich Zink (mit 3,7 mg/100 g, empfohlene Tagesdosis für Erwachsene 7–10 mg), was u. a. für die Abwehr gegen Viren wichtig ist. Die am höchsten konzentriert in den roten bis rotvioletten Blättern und Blüten enthaltenen Betalaine haben eine eigenständige antimikrobielle Wirkung. Bestimmte Erreger können sie komplett vernichten, sie sind also bakterizid: Gezeigt wurde das für E. coli,Staphylokokkus aureus und Pseudomonas aeruginosa. Auch eine Wirkung gegen Haut- und Schleimhautpilze ist beschrieben. Darüber hinaus hilft auch das Rutin (ein Polyphenol, welches aus Quercetin entsteht), indem es sowohl die Aufnahme von Vitamin C verbessert als auch den Abbau verringert.
3. Amaranth ist hilfreich für unser Mikrobiom im Darm. Er enthält mit 10,3 g pro 100 g reichlich Ballaststoffe. Außerdem ist die antimikrobielle und antimykotische Wirksamkeit hier hilfreich. Für Menschen mit einer Empfindlichkeit gegenüber Gluten oder gar einer Zöliakie ist darüber hinaus noch wichtig, dass Amaranth komplett glutenfrei ist.
4. Amaranth kann unsere Muskulatur und unseren
Knochenstoffwechsel unterstützen und hilfreich in der Vorbeugung vor Sarkopenie und Osteoporose sein. Er ist mit 14,6 g Eiweiß pro 100 g ein potenter Eiweißspender, dabei enthält er hochwertige Aminosäuren wie z. B. Lysin. Mit 308 mg Magnesium in 100 g Amaranth werden unsere Muskeln zusätzlich unterstützt. Und mit 214 mg Calcium pro 100 g sind etwa 20 % des Tagesbedarfs Erwachsener vor allem für den Knochenaufbau gedeckt.
5. Amaranth hat günstige Effekte auf unser Herz-Kreislauf-System. Hier ist einerseits der Kaliumgehalt von 484 mg/100 g zu erwähnen (Tagesdosis 2.000 mg für Erwachsene), dies bei geringem Natriumgehalt (von nur 25 mg/100 g), und außerdem der schon erwähnte Magnesiumgehalt. Vor allem aber spielt das Polyphenol Rutin wieder eine Rolle: Es wirkt gefäßschützend und leicht gerinnungshemmend. Und im Weiteren sind die Betalaine wichtig, denn sie haben eine Wirkung, die einer wichtigen Gruppe von blutdrucksenkenden Medikamenten entspricht: Sie hemmen ACE. Außerdem enthält Amaranth recht viel Vitamin B1 (0,8 mg/100 g, Tagesdosis 1,1 mg), welches wichtig für den gesamten Energiestoffwechsel ist.
6. Amaranth ist hilfreich für den Cholesterinstoffwechsel. Im Tierversuch wurde gezeigt, dass bei Gabe von Betalainen aus Amaranthus tricolor sowohl die Blutspiegel für die Triglyceride, das Gesamtcholesterin und die LDL-Fraktion sanken als auch der Spiegel für die HDL-Cholesterin-Fraktion (das sogenannte „gute Cholesterin“) anstieg.
7. Amaranth hat ein antidiabetisches Potential, kann also bei der Vorbeugung und Behandlung von Diabetes Typ 2 helfen. Eine mexikanische Arbeitsgruppe hat in einem Review von 2024 alle entsprechenden Forschungsergebnisse zusammengefasst.[7] Die antidiabetische Wirksamkeit betrifft sowohl die Verwendung der Blätter als auch der Samen. Im Tierversuch wurde nach Fütterung von Amaranth eine Senkung des Glucosespiegels gezeigt, erklärt wird dies durch eine Hemmung der alpha-Glucosidase und der alpha-Amylase durch die Betalaine.
8. Amaranth kann uns offenbar unterstützen in der Vorbeugung bestimmter Krebsarten. Die Betalaine haben eine doppelt wichtige Funktion: Sie verstärken die Apoptose, d. h. den Zelltod von Krebszellen und deren Vorstufen, und darüber hinaus wirken sie wachstumshemmend auf diese Zellen.
9. Amaranth hat ein neuroprotektives Potential. Er kann uns unterstützen in der geistigen Leistungsfähigkeit – bis hin zur Vorbeugung von Alzheimer-Demenz.Dies wird erklärt durch das Zusammenwirken der Betalaine, des Rutin, der weiteren enthaltenen Flavonoide sowie des Vitamin B1.
Achtung: Amaranth enthält – ähnlich wie Spinat – recht viel Oxalat, was Personen mit Nierensteinen einkalkulieren müssen. Amaranth enthält außerdem – wie fast alle Samen und Hülsenfrüchte – viel Phytinsäure; diese kann einerseits bei Menschen mit empfindlichem Darm zu Blähungen führen und andererseits kann sie die Aufnahme von Calcium, Magnesium, Zink und Eisen im Darm behindern, da sie Komplexe mit diesen Stoffen eingeht. Wie man diesem Problem begegnet, lesen Sie im nächsten Absatz.
Einkauf, Lagerung, Anbau und Verwendung
Amaranth sollte man möglichst in Bioqualität kaufen; Gemüseamaranth ist bei uns kaum erhältlich, weshalb sich dafür der Eigenanbau lohnt. Da die Pflanze ein Nitratsammler ist, sollte man auf großzügige Düngung besser verzichten. Aus welchen Herkunftsländern Sie die Amaranth-Körner beziehen, kann aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilt werden. Einerseits heißt es, dass im Hochland Südamerikas angebauter Amaranth besonders nährstoffreich ist. Andererseits sollte man bei Nahrungsmitteln, deren Transport über Tausende Kilometer erfolgt, doch die Klimabalance im Blick haben. Es gibt jedenfalls inzwischen auch kleine Anbaugebiete in Deutschland, wie z. B. auf der Schwäbischen Alb. Und hier können Sie Amaranth-Körner in Bioqualität auch online bestellen.Amaranth soll trocken und möglichst kühl und dunkel aufbewahrt werden, was die Samen/Körner angeht. Das gilt auch für gepoppten Amaranth. Die Blätter sind natürlich frisch am besten.Die Phytinsäure in den Samen können Sie durch Einweichen, gründliches Waschen mit warmem Wasser, Kochen, Fermentieren oder Rösten vermindern. Oder Sie verwenden Amaranth-Pops.Wenn Sie gemahlenen Amaranth zum Brotbacken verwenden wollen, sollten Sie bedenken, dass er keinen Kleber, also kein Gluten enthält. Mit Zugabe von Amaranth-Pops können Sie Ihr Müsli aufwerten, oder auch Teige für Waffeln oder Kuchen auflockern, oder feine Desserts zaubern. Die Blätter vom Gemüseamaranth können Sie wie Spinat verwenden, oder im koreanischen Kimchi mit fermentieren lassen. Am besten machen Sie sich aber kundig in der asiatischen Küche. Und nun wünsche ich Ihnen viel Freude beim Experimentieren mit diesem oftmals so unterschätzten wertvollen Lebensmittel.